Von Klaus Hammer
Die Fernsehsendung „Nie wieder keine Ahnung! Malerei“ im SWR mag ja höchst erfolgreich gewesen sein, aber jetzt muss sich das Begleitbuch „Kunst für Einsteiger“ gefallen lassen, als eigenständige Publikation auf seine Brauchbarkeit hin befragt zu werden. Und da ist zunächst einmal Skepsis angesagt, wenn die Drehbuchautoren – die SWR-Redakteure Rolf Schlenker und Simone Reuter – gleich in der Einführung feststellen: „Malerei müsste doch eigentlich das sein, was für Kinder ein Spielplatz ist: Hoch attraktiv, für alle zugänglich, lehrreich. Und man hat jede Menge Spaß, so viel, dass man es immer als zu früh empfindet, wenn man nach Hause muss“. Der Vergleich mit dem „Kinderspielplatz“ ist ebenso nivellierend unpassend, wie dann auch die Methode Bedenken hervorruft, nach der man verfahren will: „bei der man einfach das weglässt, was man (noch) nicht braucht; das, was man braucht, auf die Grundidee reduziert; das Reduzierte so formuliert, dass es jeder versteht“. Und so will man die Geschichte der Malerei von den Anfängen bis heute „befreit von jeglichem Fachchinesisch – runter auf den Erdboden bringen“?
Nun stehen den beiden Redakteuren zwei Fachleute zur Seite: Professor Raimund Wünsche, leitender Sammlungsdirektor der Glyptothek und der Staatlichen Antikensammlung in München, der in der Sendung für die Zeit von den Anfängen der Malerei bis ins späte 19. Jahrhundert zuständig war, und Professor Wolfgang Flatz, selbst Künstler, der für die Kunst der Moderne verantwortlich zeichnete. Sie erläuterten in der Fernsehsendung von vier mal zwei Stunden der Fernsehmoderatorin Enie van de Meikokjes 18.000 Jahre Geschichte der Malerei anhand von nur 14 Bildern. Sie erklärten ein System, wie man alle Gemälde mit Hilfe von nur fünf Grundgattungen ordnen kann, stellten sich der Frage, was einen Künstler eigentlich ausmacht und gaben Tipps, wie man durch ein Museum gehen oder sich einem Kunstwerk nähern soll. Das mag ja visuell für den Fernsehzuschauer ein besonderes Erlebnis gewesen sein, jetzt aber stellt man sich dem Leser – und da gelten andere Regeln und Verfahrensweisen. Das dreidimensionale Fernsehen kann mit Schnitten, Sprüngen und Brüchen arbeiten, Zäsuren setzen. Der eindimensionale Lesetext bedarf aber einer anderen Überzeugungskraft, muss bei allen Vereinfachungen und Zusammenziehungen auf eine annähernd plausible Ganzheit bedacht sein.
Doch zunächst einmal werden die hohen Erwartungen des Lesers, die in der Einführung geweckt wurden, dann doch wieder relativiert: 18.000 Jahre Geschichte der Malerei in nur 14 Bildern erklären zu wollen – „macht das überhaupt Sinn?“ „Natürlich nicht!“ Aber „der Blick für die wesentlichen Umwälzungen in der Geschichte, in denen sich etwas Grundlegendes veränderte“, solle geschärft werden. Das wäre dann wohl doch zu leisten, denn ein Epochenbild wird man kaum vermitteln können, wenn jeweils nur ein Werk einer Epoche zugrunde liegt. Was versteht man in einer Epoche unter Kunst und Malerei, wo lagen die kulturellen Zentren, welches waren die führenden Kunstgattungen? Oder anders gefragt: In welcher Welt schuf der Künstler? Die jeweilige historische Sicht auf die Umgebung, die Inbesitznahme von Welt, Natur und Menschen bestimmen ja zu einem wesentlichen Teil die künstlerische Erfindung des Malers. Aber es ziehen sich zugleich auch bestimmte Themen durch die Kunstepochen. So wird hier in Kurzkapiteln die Malerei der jeweiligen Epoche oder Stilrichtung in Form eines Frage-Antwort-Spiels unter einem jeweils anderen Aspekt untersucht. Die Malerei der Urzeit wird befragt: „Warum begann der Mensch zu malen?“, die der Antike: „Weshalb entstand unsere Kultur ausgerechnet am Mittelmeer?“, die des Mittelalters: „Warum wirken viele Figuren so ungelenk?“, die Renaissance: „Was ist an einem Fluchtpunkt revolutionär?“, der Barock: „Warum es nach dem Dreißigjährigen Krieg protestantische und katholische Kunst gab“. Im Klassizismus lautet die Frage: „Warum erleben antike Motive erneut ein Comeback?“, in der Romantik: „Weshalb es damals alles andere als romantisch zuging“, im Realismus: „Wieso interessierten sich die Maler jetzt für die Darstellung von Mühsal?“, im Impressionismus: „Warum verschwimmen nun die Konturen?“, im Expressionismus: „Warum erscheinen Haare plötzlich blau?“. Und so werden dann auch die abstrakte Malerei, der Kubismus, der Surrealismus, die Pop Art behandelt. Man kann sich natürlich nun fragen, ob das in jedem Fall die wirklichen „Generalthemen“ der jeweiligen Kunstepochen und -richtungen sind. Doch die Beantwortung dieser speziellen Fragen wie auch die Auswahl der Bilder von der Höhlenmalerei aus Lascaux (16.000-15.000 v. Chr.) bis Warhols „Campbell’s Soup Can I“ sind durchaus überzeugend. Hier kann in der Tat die Bildbetrachtung Anleitung und Anregung zum Sehen geben. Was aber kommt denn nun nach Pop Art? Mit der verwirrenden Vielfalt der Gegenwartskunst wird es der Ratsuchende vor allem zu tun haben. Hier hilft ihm aber der „Einsteiger“ nicht weiter.
In einem zweiten Kapitel geht es um das Bild selbst – die Gattungen, Techniken, Preise. „Ist das Porträt die Fotografie von früher“ wird gefragt. Das Stilleben –„ hier kommt es aufs Detail an“ Die Landschaft wird unter dem Aspekt der „Faszination der Naturgewalten“ erfasst. Das Genrebild – eine „Spielwiese für Geschichtsdetektive“. Historienbilder – „bewegende Geschichten!“ Recht flotte Werbesprüche ersetzen hier kunsthistorische Wertungen. Die Maltechniken werden in der Fresko- und Ölmalerei behandelt. Auch die Auskünfte über die Leinwand sind durchaus nützlich. Aber ob Malen ein Gesundheitsrisiko ist oder ob Marder für die Pinselherstellung leiden müssen, wäre nun wirklich entbehrlich gewesen. Die Preise sind nicht auf dem neuesten Stand.
Was den Künstler eigentlich ausmacht, kann sicher Wolfgang Flatz für sich überzeugend beantworten, doch wird man das nicht generalisierend auf andere übertragen können. Was über das Kunstverständnis von Dürer, Caravaggio oder Velasquez, über die „Camera obscura“ oder die „Seele“ des Künstlers gesagt wird, warum eigentlich fast nur Männer gemalt haben oder wie wichtig eigentlich die Musen für sie sind, bleibt Stückwerk und ist höchst austauschbar.
Das letzte Kapitel ist dem Betrachter als Mitspieler im „System Kunst“ vorbehalten. Körper und Raum, Komposition, Farbe und Licht, die verschiedenen Perspektivverfahren u. a. hätten hier behandelt werden müssen. Dass man ein Bild unter ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten kann, wird jedoch simplifizierend unter dem Aspekt einer „passenden Brille“ vorgeführt: Mit der „Öko-Brille“ kommt man einem „Klimakrimi“ im Bild auf die Spur, mit der „Stadtführer-Brille“ kann man Erinnerungen an nicht mehr Vorhandenes nachgehen, aber solche Stadtansichten dienen auch Stadtplanern als Vorlage beim Wiederaufbau von historischen Gebäuden. Mit der „Dresscode-Brille“ kann man an der Kleidung der Figuren deren gesellschaftliche Stellung erkennen, die „Beauty-Brille“ vermittelt die in den Zeiten unterschiedlichen Vorstellungen vom nackten Körper, die „Diagnose-Brille“ lässt uns die Krankheitsbilder in den dargestellten Personen erkennen, die „TÜV-Brille“ (sic!) macht auf Ungereimtes in den Bildern aufmerksam. Abgesehen von den salopp modischen Bezeichnungen können das keineswegs die alleinigen Kriterien sein, unter denen ein Bild zu betrachten ist. Auch nicht die Frage, warum Bilder zu handfesten Skandalen oder warum Attentate auf sie verübt wurden, wozu extra „Zeitreisen“ zu Goyas „Nackter Maja“, zu Manets „Frühstück im Freien“ oder Max Ernsts „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“ unternommen werden. Eher ist dann schon wieder die Frage primär, wo die Grenze zwischen Kunst und Kitsch zu ziehen ist oder wie man durch ein Museum geht.
Zur Nachbereitung der Fernsehsendung „Nie wieder keine Ahnung! Malerei“ mag der „Einsteiger in die Kunst“ durchaus nützlich sein, aber einzig und allein auf ihn verwiesen, dürfte es dem „Kunsteinsteiger“ doch recht schwer fallen, nun in Gesprächen, in Ausstellungen und Museen ein kräftig Wörtchen mitzureden, wenn es um das große Abenteuer Malerei geht.

Literaturangabe:
SCHLENKER, ROLF; REUTER, SIMONE: Kunst für Einsteiger. Belser Verlag, Stuttgart 2009. 176 S., 19,95 €.
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