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„Abenteuer“: Jüngers Kriegstagebuch

Erlebnisse des Kriegsfreiwilligen bildeten Grundlage für „In Stahlgewittern“

© Die Berliner Literaturkritik, 12.10.10

Von Wilfried Mommert

Der noch junge und abenteuerdurstige Ernst Jünger wollte eigentlich in Afrika ein gefährliches Leben „im großen Stil“ führen. Stattdessen floh der 19-Jährige vor der verhassten Schule als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg (1914-18) und führte dabei Tagebuch bis zum Schluss. Diese 15 Kladden, in denen der blutjunge und mehrfach verwundete Frontsoldat trotz Trommelfeuer fast täglich seine Eindrücke und Erlebnisse festhielt, bildeten teilweise die Grundlage für Jüngers schon 1920 veröffentlichtes und stilistisch bearbeitetes Kriegstagebuch „In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers“ über seine Erlebnisse an der Westfront.

Der mehrfach ausgezeichnete Soldat mit der schnellen Offizierskarriere nahm später auch am 2. Weltkrieg teil, er erlebte die deutsche Teilung und Wiedervereinigung und starb 1998 im hohen Alter von 102 Jahren.

Jetzt sind die originalen Tagebuchnotizen aus dem Ersten Weltkrieg, die sich seit 1995 im Deutschen Literaturarchiv Marbach befinden, erstmals als Buchausgabe veröffentlicht worden (Klett- Cotta). Für den Herausgeber Helmuth Kiesel gibt es kaum ein anderes Tagebuch, das den Ersten Weltkrieg über so lange Zeit und in solcher Dichte aus der Sicht eines Frontoffiziers dokumentiert. Jünger selbst notierte noch an der Front, an der er schon an eine spätere Veröffentlichung dachte, dass auf diese „Einmaligkeit“ im Vorwort eines künftigen Buches hingewiesen werden müsste.

Die Aufzeichnungen sind ein Wechselbad von schonungslosen, oft auch lakonischen Notizen über die Kriegsgräuel („Das Blut plätscherte wie ein Wasserfall auf den Boden“ nach einem Schuss ins Gesicht eines Kameraden) und vaterländisch-heroischen Bekenntnissen bis zum Schluss, wenn Jünger nüchtern resümiert: „Wir haben viel, vielleicht Alles, auch die Ehre verloren“, es bleibe aber die „ehrenvolle Erinnerung an die herrlichste Armee, die je existiert und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten wurde“, denn „wer sonst hätte unter solchen Verhältnissen wie wir einer Welt von Feinden standgehalten?“

Jüngers zeitweiliger Sekretär Heinz Ludwig Arnold („text+kritik“) verwies in einem Interview auf Erich Maria Remarques berühmtes, 1929 erschienenes Anti-Kriegs-Buch „Im Westen nichts Neues“ und meinte, dessen Quintessenz sei, dass der Krieg eine Generation zerstört habe, Jünger sei aber davon ausgegangen, dass er eine Generation „gestählt“ habe.

Jünger sprach sogar von einem gewissen „Bruderschaftstrinken mit dem Tod“; Thomas Mann meinte, Jünger habe sich in seinen Kriegsabenteuern in eine Welt des „höheren Indianerspiels“ hineingesteigert, „eingesperrt in eine Männerwelt, der die weibliche Hälfte fehlt“, wie später ein Literaturkritiker meinte. Rudolf Augstein nannte Jünger auch einen „kriegsbrünstigen Abenteurer“.

Aber auch wenn Jünger, der später mit Drogen experimentierte, immer wieder Züge von Rausch, Kälte und Distanz zugeschrieben wurden, zeigen seine Tagebuchaufzeichnungen vom Frontalltag doch auch seinen genauen, ungeschminkten Blick für die oft unerträglich scheinende grausame Wirklichkeit. „Es war ein unheimlicher, schauerlicher Totentanz, wie ihn schlimmer keine mittelalterliche Phantasie hätte erfinden können.“ Und: „Der Mensch ist unberechenbar. Im Umgang mit ihm muß man auf alles gefaßt sein“, resümiert der erst 23-jährige Jünger seine unfassbaren Erlebnisse im Kriegsalltag.

Dazu gehört auch die Begegnung beim Kampf Mann gegen Mann mit einem verwundeten, vor ihm liegenden englischen Soldaten auf dem Schlachtfeld, auf den Jünger mit der Pistole losstürmt: „Da hielt er mir flehend eine Karte entgegen. Ich erblickte ein Photo, auf dem eine Frau und mindestens ein halbes Dutzend Kinder waren. Ich freue mich jetzt doch, daß ich meine irrsinnige Wut bezwang und an ihm vorüberschritt.“

Das sind die berührendsten Momente in den Tagebüchern des Frontoffiziers Jünger mitten in der Feuerwalze, die nur zu überstehen war „in einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Aufregung, Blutdurst, Wut und Alkoholgenuß“ (Jünger schildert immer wieder „Kolossalbesäufnisse“ an der Front mitten im Trommelfeuer), um dann die fliehenden „Tommys“ auf dem Schlachtfeld „wie die Hasen abzuschießen“. Im „Stahlgewitter“ heißt es über seine Kameraden, die mit „weidmännischem Eifer bei der Sache“ seien: „Donnerwetter, sieh mal, wie das spritzt! Armer Tommy! Da bleibt kein Auge trocken!“

Auch das Plündern der Leichen gehörte dazu. „Ich verbot es nicht, da ja die Sachen besser bei den Leuten aufgehoben sind, als daß sie verderben.“ Jünger selbst nahm einem Engländer mit einem Kopfschuss durchs Auge sein „wertvolles Zigarettenetui“ ab. Und wenn einer seiner Soldaten mal nicht nach vorne stürmen wollte mit der Begründung „Ich habe ja gar kein Gewehr“, antwortete Leutnant Jünger ungerührt: „Dann warten Sie bis einer totgeschossen wird!“ Immer wieder kommt die „landsknechthafte Gleichgültigkeit“ durch. Und doch notiert Jünger, der mitten im Stahlgewitter unter anderem Nietzsche und Rimbaud liest, im Juli 1915: „Was soll dieses Morden und immer wieder morden?“ und später: „Wozu, wozu...?“

Aber dann schreibt er auch wieder zackig auf: „Was fällt, das fällt, das ist preußisch.“ Und da ist auch der Stolz, wie sich seine Leute „an den Offizier klammern“ - „in solchen Momenten Führer sein mit klarem Kopfe, heißt der Gottähnlichkeit nahe sein. Wenige sind auserlesen.“ Und nur wenige haben das Inferno des Ersten Weltkriegs auf den Schlachtfeldern überlebt, auf beiden Seiten.

Im Zusammenhang mit Jüngers Tagebuch ist die überarbeitete und erweiterte Neuausgabe des großformatigen Bandes „Ernst Jünger - Leben und Werk in Bildern und Texten“ von Heimo Schwilk (Klett-Cotta) eine lesenswerte Ergänzung.

Jünger, Ernst: Kriegstagebuch 1914-1918, herausgegeben von Helmuth Kiesel, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 655 S., 32,95 €.

Internet

Klett-Cotta Verlag

Gedenkstätte für Ernst und Friedrich Georg Jünger in Wilflingen


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