MÜNCHEN(BLK) – Im Oktober 2009 ist das Buch „Kaffee trinken anderswo“ der Schriftstellerin ZZ Packer im A1 Verlag erschienen. Übersetzt wurde das amerikanisch-sprachige Original „Drinking Coffee Elsewhere“ von Giovanni und Ditte Bandini.
Klappentext: ZZ Packer elektrisiert und begeistert mit ihrer Sprache, mit unerwarteten Wendungen und unlöschbaren Bildern. Sie nimmt den Leser buchstäblich mit in das Leben ihrer Charaktere. „Ich heiße Dina, und wenn ich irgendein Ding sein müsste, dann schätze ich, wäre ich gern ein Revolver“, sagt die junge Yale-Studentin in der Titelgeschichte, als sie bei der obligatorischen Einführungsveranstaltung der Universität an der Reihe ist, und wird damit unversehens vom „honor roll student“ zur gefährlichen Außenseiterin. Alle Protagonisten in den acht hier versammelten Stories von ZZ Packer sind junge Afro-Amerikaner, die sich mit Fragen ihrer eigenen Identität konfrontiert sehen. So muss sich Spurgeon, ein junger Teenager, gegenüber seinem unzuverlässigen, eben aus dem Gefängnis entlassenen Vater behaupten, der ihn auf den „Million Man March“ nach Washington D. C. schleppt, um dort einen Käfig mit gestohlenen exotischen Vögeln zu verkaufen. Lynnea Davis nimmt einen Job als Englisch-Lehrerin an einer High School in Baltimore an und wird unerbittlich mit der Vergeblichkeit ihrer pädagogischen Bemühungen konfrontiert. Und die vierzehnjährige Tia versucht, aus der religiösen Enge bei ihrer Großtante auszubrechen, um in Atlanta nach der drogenabhängigen Mutter zu suchen. Stattdessen verfängt sie sich in der Beziehung von Marie und Dezi, einer Hure und ihrem Zuhälter ... ZZ Packers Geschichten changieren zwischen Humor, Tragik, Härte und Ironie. Das bei Erscheinen von der Kritik mit Lobeshymnen überschüttete Debüt der jungen amerikanischen Autorin ist unverbraucht, frisch, souverän, cool und voller Humanität.
ZZ Packer wurde 1973 in Chicago geboren, wuchs in Atlanta/Georgia und Louisville/Kentucky auf. Sie studierte an der Yale University und besuchte den Iowa Writers Workshop der University of Iowa und hat ihre Short Stories und Artikel im „New Yorker“, in „Harper's“ und in der „New York Times“ veröffentlicht. Der Erzählband „Kaffee trinken anderswo“ war Finalist des PEN/Faulkner Awards. 2007 wurde ZZ Packer in die Liste der 20 Best of Young American Novelists des renommierten Literaturmagazins „Granta“ aufgenommen. Heute lebt die Schriftstellerin Packer mit ihrer Familie in Pacifica/Kalifornien. (ros)
Leseprobe:
©A1 Verlag©
Die Ameise des Ichs
„Aufstiegschancen“, sagt mein Vater, nachdem ich ihn gegen Kaution aus dem Gefängnis geholt habe. Er hämmert Worte in das Armaturenbrett, als versuchte er, sie in meinen Dickschädel hineinzubekommen. „Wenn du Aufstiegschancen haben willst, musst du dein Geld investieren.“ Es ist Oktober 1995, und wir kurven im Auto meiner Mutter durch Louisville, Kentucky. Keine Ahnung, warum er hierher gekommen ist, sechzig Kilometer südlich von dort, wo er wohnt, aber ich stell keine Fragen, die mit Sicherheit zu viele Antworten haben. Ich versuche lediglich, meinen Vater, Ray Bivens jr., über den Fluss nach Indiana und zu sich nach Hause zu schaffen. Sobald wir auf dem Watterson Expressway sind, sieht es so aus, als würden wir gleich gegen den Horizont knallen. Der Sonnenuntergang hat die Bäuche der Wolken in Brand gesteckt, die verspiegelten Fenster der Gebäude im Zentrum verzerren die feuerfarbene Stadt zu einem Spiegelkabinett. Ich sehe schon jetzt, dass es einer dieser Tage wird, an denen der Sonnenuntergang sämtliche Register zieht, ihm dabei aber schnell die Luft ausgeht. Mein Vater ist gerade - mal wieder - wegen Trunkenheit am Steuer drangekriegt worden, was ihn aber nicht daran gehindert hat, die Autoschlüssel zu verlangen. Als ich sie nicht rausgerückt habe, hat er geseufzt und den Kopf geschüttelt, als ob ich ihm tagaus, tagein Schlüssel vorenthalten würde. „Komm schon, Spurge“, hat er gesagt. „Die Schweine gucken doch gar nicht.“ Er ist der einzige Mensch, den ich kenne, der Bullen noch immer „Schweine“ nennt - ein Überbleibsel aus seinen Black-Panther-Tagen, wie er die Zeit nennt, als „die Brüder“ sich ihre Afrofrisuren mit in schwarzen Fäusten auslaufenden langen Haarnadeln harkten und diese dann wie Speere in dem Gewölle stecken ließen. Als - wie er es darstellt - er und Huey P. Newton sich in Kellern trafen, Lederjacken trugen und den Quarkärschen Saures gaben. Nachdem er sich als mein Investmentberater betätigt hat, betrachtet er die Welt außerhalb des Honda mit etwas zu viel Begeisterung. Ich fahre die Umgehungsstraße entlang, vorbei an der Rückseite von Kettenrestaurants und Einkaufszentren, an Büroparks und dem mickrigen Zoo von Louisville. „Das ist deine Zukunft“, sagt er und kommt allmählich von seiner miesen Stimmung runter, „solide Investitionen.“ „Vielleicht solltest du die Schweine bitten, deine Kaution wieder rauszurücken“, sage ich. „Wir könnten ja die investieren.“ Er geht darauf nicht ein; mittlerweile ist er zu sehr damit beschäftigt, das neue Auto meiner Mom zu untersuchen. Ray Bivens jr. besitzt kein Auto. Den Wagen, an dessen Steuer er gerade betrunken erwischt worden war, hatte er sich, wie er mir erzählte, von einem Freund geliehen.
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Literaturangabe:
PACKER, ZZ: Kaffee trinken anderswo. A1 Verlag, München 2009. 280 S., 19,80 €.
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