BERLIN (BLK) – Die „NZZ“ rezensiert „Schweizer unter dem Kreuz des Südens“ von Jeroen Dewulf, Louise Glücks „Averno“ und Thomas Hettches „Fahrtenbuch 1993–2007“. Die „SZ“ bespricht Barbara Sichtermanns „Pubertät“ und Georg Fülberths „Finis Germaniae“. Außerdem in der Presseschau: Roman Simic, Peter Temple und Rebiya Kadeer.
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“
„In was wir uns verlieben“ von Roman Simic sei das erste auf Deutsch erschienene Buch des Kroaten, teilt die „FAZ“ mit. Simic gehöre in seinem Land bereits zu einer festen Größe des Literaturbetriebs. In seinen vorliegenden 11 Erzählungen sei der Krieg immer anwesend, schreibt die „FAZ“. Er gehöre zu den Realien des Lebens wie anderswo ein Auto oder ein Baum. Obwohl er nie im Mittelpunkt stehe, scheine der Krieg aber doch die große Leerstelle zu sein, um den die Geschichten mit ihren „Desorientierten und Gescheiterten“ beharrlich kreisen würden. Die Rezensentin lobt die Erzählungen, welche als schnelle und lakonische Skizzen à la Raymond Carver (1938-1988) funktionieren würden.
„Frankfurter Rundschau“
Peter Temples Roman „Shooting Star“ sei der „witzigste und der traurigste Krimianfang der Saison“, meint die „FR“. Der Australier schildere sein Land als eines der gesellschaftlichen Konflikte und Härten, der Armut, Kleinkriminalität und Drogenabhängigkeiten. Es habe nichts mit dem Urlaubsland zu tun, das man so großartig bebildern könne. Die Handlung sei, obwohl spannend, nicht das Wichtigste bei Peter Temple. Es sei die Mischung aus Lakonik, Illusionslosigkeit und Menschenliebe sowie die Wahrheit seiner sparsamen Dialoge, die skrupulöse Zeichnung seiner Charaktere, die nie bloße Vehikel einer Handlung seien. Ein Happy-End könne man von Temple nicht haben, resümiert die Rezensentin.
„Neue Zürcher Zeitung“
Die Stärke von den Gedichten Louise Glücks sei, dass sie im gleichen Atemzug robust und verletzlich seien, meint die „NZZ“. „Averno“, ihr zehnter Gedichtband sei möglicherweise der am besten Komponierte der Lyrikerin. Der Lago d’Averno, ein kleiner Kratersee in den Phlegräischen Feldern, einem westlich des Vesuvs gelegenen Gebiet hoher vulkanischer Aktivität, sei der Ort, wo ihre Gedichte spielten. Die Düsternis der Landschaftskulisse werde allerdings in psychische Gefilde verlegt. Ebenso seien die Bezüge zum antiken Persephone-Mythos derart weiträumig angelegt, dass sich verschiedene zeitgenössische Interpretationen anbieten würden. Selbst etwas verbrauchte Metaphern wie Licht, Erde, Schatten bekämen eine moderne Berechtigung verleiht, findet die „NZZ“.
Thomas Hettches „Fahrtenbuch 1993–2007“ versammelt laut „NZZ“ verstreut erschienene Texte seit seinem Romandebüt „Ludwig stirbt“ von 1989. Sie seien gruppiert nach Gattungen, die man behelfsmäßig mit Zeitbetrachtungen, Kulturkritik, Reisebericht und Ästhetischem bezeichnen könne. Der Erzähler Hettche verfüge in hohem Masse über das Handwerk eines erstklassigen Journalisten: Sinn für Zusammenhänge und „Subtexte“, eine niemals selbstzweckliche Universalbildung und eine schöpferische Sprache. Seine unbestechlichen privaten Wahrnehmungen übersetze er mit Überzeugungseleganz ins Allgemeine. Sowohl die kürzlich entstandene Venedigreportage als auch der frühe Bericht über die Entstehung der Gartenarchitektur auf der Pfaueninsel seien Beispiele dafür, wie souverän er Geschichte und Gegenwart zusammenbringe, schreibt die „NZZ“.
„Schweizer unter dem Kreuz des Südens“ sei eine umfangreiche und anregende Studie des belgischen Germanisten Jeroen Dewulf, schreibt die „NZZ“. Dewulf untersuche an einem breiten Korpus von literarischen und wissenschaftlichen Texten sowie von Reiseberichten, was der schweizerischen Optik an Brasilien besonders auffalle. In seiner weitgespannten und aufmerksamen Lektüre komme Dewulf immer wieder auf die entscheidende Frage zurück, unter welchen Voraussetzungen und wie über eine andere Kultur geschrieben werden könne.
„Süddeutsche Zeitung“
Barbara Sichtermann habe ein „wohlwollendes Buch über die Pubertät“ geschrieben, meint die „SZ“. Vor fünf Jahren habe sie bereits ein Ratgeberbuch zu dem Thema verfasst, woraus nun ein Grundlagenbuch entstanden sei, dem als „Erklärungsschüssel“ die Sexualität diene, schreibt die Rezensentin Kathrin Kommerell. Die „verfrühte Sexualisierung der Mädchen“ sei Sichtermann dabei ein großes Anliegen, findet die Rezensentin, hält ihren „biologistischen Fatalismus“ jedoch manchmal für ärgerlich.
Georg Fülberths „Finis Germaniae“ sei die fünfte Auflage eines erweiterten und umgebauten Textes aus dem Jahr 1983, schreibt die „SZ“. „Bemerkenswerte Thesen und Deutungen fehlen“, bemängelt der Rezensent Werner Bührer. Der Autor, ein marxistischer Professor, versuche zu zeigen, dass „in der Bundesrepublik auch nicht alles Gold war, was glänzte“. Die Lektüre lohne sich dennoch, um zu sehen, wie jemand mit Fülberths Sympathisierung für die DDR die Geschichte deute, meint Bührer.
Die „SZ“ bespricht das Buch „Bitte informieren Sie Allah! Terrornetzwerk Pakistan“ des Journalisten Ulrich Ladurner. Pakistan sei seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt und gelte als gefährlichstes Land der Welt, meint Rezensent Tobias Matern. Ladurner gelinge es mit seinem „ausgewogenen, sehr prägnanten Buch“ allerdings „jenseits der Klischees einen Einblick in die verschiedenen, widersprüchlichen, aber gleichermaßen faszinierenden“ Aspekte des Landes zu bieten.
Für das Buch „Die Himmelsstürmerin“ führte die Autorin Alexandra Cavelius mehrere Interviews mit Rebiya Kadeer, schreibt die „SZ“. Dabei sei eine „emotional packende Lebensgeschichte entstanden“, findet der Rezensent Udo Scheer. Kadeer gehöre zu den prominentesten Menschenrechtlerinnen Chinas, teilt Scheer mit, und wurde für den Friedensnobelpreis nominiert. Das Buch zeige „beklemmend eindrucksvoll das andere Gesicht des boomenden Reiches der Mitte“. (tan/wag/wip)
Literaturangaben:
DEWULF, JEROEN: Brasilien mit Brüchen. Schweizer unter dem Kreuz des Südens. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2007. 324 S., 27 €.
FÜLBERTH, GEORG: Finis Germaniae. Deutsche Geschichte seit 1945. PapyRossa Verlag, Köln 2007. 318 S., 19,90 €.
GLÜCK, LOUISE: Averno. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner. Luchterhand Verlag, München 2007. 174 S., 16 €.
HETTCHE, THOMAS: Fahrtenbuch 1993–2007. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 234 S., 18,90 €.
KADEER, REBIYA / CAVELIUS, ALEXANDRA: Die Himmelsstürmerin. Chinas Staatsfeindin Nr. 1 erzählt aus ihrem Leben. Heyne Verlag, München 2007. 416 S., 16-seitiger Bildteil, 19,95 €.
LADURNER, ULRICH: Bitte informieren Sie Allah! Terrornetzwerk Pakistan. Herbig Verlag, München 2008. 238 S., 19,90 €.
SICHTERMANN, BARBARA: Pubertät. Not und Versprechen. Beltz Verlag, Weinheim 2007. 268 S., 17,90 €.
SIMIC, ROMAN: In was wir uns verlieben. Erzählungen. Aus dem Kroatischen von Aida Bremer. Mit einer Audio-CD mit der von Sasa Stanisic eingesprochenen Titelerzählung. Voland & Quist, Dresden 2007. 221 S., 18,90 €.
TEMPLE, PETER: Shooting Star. Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. C. Bertelsmann, München 2008. 288 S., 17,95 €.
Presseschau vom 25. Februar 2008
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