Von Theres Olbrich
Verwirrung – jedes Jahr aufs Neue, wenn schon im September sämtliche Weihnachtsleckereien in den Supermärkten ausliegen – es gibt alles, was das Herz begehrt: Spekulatius, Lebkuchen, Dominosteine und natürlich den „klassischen“ Glühwein aus dem Tetra-Pack. Die Freude ist groß und der Magen schon bald überfüllt, sodass zur eigentlichen Weihnachtszeit niemand mehr Lust auf Weihnachtsgebäck hat, geschweige denn auch nur anzusehen vermag, ohne dass ein Würgereiz einsetzt. Der Höhepunkt der „VOR-Weihnachtszeit“ ist spätestens Anfang Dezember erreicht, wenn einen die Radiosender mit „Last Christmas“ solange gequält haben, dass jede Zeile ohne Schwierigkeiten mitgesungen werden kann.
Wenn die Zeit der überfüllten Stadtzentren und albern geschmückten Straßen gekommen ist – nun ja – gleicht es einem Bombardement an angeblichen Super-Schnäppchen. Im Bewusstsein, von Menschenmassen hin und her geschubst zu werden, stürzt man sich dennoch früher oder später ins Getümmel der Tütenschlepperbrigaden, um seinen Liebsten mit ein paar Socken eine „Freude“ zu bereiten.
Und irgendwann kommt die Frage auf: „Wann soll ich damit beginnen?“ Zu meinem Outing: Ich bin eine überzeugte Last-Minute-Käuferin. Eine Woche vor Weihnachten genügt, manchmal dürfen es auch einige Stunden davor sein – ausreichend Zeit für ein Geschenk von Herzen. Ich meine – wer stürzt sich schon freiwillig in das Gewimmel von verzweifelten Ehemännern, die versuchen im letzten Moment das schönste Parfüm für die Liebste zu kaufen, unter dem Vorwand kurz noch Süßkartoffeln zu besorgen - wenn es nicht aus Liebe wär? Neben schmerzenden Füßen und chronisch leerem Geldbeutel versuche ich meist noch ein stilvoll vor sich hinträllerndes Rentier auf den Wühltischen zu ergattern – das bringt vielleicht Laune.
Beneidenswert sind natürlich jene Menschen, die es erstaunlicherweise schaffen, schon Anfang Herbst alle Geschenke beisammen zu haben. Selbst die Zutaten für alle Plätzchenrezepte liegen schon bereit, damit man früh genug damit beginnen kann, seine komplette Familie, Kollegen, Freunde und sogar Haustiere bis zur Dachkante mit hausgemachtem Gebäck einzudecken – oder besser – zu mästen. Bevor im Frühjahr die Hälfte im Müllcontainer landet, weil man Enten damit erschlagen könnte.
Doch gerade dieser Aufruhr macht Weihnachten doch zu einem so einzigartigen Fest. Die Leute schlagen sich in Saturn-Elektromärkten um das beste Schnäppchen. Die Stadt erstickt inklusive der Weihnachtsmärkte in Menschenmassen. Der Clou ist, wirklich jeder ist dort zu finden – meist betrunken oder in Begleitung des geliebten Partners, Besinnlichkeit „heuchelnd“. Statt Weihnachtsatmosphäre mit schneebedecktem Boden und Dächern, liegt ein ekelhafter Grauschleier in der Luft und dunkelbrauner Matsch befindet sich unter den Schuhen, der zu allem Überfluss den weißen Teppichboden versaut.
Und zu Hause kümmert sich das Oberhaupt der Familie, wie jedes Jahr, um die Besorgung des Weihnachtsbaums. Mein Vater ist dabei immer besonders – nennen wir es – flexibel kreativ. Man muss ihm zugute halten, dass er kein Mann der Hektik ist. Er erledigt nie etwas in der letzten Minute. Er lässt sich Zeit – spätestens bis ein Tag vor Heiligabend. Und ich bin mir sicher, er begutachtet gründlich jede Tanne und wägt gut ab. Doch fehlt ihm wohl leider das ästhetische Frauen-Gen. Stolz kommt er jedes Jahr von seiner Einkaufstour zurück mit dem gefesselten Baum unterm Arm, und noch während der abgesägte Baumstumpf im Wasserbad des Tannenbaumhalters seine letzte Ruhe findet, rätselt die Familie, was uns wohl diesmal erwartet, wenn wir das Netz lösen. Und es ist – Trommelwirbel – eine mickrige Fichte, deren Stamm so schief ist, dass er geradezu den Turm Pisas ersetzen könnte. Ganz abgesehen vom Verlust der Nadeln lässt er vor allem Mitleid aufkommen.
Doch das heikle Thema des Baumes verlangt gerade in diesen besinnlichen Tagen enormes diplomatisches Geschick – von der ganzen Familie. Mit ungläubiger Miene versuche ich, mir ein Lächeln abzuwürgen und ein paar nette Worte zu finden, um Papa glücklich zu sehen und nicht in seiner Position als Familienoberhaupt zu kränken. Wobei die netten Worte sich in Sätzen wie „Hmmm, schön – aber er hätte vielleicht oben auch noch ein paar Nadeln haben können“ erschöpfen. Doch leider ist unsere Familie nun wirklich nicht mit Schauspielkünsten gesegnet und somit ist die Stimmung von Vaters Seite aus relativ schnell am Nullpunkt. Die Gemüter sind erhitzt und auch Mutter beschäftigt der Baum sehr – schon bald ist sie genervt vom Handstaubsauger, der alle paar Minuten die Nadeln des Baumes frisst. Abgerundet wird der Heilige Abend mit einer heftigen Diskussion über den sterbenden grünen Freund im Wohnzimmer und der verbrannten Gans im Ofen. Zudem ist es sehr fraglich, ob Gänse, Karpfen und Truthähne das Weihnachtsfest als Fest der Freude betrachten.
Alles in allem eine gelungene Weihnachtszeit, wie jedes Jahr – die Familie, inklusive Verwandtschaft, streitet und ich kann mich ganz allein mir widmen – mit einer Zigarette und Glühwein auf dem Balkon (den ich im Übrigen mit viel Wein, etwas Zimt, Anis und Zitrone selbst zubereite) – eingemummelt in eine Decke begnüge ich mich mit Kim Fischers Weihnachts-Ratgeber „Schöne Bescherung“. „Gönnen Sie sich und Ihren Lieben Entspannung pur zum Fest“ – so und nicht anders.
Theres Olbrich, geb. 1989 in Erfurt, absolviert derzeit ein redaktionelles Praktikum bei der „Berliner Literaturkritik“. Wir wünschen ihr eine „besinnliche“ Vor-, Haupt- und Nach-Weihnachtszeit.