Denn Adel verpflichtet

Morsezeichen aus einer zumeist unbekannten Welt

© Die Berliner Literaturkritik, 29.04.09

FRANKFURT AM MAIN (BLK) – Im März 2009 erschien im Eichborn-Verlag Christine von Brühls Buch „Noblesse oblige“.

Alles, was Sie schon immer über den Adel wissen wollten, aber eigentlich nie erfahren sollten. Strenge Sitten, klare Etikette, alte Werte und Traditionen: Christine Gräfin von Brühl erzählt mit Tempo und Selbstironie vom Leben in einer Welt, die sich immer treu geblieben ist – in guten wie in schlechten Zeiten. Er lebt unter uns und ist doch ganz anders – der Adel. Ob reich auf dem Schloss oder verarmt in der Mietwohnung, das Zugehörigkeitsgefühl zu dieser exklusiven Klasse ist bis heute ungebrochen. Mit allen Konsequenzen, egal ob Heirat, Verwandtschaft, Erziehung der Kinder oder Lebensstil. So wird der Heiratspartner für den Nachwuchs im Gotha ausgesucht, denn es gilt: Keiner heirate unter seinem Stand, und Liebe hat nichts mit der Ehe zu tun. Der Jagdschein ist auch heute noch wichtiger als der Führerschein, und Walzer lernt man nicht in der Tanzschule, sondern beim Séjour mit anderen jungen Adligen auf einem Schloss. Was romantisch klingt, entbehrt nicht gewissen Eigenheiten: Schlösser sind sommers wie winters kalt, die Toiletten befinden sich mitunter nachträglich eingebaut in Schränken auf einsamen Gängen. Die notorische Technikfeindschaft ist seit der Erfindung des Mobiltelefons allerdings passé: Wer auf einem Schloss lebt, ist froh, wenn er nicht mehrere Kilometer zurücklegen muss, um rechtzeitig ans Telefon zu gelangen.

Dr. Christine Gräfin von Brühl, geboren 1962, lebte als Kind in Ghana, London, Brüssel und Singapur. Sie studierte Slawistik, Geschichte und Philosophie und schreibt als freie Journalistin u. a. für Die Zeit, Sächsische Zeitung und FAZ. Unter der Woche lebt Christine Gräfin von Brühl mit ihrem Mann und zwei Kindern in einer Wohnung in Berlin, die Wochenenden und Ferien verbringt sie in diversen Schlössern und Landsitzen ihrer zahlreichen Verwandten in Europa.

 

Leseprobe:

©Eichborn©

 

2. Benimm dich!

Bis heute steht für viele Außenstehende hinter jedem Adligen ein ganzer Knigge. Wenn man auch sonst nicht mehr viel mit den Vertretern einstiger Herrscherfamilien anzufangen weiß, jeder geht davon aus: Sie haben wenigstens gute Manieren. Alle Adligen wissen sich zu benehmen, Adlige wissen sich korrekt zu kleiden, Adlige kennen alle Benimmregeln in- und auswendig. Selbstverständlich ist das nicht der Fall. Es gibt viele Adlige, die keine Ahnung von Etikette haben, und groß sind gerade unter den Jüngeren die Unsicherheiten, die mit allen Regeln und der damit verbundenen Möglichkeit, gegen ebendiese zu verstoßen, einhergehen. Wen begrüßt man, wie stellt man sich vor? Wie kleidet man sich zu welcher Gelegenheit und Tageszeit, und wie spricht man Prinzen, Fürsten, Erbgrafen oder auch nur den Professor oder den örtlichen Pfarrer korrekt an? Woher soll man schon wissen, wie sich nach einer Hochzeit der Cort?ge (die Prozession) hinter Braut und Bräutigam beim Ausmarsch aus der Kirche ordnungsgemäß sortiert, welches Besteck man an vornehmer für mehrere Gänge gedeckter Tafel beim Essen zuerst benutzt? (Achtung: Immer von außen nach innen, nie den Dessertlöffel für die Suppe, nie das Fischmesser für den Nachtisch!) Wie deckt man den Tisch richtig? (Vorsicht: Flaschen immer unter oder neben den Tisch und die Servietten nicht ins Glas!) Küsst man auch als Mädchen und Frau allen älteren Damen zur Begrüßung die Hand? Schließlich muss man unter Adligen oft wildfremde Menschen begrüßen und dazu noch ein freundliches Gesicht machen, nur weil man zufällig mit ihnen verwandt ist. Manieren sind nach wie vor in adligen Häusern ein Thema. Wer aus einer alten Familie stammt, versucht das nicht zuletzt durch Anstand und gutes Benehmen unter Beweis zu stellen, und insbesondere bei der Erziehung achten adlige Eltern auf die Vermittlung korrekter Verhaltensweisen. Dass sich dahinter für manchen ein langer Leidensweg verbirgt, dass diese Manieren, dieses Wissen um Benimm und Anstand bisweilen mit drastischen Erziehungsmethoden beigebracht werden – das wissen die allerwenigsten. Eiserne Strenge, drakonische Strafen, lange Standpauken pflastern diesen Weg. Haus- beziehungsweise Zimmerarrest gehört dazu, meist natürlich Zimmerarrest, denn was wäre in Schlössern, in denen allein der Dachboden die Dimensionen eines gewöhnlichen Einfamilienhauses übersteigt, schon Hausarrest? Jedenfalls keine Strafe. Eher eine Regenpause, also die Anweisung, die manch einer aus seiner Schulzeit kennt, bei Regen bitte schön im Haus zu bleiben und nicht den klatschnassen Schulhof zu stürmen. Eigentlich also eine Annehmlichkeit. Und man muss so viel lernen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, eine Strafe einzuheimsen, unendlich oft Grund, sich davor zu fürchten, dass man wieder einmal etwas falsch gemacht hat. Gewiss, nicht in allen Häusern herrschen harte Sitten. Es gab und gibt adlige Häuser, in denen nicht nur eisige Strenge waltet, in denen es ab und zu sogar Süßigkeiten gibt, nicht nur an Weihnachten und Ostern, und Kinder gern gesehen sind. Es gibt milde Tanten und nachsichtige Onkel, die einem gerne verzeihen oder gar nicht erst darauf achten, ob das Kind sich immer korrekt verhält, ja es scheint ihnen geradezu gleichgültig zu sein. Aber eigentlich fürchten Kinder auch die, denn die Großen wissen ja alle um die Regeln und Gebote, sie wissen, was erlaubt ist und was nicht, und wie leicht kann ihre lustige Art, ihr fröhliches Lachen plötzlich in die strenge Miene eines ernsten Richters umschlagen. Wie leicht können auch die Gutmütigeren unter ihnen ausnahmsweise heute einmal beschließen, die Zügel anzuziehen und streng zu sein. Wir fürchteten alle Erwachsenen und besonders fürchteten wir sie in dem Haus meiner Tante. Sie war die strengste unter allen, bei ihr hatten Kinder nichts zu lachen, und nichts ängstigte uns so wie ein längerer Aufenthalt in diesem ansonsten so prächtigen Haus. Mein armer Vetter musste ein ganzes Essen lang stehen, weil ihm beim Weiterreichen der Schüssel sein Wasserglas umgekippt war. Die Schüssel war von schwerem Porzellan, sie war randvoll gefüllt, und die Arme des Jungen waren kurz, so kurz, wie Kinderarme eben sind. Er musste die Schüssel annehmen, sie neben sich stellen, seinen Teller daraus füllen, sie dann wieder hochheben und über alle Teller, Gläser, silbergefasste Salz- und Pfeffer-Gefäße, über alles Besteck hinweg an den Nachbarn weiterreichen. Und der Nachbar ist an so einer Tafel weit weg. So kurze Arme reichen kaum aus, um derlei Distanzen zu überbrücken. Außerdem war der Nachbar ein Erwachsener, er unterhielt sich angeregt mit dem Rest der Gesellschaft und achtete kaum auf die schwere Schüssel, die auf ihn zuwanderte, ja weniger noch darauf, dass es ein Kind war, das ihm die Schüssel reichte. Nur einen Zentimeter gab der Junge bei der Übergabe nach, wahrscheinlich war es noch weniger, ganz leicht wippte die schwere Last nach unten, doch es reichte, um den Rand des Glases zu streifen, das darunter stand. Das Glas kippte und sein ganzer Inhalt ergoss sich über das Tischtuch. Wasser war darin, denn selbstverständlich bekommen die Kinder nur Wasser zu trinken. Die Erwachsenen bekommen alles, was sie wollen, Rotwein, Weißwein, Apfelsaft, Limonade – die Kinder nur Wasser.

 

 

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Literaturangaben:
VON BRÜHL, CHRISTINE GRÄFIN: Noblesse oblige. Die Kunst, ein adliges Leben zu führen. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009. 256 S., 17,95 €.

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