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Am Anfang war das Bild

Uwe Jochums "Kritik der Neuen Medien"

Von: CHRISTOPH RAETZSCH - © Die Berliner Literaturkritik, 04.03.04

 

Es zählt zu den medientheoretischen Grundweisheiten, dass jedes Medium seine eigene Infrastruktur hervorbringt. Während man mit Rauchzeichen keinen philosophischen Diskurs führen kann, wie Neil Postman einmal bemerkte, so lässt sich mittels email auch kein Apfel erzeugen. Um Äpfel wachsen zu lassen, bedarf man der Erfahrung anderer. Kein Apfel würde je nach den Zielen des Züchters wachsen, hätte dieser nicht das Wissen um vergangene Erfolge und Misserfolge und wäre imstande aus ihnen zu lernen. Allein aus dem in Büchern bewahrten Wissen, wäre es ihm unmöglich die Apfelzucht seiner Zeit angepasst fortzuführen.

Das Wissen bliebe nutzlos, schlüge es sich nicht in einer Praxis nieder, die Veränderung in der bestehenden Welt vollzieht. Aus diesem Umstand leitet Uwe Jochum in der "Kritik der Neuen Medien" seine These ab, dass die Medien (sprich der Cyberspace) zwar ein Speicher unendlichen Wissens seien, dass sie aber dabei den Zweck des Wissens - das Handeln - annulieren. Denn Handeln ist mehr als mechanische Verrichtung. Handeln ist stets zweck- und zielorientiert. In der Summe aller Handlungen liest sich das menschliche Leben ab. Und in jeder Entscheidung für eine Handlung (praxis) spiegelt sich die große Frage nach dem Zweck und Ziel des menschlichen Handelns als Ganzem (eschaton).

"Daß praxis und eschaton einander unendlich nahe sind, heißt also, daß unsere praxis, die je nur singuläre und zeitliche Ziele verfolgt, auf ein eschaton orientiert ist, das freilich dem alltäglichen Handeln mit all seinen Kalkülen unerreichbar bleibt. Das eschaton ist die Grenze unseres Handelns, die Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz, die Grenze zwischen der Zeit der Welt und jenem Jenseits der Weltzeit, das im eschaton unendlich fern und stets zugleich unendlich nah vor uns steht."

Ortlos

Durch die Vernetzung der Computer, durch die Schaffung von künstlichen Intelligenzen und autokommunikativen Systemen versucht der Mensch sich seiner eigenen "Begrenztheit" in Raum und Zeit zu entledigen. Er versucht also diese absolute Grenze des menschlichen Lebens als eine "immanente" Grenze zu betrachten, die er nach eigenem Kalkül überschreiten kann. Als handlungsunfähiger Mensch wähnt er sich in vollkommener Freiheit von den biologischen Gegebenheiten seiner Existenz und stürzt sich dabei in eine simulierte Handlungsethik, die, ohne sich in der Welt niederzuschlagen, ihm seine eigene Nutzlosigkeit bewusst macht. Gegen derart enthüllende (apokalyptische) Visionen, setzt Uwe Jochum auf eine Analyse jener Faktoren die das menschliche Bewusstsein schaffen: Chronos, Topos, Praxis, Physis und Logos.

Hierin erkennt man schließlich den besonderen Vorzug dieses "eschatologischen Essays" der durch diese Begriffswahl die Kontinuität der Fragen andeutet, die sich Philosophen seit Jahrtausenden stellen, und die in jedem Zeitalter aufs Neue verhandelt werden (müssen). Denn wie eingangs angedeutet, ist das reine Wissen für den Menschen nichts wert, ließe es sich nicht intersubjektiv auf seinen Wahrheitsgehalt hin überprüfen und darüber hinaus in Handlungskontexte einbauen. Alles, was der Mensch über sich und seine Umwelt weiß, weiß er nur zu einem gegenwärtigen Zeitpunkt: "Erinnern wir uns an Vergangenes, dann erinnern wir uns jetzt in der Gegenwart an das Vergangene; erwarten wir etwas in der Zukunft, dann ist auch das Erwartete uns jetzt gegenwärtig." 

Als dem Augenblick verhaftetes Wesen wäre der Mensch jedoch orientierungslos, besäße er nicht zusätzlich zur Erinnerung Orte und Artefakte an denen sich die Erinnerung manifestieren könnte. Diesen in der Medientheorie oft vernachlässigten Aspekten der Identitätsstiftung widmet Uwe Jochum viel Aufmerksamkeit, um zu dem Schluss zu gelangen, dass sich aus einem simulierten Raum der Erinnerung keine Handlungsanweisung ergibt, die sich nicht wieder in einem simulierten Raum niederschlägt. In seiner Erscheinung als Bild, auch als dreidimensionales, wird das Artefakt seiner Verbindlichkeit für die Gegenwart entledigt. Eine gleichsam geschichtslose wie ortlose Gesellschaft von Netznomaden wird unfähig sich in einem Leben jenseits der Datenströme zu behaupten. Doch gerade aus diesem Behaupten und dem bewussten Handeln, schöpft der Mensch seine Lebenskraft.

Sprachlos

Die "Kritik der Neuen Medien" ist ein seltsames Buch, das unzeitgemäß zeitgemäß ist. Es schöpft seine Überzeugungskraft vor allem aus seiner an philosophischen, d.h. überzeitlichen, Kategorien orientierten Darstellung, ohne sich dabei in theoretische Aporien zu versteigen. Dies zeigt sich an seiner differenzierten Diskussion der durch den Poststrukturalismus aufgeworfenen Frage nach dem Sinn in der Sprache. Entgegen der Annahme Derridas u.a. dass der Sinn aller Wörter stets nur auf ihrer Abgrenzung gegen alle anderen beruhe, dass also kein Zeichen einen Sinn "an sich" habe, betont Uwe Jochum, dass das sprachliche Zeichen Sinn erst durch eine zeitliche (chronos), räumliche (topos) und gebräuchliche (praxis) Dimension erhalte. Es steht also nicht im Konkurrenzkampf mit allen anderen Zeichen, sondern stets nur mit einigen wenigen.

Der Versuch, Sinn als ein Produkt eines technisch (grammatikalisch) bedingten Prozesses zu erklären, scheitert an der menschlichen Kapazität zu fragen. Die Frage ist subversiv. Sie bezweifelt nicht nur den Sinn sondern auch die Art und Weise seines Zustandekommens. Genau hierin liegt die geistige Kapazität des Menschen, die seine Intelligenz über das Kalkül der Maschinen hinaushebt. Die Programmierung von Subversivität wäre in der Maschinenwelt der Exodus der Ordnung, ist in der Menschenwelt jedoch Bedingung der Möglichkeit von Veränderung.

"Wäre die Frage nämlich Element eines materiell-technischen Prozesses, wäre sie keine Frage mehr, sondern temporärer Effekt eines Vorgangs, der von sich selber nichts weiß, schon gar nicht, daß er ein Vorgang ist, der gelegentlich Fragen abwirft wie Sägewerke Späne. So ist aber die Frage, ob das Geistige als Emergenz materiell-technischer Prozesse verstanden werden kann, eine Frage, die von jenseits der materiell-technischen Prozesse ein Licht auf die Welt wirft. Und weil das so ist, ist die Antwort, Welt insgesamt sei nichts weiter als ein materiell-technischer Prozeß, ein einfacher Selbstwiderspruch: diese Antwort hat die Bedingung ihrer Möglichkeit als Frage vergessen."

Die "Kritik der Neuen Medien" stellt Fragen die sich durch einen Klick auf "google" nur schwer beantworten lassen. Und entgegen der gängigen Praxis werden dadurch ihre Wirkungsmöglichkeiten erweitert.

Literaturangaben:
JOCHUM, UWE: Kritik der Neuen Medien. Wilhelm Fink Verlag, München 2003. 158 S., 22,90 Euro.

Christoph Raetzsch arbeitet als freier Journalist für dieses Literatur-Magazin


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