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Alte und neue Zeitungen

Warum offline-Zeitungen nicht mehr wirklich gut sind – und online-Redaktionen noch an sich arbeiten müssen

© Die Berliner Literaturkritik, 13.11.09

Von Bernd Zeller, Jena

Hätte es zuerst das Internet gegeben und später den Zeitungsdruck, befände eine etablierte Riege von Onlinejournalisten sich heute wohl in Krisenstimmung, weil das anfangs belächelte neue Medium das altehrwürdige Medium gänzlich abzulösen droht. Durch den umgekehrten Ablauf der Ereignisse ist es nun das Medium Onlinezeitung, das die Redaktionen in Schrecken versetzt, oder wie sie es nennen: vor neue Herausforderungen stellt.

Man könnte annehmen, der mündigere Leser sei der im Netz, weil er aktiv, zuweilen interaktiv  beteiligt ist und sich nicht passiv das Gedruckte vorsetzen lässt.

Im Netz kann jeder mitmachen. Obwohl es ebenso jedem Menschen bei uns freisteht, eine Tageszeitung oder ein Magazin herauszugeben, ist der Gründungsdrang gebremst; Aufwand und Risiko sind zu hoch. Nach dem Produzieren des Blattes muss es in überschüssiger Auflage in die Läden gebracht werden – eine irrsinnige mit Risiken behaftete Investition. Dagegen ist der Netztext mit dem Verfassen bereits so gut wie veröffentlicht, was aber nur eine Bereitstellung bedeutet. Über Wirkung und Reichweite entscheidet die Gemeinschaft, in der Fachsprache Community, die durch Feedback und Weiterverlinkung eine Resonanz gibt oder eben nicht. Bei einer Zeitung entscheidet die Größe der Buchstaben über die Wichtigkeit, an der sich die anderen Journalisten orientieren.

Man könnte annehmen, der mündigere Leser sei der im Netz, weil er aktiv, zuweilen interaktiv beteiligt ist und sich nicht passiv das Gedruckte vorsetzen lässt. Allerdings übt er eine Rückwirkung auf das Angebot nur in der Masse aus.

Je mehr die Zeitungsverlage sich unter Druck gesetzt fühlen, desto mehr bauen sie im Netz ihre Angebote aus, was zwar den Druck erhöht, aber es machen ja alle so. Versuche mit Bezahl-Inhalten haben nicht dazu geführt, dass man in diesem Modell die Zukunft sehen würde. Am liebsten wäre den Medienunternehmen, die Leute lesen erst die Artikel im Internet, drücken auf die dort plazierten Werbeinserate und kaufen dazu noch die Zeitung für ihr Archiv oder wenn sie die Wohnung streichen.

Eine Zeitung kann man irgendwann durchgelesen haben, das Internet nicht.

Für den Medienkonsumenten bieten sich jeweils spezifische Arten des Erlangens von Information. Dabei ist nicht immer klar zu sagen, was einen Vorteil darstellt. Im Netz ist die Information schneller zugänglich und immer abrufbereit. Allerdings greift man entweder gezielt auf die Information zu, die man sucht, von der man also schon eine Vorkenntnis oder Erwartung hat, oder man geht auf eine bevorzugte Seite, der man vertraut, etwa weil sie zu einer großen Zeitung gehört, die man schon kennt. Hier entsteht ein von einigen Kulturjournalisten beobachtetes Paradoxon: Die Betreiber der zu den Zeitungen gehörenden Internetseiten mit dem aus dem Printbereich herrührenden Renommee oder wenigstens Bekanntheitsgrad locken Leser an, setzen ihnen dann aber einen bejammernswerten Inhalt vor. Da im Onlinebereich noch nicht so viel Geld verdient wird wie im Printbereich nicht mehr, versuchen die Verlagshäuser, sich mit Einsparungen zu retten. Das Zukunftsmedium wird mit Billiginhalt zugestopft.

Wer weiß, wonach er sucht, hat es beim virtuellen Durchblättern einerseits einfacher, andererseits aber auch nicht: Der wesentliche Unterschied zur Zeitung besteht darin: Eine Zeitung kann man irgendwann durchgelesen haben, das Internet nicht.

Bernd Zeller ist Cartoonist und Autor. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „Komik und Satire. Für Journalisten und Autoren“. Er lebt in Jena.


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