Von Thilo Resenhoeft
Essen und das Ruhrgebiet sind derzeit in aller Munde. Die Region ist europäische Kulturhauptstadt 2010. Währenddessen sind rund 2500 Veranstaltungen mit Kunst, Musik und Theater geplant. Das Programm soll zeigen, wie sehr die Kultur zur Umgestaltung der Bergbau- und Industrielandschaft beigetragen hat, einst Herz und Kernregion des Wirtschaftswunders. Die ehemalige Zeche Zollverein etwa ist heute riesiges Kulturzentrum. Bei aller Kultur gerät mitunter in Vergessenheit, wie es im Ruhrgebiet aussah, „Als der Pott noch kochte“. Dies ist der Titel eines Buches mit Fotografien von Horst Lang (1931-2001). Sie zeigen das Ruhrgebiet in den 60er Jahren (Verlag Schirmer/Mosel).
An eine Kulturhauptstadt war damals nicht zu denken. Dennoch haben die Industrie, die Kohle- und Stahlverarbeitung von damals überhaupt erst die Grundlagen zu dem Riesenprojekt von heute geschaffen. Langs Aufnahmen schaffen so etwas wie ein „Update in die Vergangenheit“: Schon beim ersten Aufblättern wird schlagartig deutlich, dass er ein kulturelles Denkmal geschaffen hat, dessen Wert mit jedem Tag zunimmt.
Lang war Essener Polizei-Fotograf, legte sein Augenmerk aber aus eigenem Antrieb auch auf den Alltag der Industrielandschaft und ihrer Menschen. Kühltürme, Schlote, Qualm und Dampf nehmen den Himmel ein. Verrottende Fassaden, Kinderspiele entlang des Bahndammes, Wohnungen im Schatten der Fördertürme oder Schrebergärten unter dem Wasserturm sind weitere Motive. Und die haben wahrlich nichts mit den Hochglanzbroschüren des Kulturhauptstadt-Jahres 2010 zu tun.
Lang ist treffsicher in Motivwahl und Komposition. Mangels unberührter Natur rückt er etwa das Emscher Klärbecken in Bottrop-Welheim schlüssig ins Bild. An anderer Stelle abstrahiert er die Fassade eines Wohnhauses in Essen-Borbeck, und die Strenge seiner Komposition erinnert an den Stil der Neuen Sachlichkeit von Albert
Renger-Patzsch, den Lang in seiner Jugend kennengelernt hatte. Den einführenden Text zu dem Band hat Andreas Rossmann geschrieben, Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) in Nordrhein-Westfalen.
Langs Bilder sind eine Art Flaschenpost, die die Vergangenheit des Reviers und die Grundlagen der Feiern von heute zugleich einschließt. Kurzum: Einer der wichtigsten Beiträge der Ruhrgebietsfeiern ist bereits um die 50 Jahre alt.
Literaturangabe:
LANG, HORST: Als der Pott noch kochte. Das Ruhrgebiet in den 60er Jahren. Verlag Schirmer/Mosel, München 2009. 160 S., 91 s/w-Bilder, 24,80 €.
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