Die Messe für Antiquariate

Rund 3.000 Besucher werden in Stuttgart erwartet

© Die Berliner Literaturkritik, 25.01.11

Von Christian Volbracht

STUTTGART (BLK) - Internet und digitalisierte Bücher revolutionieren nicht nur den Verlagsbuchhandel, sondern auch das Geschäft mit alten Büchern. Längst verkaufen die deutschen Antiquare mehr Bücher über Internetmarktplätze als in ihren Buchläden oder aus ihren gedruckten Katalogen. Doch das Internet brachte auch einen starken Preisverfall und neue Konkurrenten mit neuen Konzepten.

Wie als Bollwerk gegen die neuen Trends präsentiert sich die Stuttgarter Antiquariatsmesse (28.-30. Januar), die in diesem Jahr zum 50. Mal Treffpunkt für Händler und Sammler aus aller Welt ist. „Kein Zuwachs, kein Rückgang“ bei Ausstellern und Besuchern, sagt Norbert Munsch vom Veranstalter, dem Bund Deutscher Antiquare. Krise? „Das Hochpreissegment ist nicht so betroffen.“ Die Messe prahlt mit einer Bibel aus dem 15. Jahrhundert für 1,4 Millionen Euro.

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Rund 3.000 Besucher werden in Stuttgart erwartet. Die meisten machen auch den Abstecher zur „Antiquaria“-Messe im benachbarten Ludwigsburg, die in diesem Jahr ihr 25. Jubiläum feiert.

„Nicht insgesamt schlecht“ nennt Björn Biester die Lage. Er ist im Börsenverein des Deutschen Buchhandels für den Bereich Antiquariate zuständig. Der Experte beobachtet, wie in Städten wie München, Köln, Hamburg oder Berlin große Antiquariate schließen, Büchermessen schrumpfen oder eingestellt werden. Nur die Buchauktionshäuser seien meist gut durch die Krise gekommen.

Heute sind bei den Antiquariaten Qualität und Spezialisierung entscheidend. Seltene und wichtige Bücher in sehr gutem Zustand fänden Abnehmer, meint Biester. Dabei nutzen heute viele Händler gleich mehrere Vertriebswege gleichzeitig: Ladengeschäft, Katalog, Messen, Auktionen, eigene Websites und mehrere Internetmarktplätze.

Doch die Internet-Hoffnungen vieler Antiquare wurden enttäuscht, berichtet Biester. Auf Internetmarktplätzen wie dem Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) werden zwar Millionen Bücher angeboten, die 1996 begründete internationale Plattform ABE präsentiert gar 140 Millionen Titel. Zunächst kamen auch viele neue Kunden, die aber nun die Angebote international vergleichen konnten. Ein früher lang gesuchtes Buch war plötzlich gar nicht mehr selten, und die Anbieter unterboten sich bei den Preisen. So ging auch die Zahl der Bestellungen beim ZVAB im vergangenen Geschäftsjahr leicht zurück.

Dazu kommt, dass viele Menschen den Handel mit gebrauchten Büchern selbst in die Hand nehmen. Sie verkaufen sie über Ebay oder andere Plattformen: Mit Hilfe der ISBN-Nummer kann man Bücher mit selbst festgelegtem Preis beim Internet-Buchhandel Amazon anbieten oder an Firmen wie den online-Ankaufservice Momox verscherbeln.

Erst die nächsten Jahre sollen zeigen, welche Auswirkungen die zunehmende Digitalisierung alter Bücher und die Herstellung von elektronischen Kopien auf den Handel und die Nutzer hat, meint Biester. Nicht nur Google kopiert kostbare Bücher aus großen Bibliotheken wie der Bayerischen Staatsbibliothek. Anbieter aus USA und England vermarkten Schwarz-Weiß-Kopien von oft schlechter Qualität, die „On demand“ - also auf Bestellung - gedruckt werden.

Viele alte Titel werden heute auch im Projekt der sogenannten Retrospektiven deutschen Nationalbibliothek erfasst, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft mitfinanziert. Es ist ein Verzeichnis und eine Online-Datenbank der deutschen Drucke des 16. - 18. Jahrhunderts, mit zahlreichen vollständig in Farbe digitalisierten Werken.

In Stuttgart ist man dennoch zuversichtlich, dass es genug echte Sammler gibt, die sich auch in Zukunft für kostbare alte Bücher in Originalausgaben, für illuminierte Wiegendrucke, Grafiken, Autographen und Manuskripte begeistern. Das Motto für die Hoffnung im Antiquariats-Handel lautet: Klasse statt Masse.


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