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150. Geburtstag von Rudolf Steiner

Zwei neue Biografien über den berühmten Pädagogen

© Die Berliner Literaturkritik, 20.01.11

Ullrich, Heiner: Rudolf Steiner. Leben und Lehre. C.H. Beck München 2010, 266 S., 19,95 €, ISBN 978-3-406- 61205-3.

Gebhardt, Miriam: Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet. DVA München 2011, 368 S., 22,99 €, ISBN 978-3-421- 04473-0.

Von Sibylle Peine

Zum 150. Geburtstag des Begründers der Anthroposophie und Waldorfpädagogik am 27. Februar versuchen zwei neue Bücher eine zeitgemäße Annäherung an das Phänomen Rudolf Steiner. Die beiden Autoren, der Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich und die Historikerin Miriam Gebhardt, gehen dabei unterschiedlich vor, kommen aber in vielen Punkten zu ähnlichen Ergebnissen.

Während man Gebhardts Buch «Rudolf Steiner, ein moderner Prophet» als klassische Biografie bezeichnen kann, gliedert sich Ullrichs etwas schmaleres Werk «Rudolf Steiner, Leben und Lehre» fein säuberlich in Biografie, Lehre, Rezeption und Waldorfpädagogik. Ullrich, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Mainz, versucht eine unaufgeregte Bestandsaufnahme - ebenso weit weg von «enthusiastischer Bewunderung» wie von «Verachtung». Denn zwischen diesen beiden Polen changiert seiner Meinung nach Steiners Bild bis heute.

Tatsächlich gelingt es Ullrich in einer sachlichen, klaren Sprache den oft mystischen, schwer durchschaubaren Steinerschen Kosmos verständlich zu machen. Obwohl durchaus nicht ohne Sympathie für den charismatischen Anthroposophen, spart der Autor nicht mit Kritik. Er spricht der Steinerschen Lehre schlichtweg das Prädikat «Wissenschaft» ab. Anthroposophie sei Weltanschauung. Punktum. Steiners unfreies Menschenbild stößt ihm ebenfalls auf. Der Mensch habe bei ihm nur die Wahl, «die ihm gegebenen Gesetze des Weltenplans zu erfüllen oder diese sich gegen seinen Willen erfüllen zu lassen.» Als größten Erfolg Steiners bezeichnet Ullrich die heute mehr denn je lebendige Waldorfpädagogik.

Das sieht Miriam Gebhardt genauso. Nicht der von Steiner in unzähligen Büchern und Vorträgen dargelegte «anthroposophische Überbau» entfalte heute noch eine große Wirkung, sondern seine lebensreformerischen Projekte. Erfolgreich seien die Waldorfschulen, seine Ideen von einer biologisch-dynamischen Landwirtschaft oder einer ganzheitlichen Medizin, eben «alles was ohne großes Knirschen ins Getriebe des modernen Lebensalltags passt.»

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Gebhardt verfolgt Steiners Weg chronologisch. Sie zeigt, wie aus dem gescheiterten Wissenschaftler und bescheiden lebenden Privatlehrer ein gefeierter «moderner Philosoph», ein «Guru», ein «rastloser Vortragsreisender» wurde. Das Geheimnis von Steiners Erfolg sieht sie nicht zuletzt auch in seinem Auftreten und seiner Vortragskunst. So zitiert sie eine Kritikerin: «Er erscheint in pastoraler Kleidung, schwarz, hochgeschlossen; der dicht gefüllte Saal empfängt ihn mit frenetischem Applaus. Er redet mit klangvoller Stimme, eintönig, pathetisch, salbungsvoll nach Art der Kanzelredner.» Gebhardt macht aus dem blutleeren Heilsbringer einen Menschen mit Ecken und Kanten.

So hinterfragt sie etwa Steiners Sexualität und seine «unromantischen» Ehen. Ein großes Plus des Buchs ist es darüber hinaus, dass es Steiner und seine Lehre konsequent vor dem Hintergrund seiner Zeit erklärt. Indem Gebhardt die geistigen Strömungen und Personen aufzeigt, die auf Steiner einwirkten, nimmt sie ihm natürlich den Nimbus der Einzigartigkeit. Doch das werden die meisten Leser wohl verschmerzen.


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