Werbung

Werbung

Werbung

100 Jahre Rowohlt Verlag: „Tummelplatz der freien Geister“

Das erste Buch, das Ernst Rowohlt verlegte, war der Gedichtband „Lieder der Sommernächte“ seines Bremer Schulfreundes Gustav Edzard

© Die Berliner Literaturkritik, 25.03.08

 

Von Carola Große-Wilde

REINBEK (BLK) – „Einen Tummelplatz der freien Geister“ nannte Ernst Rowohlt seinen Verlag, den er als junger Buchhändler-Volontär 1908 in Leipzig gründete. Und er muss ihn wirklich geliebt haben, denn 1919 in Berlin und 1945 in Stuttgart und wenig später in Hamburg folgten zwei Neugründungen. Heute versammelt sich unter dem Dach von Rowohlt in Reinbek bei Hamburg eine Gruppe von Verlagen – mit so bedeutenden Schriftstellern wie Kurt Tucholsky, Ernest Hemingway, Albert Camus, Peter Rühmkorf, John Updike, Paul Auster oder Elfriede Jelinek, Martin Walser und Daniel Kehlmann. Mit einer großen Jubiläumskampagne, die auf der Leipziger Buchmesse (13. bis 16. März 2008) startete und auf der Frankfurter Buchmesse endet, feiert der Verlag in diesem Jahr seine 100-jährige Verlagsgeschichte.

„Was war die Leistung der beiden Rowohlt-Gründer? Was hat sie ausgemacht?“, fragt Verleger Alexander Fest in seinem Vorwort zur Verlagschronik „100 Jahre Rowohlt“ – neben Ernst Rowohlt übernahm seit Ende der 1930er Jahre zunehmend sein Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt Aufgaben im Verlag. „Vielleicht in erster Linie dies: dass sie jederzeit imstande waren zu umreißen, was für einen Schriftsteller ein Zuhause sein könnte.“ Ein Zuhause, das wurde der Rowohlt Verlag für viele Schriftsteller, mit denen die Rowohlts oft ein freundschaftliches Verhältnis pflegten, so etwa zu Ernest Hemingway und Henry Miller.

Das erste Buch, das Ernst Rowohlt verlegte, war der Gedichtband „Lieder der Sommernächte“ seines Bremer Schulfreundes Gustav Edzard. Dass das Buch mit einer bescheidenen Auflage von 300 Exemplaren floppte, irritierte den 20-Jährigen nicht. Der junge Mann, der zunächst eine Banklehre absolvieren musste, hatte seinen Traum verwirklicht! Mit viel Einfallsreichtum und Gespür für Autoren wurde aus dem jungen Haus Rowohlt schon nach kurzer Zeit ein gewichtiger Verlag. Schon damals überraschte das Programm mit seiner Vielseitigkeit, veröffentlichte Rowohlt neben Hans Fallada und Kurt Tucholsky ein Diätbuch aus Amerika und Sinclair Lewis „Elmer Gantry“, der dem Verlag 1930 den ersten Nobelpreis für Literatur bescherte.

Weil Ernst Rowohlt sich weigert, seine jüdischen Lektoren zu entlassen, erhält er 1938 von den Nazis ein Berufsverbot – die Hälfte der Bücher des Verlages werden beschlagnahmt oder verbrannt. Nach dem Krieg kämpft auch Rowohlt wie alle Verlage anfangs mit dem Mangel an Papier. Nach der Devise „Möglichst viele Buchstaben auf möglichst wenig Papier für möglichst wenig Geld“ schlägt der Sohn vor, Romane wie Zeitungen auf der Rotationsmaschine zu drucken – „Rowohlts Rotations-Romane“, abgekürzt „rororo“, waren geboren. Im Dezember 1946 erscheinen die ersten „rororo“ in einer Auflage von jeweils 100.000 Stück, darunter „In einem anderen Land“ von Ernest Hemingway und „Schloss Gripsholm“ von Kurt Tucholsky.

Mit der Währungsreform 1948 beginnt das Ende der Rotationsromane, die Leser wollen keine Notlösungen mehr. Bei einer Reise nach New York lernt Heinrich Maria Ledig-Rowohlt die Massenproduktion von Büchern kennen – das erste Taschenbuch entsteht. Bald wird „rororo“ in der jungen Bundesrepublik zum Synonym für Taschenbücher schlechthin, die Popularität vieler Autoren wären ohne die „rororo“ undenkbar. Außerdem lässt Vater Rowohlt einige Seiten mit Werbung für Zigaretten platzieren – oft in Anspielung auf die Handlung. Kritik an dieser Form der kommerziellen Nutzung von Literatur lässt den Verleger kalt: „Die besten Zeitschriften der Welt verkaufen einen Teil ihrer Seiten an Inserenten, warum macht man das nicht auch mit Büchern?“

Mit dem Archäologie-Roman „Götter, Gräber und Gelehrte“, den Cheflektor Kurt Marek unter dem Pseudonym C. W. Ceram veröffentlicht, gelingt dem Verlag der erste Bestseller – es werden noch etliche folgen. Während der Studentenunruhen 1968 werden die von Fritz J. Raddatz herausgegebenen aktuell-Bände „Rebellion der Studenten“ und „Die neue Opposition“ zum Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition (APO). Nach der Wiedervereinigung führt der Rowohlt Verlag Berlin die politische Linie des Verlages fort. Heute arbeiten 140 Mitarbeiter für den Verlag, zu dem auch die Imprints Kindler und Wunderlich und der Kinderbuchverlag Rotfuchs gehören. An jedem Arbeitstag bringen sie zweieinhalb neue Bücher heraus – das macht rund 500 Taschenbücher und 100 Hardcover-Bände im Jahr. Seit 1983, als Heinrich Maria Ledig-Rowohlt und sein Bruder Harry Rowohlt ihre Gesellschafteranteile verkauften, gehört Rowohlt zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck in Stuttgart.

 

Literatur-Nobelpreisträger bei Rowohlt

HAMBURG (BLK) – Im Rowohlt Verlag, der jetzt seinen 100. Geburtstag feiert, sind Werke zahlreicher Literaturnobelpreisträger erschienen. Vor den Namen steht das Jahr der Nobelpreisvergabe.

1930 – Sinclair Lewis

1938 – Pearl S. Buck

1949 – William Faulkner

1954 – Ernest Hemingway

1955 – Halldór Laxness

1957 – Albert Camus

1964 – Jean-Paul Sartre (verweigert die Annahme)

1977 – Vicente Aleixandre

1978 – Isaac Bashevis Singer

1985 – Claude Simon

1993 – Toni Morrison

1998 – José Saramago

2002 – Imre Kertész

2004 – Elfriede Jelinek

2005 – Harold Pinter

(dpa/wip)

Verlag


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: