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Abseits des Etablierten

Ein Literaturmagazin und seine literarische Außenseiterstellung

© Die Berliner Literaturkritik, 11.10.10

Von Kristoffer Cornils
Noch eine Literaturzeitschrift, das heißt, noch mehr Verwirrung zu schaffen: Das Angebot ist bereits groß genug, die Vielfalt gegeben, die Überschaubarkeit schwindend gering. Trotzdem schießen immer noch neue Magazine aus dem Erdboden der deutschen Literaturlandschaft. Das „randnummer – literaturheft“ deklariert schon im Namen seine Außenseiterstellung zwischen den etablierten Organen, die die Leserschaft mit Gegenwartsdichtung versorgt. Im Mai erschien die zweite Ausgabe, die beweist, dass selbst der scheinbare Überfluss eine wichtige Ergänzung zum Gegebenen darstellen kann. Und vielleicht auch muss.
Passend zur Thematik, die mit ihrem Schwerpunkt auf der „Kosmopole“ sicherlich kein Novum im Irrgarten der aktuellen deutschen Literatur darstellt, versammelt das Heft auch die Namen der üblichen Verdächtigen: Ob Klara Beten mit „in Henningsdorf“, Björn Kuhligk mit „und keine apfelbaumblüte“ oder Tom Schulz mit seinem Zyklus „Städte in Hauptsätzen“ – sie alle enttäuschen nicht.
Bei fortschreitender Lektüre zeichnet sich ab, dass die ausgewählten Texte über das zu Erwartende hinausgehen: Kein weiteres Konglomerat der ewiggleichen Berlin-Betrachtungen, sondern ein buntes Prisma der verschiedensten Stimmen im Frequenzbereich von Politik bis zur persönlichen Auseinandersetzung mit Welt und Dichtung. Das Motto des losen roten Fadens, der das Heft durchzieht, ist in Ernesto Castillos „ekliptik“ gegeben: „die stadt ist ein erfundener ort wie die umlaufbahn / eines gedichtes andere zonen zitiert“ – Kosmopole, das heißt schließlich immer mehr als das immergleiche Gedicht auf den Potsdamer Platz, die Friedrichsstraße oder den Ku‘damm.
Und so werden alle Zonen zitiert und alle Register gezogen. Das geht nicht immer gut, aber doch meistens: Der Berliner Tom Bresemann schafft den Spagat zwischen brachialer Ironie und kraftvollem dichterischen Esprit, offensichtlicher Konsumkritik und Alltagspoesie. „heute trag ich das karierte, / heute putz ich meine schuhe, / fahr zum zoo, und lass mir einen blasen –“, heißt es in „auf der zunge“ – dem bissigen Witz des Berliners kann man sich schwerlich entziehen. Ohne Plattitüden kommt die zweite Ausgabe des Literaturhefts jedoch nicht aus. Clemens Schittkos „Deutschland ist schön“ klöppelt so brachial mit dem sarkastischen Holzhammer umher, dass kaum noch Zeit zum Fremdschämen bleibt, und Johann Reißers Stadtlyrik ist dann doch zu verkrampft, um ihr volles Potenzial zu entfalten zwischen dem Trommelfeuer an Werbezitaten und forcierten Titeln wie „Wenn die Kastanie im Bastard blüht“.
Die Prosa kommt zwar etwas kurz auf den gut 120 Seiten des Heftes, überzeugt dafür aber umso mehr mit Qualität: Martin Lechners „Über den Fuchs“ und Georg Leß‘ „An der frischen, klaren, hellen Luft“ sind extrem verdichtete Meisterstücke, die ebenso poetisch wie humoristisch, unaufdringlich wie durchdacht die Lanze für ihre Gattung brechen. Sie werden, wie viele der Texte, künstlerisch ergänzt und kommentiert durch die Illustrationen der Herausgeberin Simone Kornappel, deren zwischen Foto- und Surrealismus oszillierende Werke wie in Bilder gegossene Wortspiele den Band durchziehen und zu einem homogenen Ganzen machen, trotz all der Unterschiede zwischen den einzelnen Schriftstellern. Da tummeln sich Hunde mit Polaroidköpfen, Bäume aus Fuchsschwänzen und Glühbirnenfassungen am Stil auf den Seiten und konterkarieren auf angenehme Art und Weise das sinistere Schwarz/Weiß des Covers, auf dem sich Einkaufswagen endlos aneinanderreihen.
Die „randnummer“ würde ihrem Namen sicherlich nicht gerecht werden, würde sie nicht den einen oder anderen unbekannten Autoren in ihrem Kader einreihen. Jungtalente wie Greta Granderath, die sich schon einen Namen gemacht hat, oder die noch eher unbekannten Manuel Stallbaumer und Linus Westheuser, dessen „frühling in berlin“ von einer beeindruckenden poetischen Sichtweise zeugt, stehen in der alphabetisch geordneten Liste demokratisch neben den etablierten Dichtern der deutschen Literaturszene – und verdienen nicht minder die Aufmerksamkeit und Begeisterung des Lesers.
Das Highlight der Sammlung stellen aber vor allem die Texte dar, die von den wirklichen Randnummern der Literaturgeschichte stammen: Die letzten zwanzig Seiten sind rumänischen Autoren der 80er-Generation gewidmet. Weitab vom Hype der Spanisch sprachigen Gegenwartspoesie, vorbei am Nobelpreis einer Herta Müller bietet die „randnummer“ Einblick in eine Epoche der europäischen Literaturgeschichte, die sonst vielleicht nie beachtet worden wäre. Zu Unrecht: Allem voran ist da neben Aurel Dumitrascus eindrucksvollen Prosagedichten und Mariana Marins zynischer Lyrik Cristian Popescu und sein Prosagedicht „Vater und wir“ zu nennen: „mutter legt rost auf die lippen und wedelt sanft mit dem fächer, um das mondlicht im zimmer zu verteilen. so kann man sich besser erinnern. hurtig-hurtig renne ich durchs zimmer und pralle so hart wie möglich gegen die wände, auf dass es wie eine glocke klingt.“ Popescus Texte sind einfühlsam und emotional, ohne jemals sentimental zu werden, poetisch kraftvoll, ohne jemals allzu brachial daherzukommen – es ist kurzum Literatur von weltliterarischem Rang, die ohne die „randnummer“ sicherlich vollkommen untergegangen wäre. Chapeau und herzlichen Dank an die Herausgeber für ihre mehr als erfolgreichen Bemühungen.
„Wo wäre der poetische Seltenheitswert solcher Randexistenzen besser aufgehoben“, bemerkt Übersetzer Klaus Schneider über die von ihm ausgewählten Autoren und behält damit unumstritten Recht – nicht nur in Bezug auf die rumänischen Ausnahmedichter, sondern auf das gesamte homogen gewobene und qualitativ überzeugende Kompendium, welches in der „randnummer“ ein Forum bekommt, abseits der etablierten Blätter. Es ist nur wünschenswert, dass das junge Literaturheft sich nicht nur, wie auf der Homepage angekündigt, auf andere Gattungen ausbreitet, sondern vor allem auch das hält, was der Titel verspricht: Mit dem sezierenden Blick des Außenseiters Einblicke in die Gegenwartsliteratur zu verschaffen.

Literaturangabe:
GÜNZEL, PHILIPP; KORNAPPEL, SIMONE (HRSG): randnummer literaturheft, 4€.


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