„Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden“. Dieses gemeinsames Ideal für alle Menschen auf der Erde, das in Artikel 4 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die von der UNO am 10. Dezember 1948 proklamiert wurde, ist bis heute nicht eingelöst. Nach Schätzungen der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) leben heute auf der Welt mehr als 12 Millionen Menschen in erzwungener Knechtschaft. Bis zur Hälfte sind sie jünger als 18 Jahren und zu rund 80 Prozent Frauen.
Über die „neue Sklaverei“ (Kevin Bales) werden Bücher verfasst; über die „Ware Mensch“ (Pino Arlacchi) im Zeitalter der Globalisierung wird detailliert informiert. Die „moderne Sklaverei“ umfasst nicht nur das Geschäft mit Blut- und Organhandel, sondern auch die Rekrutierung von Kindersoldaten, die Prostitution, den Sextourismus und den Menschenhandel aus wirtschaftlichem Profit.
Die Worte Abraham Lincolns, der schon vor knapp 150 Jahren für die Freilassung der Sklaven in den USA stritt, sind heute so aktuell wie damals: „Indem wir den Sklaven die Freiheit schenken, machen wir die Freiheit für den Freien sicher“. Zwar gilt das Datum der Französischen Revolution von 1789 als die offizielle Abschaffung der Sklaverei. Aber es dauerte noch Jahrzehnte, bis die meisten der Staaten dies auch in Gesetzen vollzogen.
So formulierten die Vertreter von Großbritannien, Frankreich, Österreich, Deutschland, Russland, Spanien, Portugal, Holland, Belgien, Italien, Schweden, Dänemark und der USA auf der Berliner Konferenz von 1885 den Willen, „die Sklaverei einzudämmen“. Direkte Maßnahmen gegen den Sklavenhandel in Afrika unternahmen sie allerdings nicht.
Offiziell wurde die Sklaverei, etwa in Mauretanien, erst 1981 abgeschafft. Und im Liederbuch „Volks- und Küchenlieder“ des Heyne Verlags aus München wurde 1977 noch das Lied „Der Negersklave“, nach der Melodie „Nach der Heimat möcht' ich wieder“, mit der Strophe abgedruckt: „Spielend einst am Meeresstrande, / raubten falsche Menschen mich, / schleppten mich in fremde Lande, / schlugen mich in Sklavenbande. / Habt Erbarmen! Flehte ich, / ach, ich weinte bitterlich“.
Das bittere Fazit, das Ethan B. Kapstein Ende 2006 in der Zeitschrift Council on Foreign Relations zieht, lautet: Heute werden mehr Personen ihrer Rechte beraubt und ins Ausland verkauft als vor 200 Jahren. Und er stellt fest: Sklaven von heute kosten weniger als die nach Amerika verschleppten afrikanischen Sklaven des 18. und 19. Jahrhunderts.
In der heutigen, jeder Menschenrechts-Ethik Hohn sprechenden Situation ist es gut, wenn sich einer auf dem Weg macht, um am Beispiel der Anfänge der Widerstandsbewegung gegen den Sklavenhandel im 18. Jahrhundert aufzuzeigen, welche Wirkungen von wenigen Engagierten ausgehen können, um Unmenschlichkeit anzuprangern.
Der New Yorker Autor und Journalist Adam Hochschild datiert in einem spannenden Roman, der gleichzeitig ein historisches Sachbuch über die Sklaverei ist, den Nachmittag des 22. Mai 1787 in einer Londoner Druckerei als den neuzeitlichen Beginn der Abschaffung der Sklaverei. Es waren zwölf Männer, die die Bürgerbewegung der Abolitionisten gründeten. Bei den „zwölf Aufrichtigen“ handelte es sich um Mitglieder der Quäker, mit dem 25-jährigen Thomas Clarkson an ihrer Spitze.
Diese Gruppierung und die schnell anwachsende Zahl der Anhänger der Bürgerrechtsbewegung praktizierten Informations- und Aufklärungsmethoden, die man heute, in der Zeit des global-ökologischen Denkens als „modern“ bezeichnen kann, nämlich „den Briten verständlich zu machen, was hinter dem Zucker stand, den sie aßen, hinter dem Tabak, den sie rauchten, und hinter dem Kaffee, den sie tranken“: Sklavenarbeit!
Ihre Überzeugungskraft, ihre Aktivitäten und ihre Überzeugung, dass „eine kleine Gruppe nachdenklicher, engagierter Menschen die Welt verändern kann“, wie dies die US-amerikanische Anthropologin und Ethnologin Margaret Mead zum Ausdruck brachte, ist es wert, erinnert zu werden – aus historischen und durchaus auch aus aktuellen Gründen.
Der Autor gliedert sein Buch in fünf Teile. Im ersten Teil stellt er die „Welt der Knechtschaft“ des 18. Jahrhunderts dar. Das florierende Geschäft mit der menschlichen Fracht der Sklavenschiffe, das immer auch regelmäßige Gebete, Bibellektüre und Glaubensbekenntnisse der Sklavenhändler und Schiffsoffiziere beinhaltete, mehr noch aber Auspeitschungen und Bestrafungen, bis zur Tötung der Sklaven, stellt Adam Hochschild am Lebensbericht des Kapitäns John Newton dar.
Über das unmenschliche Leiden der Sklaven lässt er den Afrikaner Olaudah Equiano (1745-1797) berichten. Als junger Mann wurde er mit seiner Schwester aus dem Dorf seines Vaters (heutzutage in Nigeria), in Joch und Ketten auf einem sechsmonatigen Gewaltmarsch zur Küste transportiert und dort an Bord eines Sklavenschiffs gebracht.
Nach einer rund einmonatigen Atlantiküberquerung auf der übervollen Barke, unter unerträglichen hygienischen Bedingungen, Qualen und Erniedrigungen, die viele Sklaven nicht überlebten, erreichte das Schiff die britische Karibik-Kolonie Barbados. Im Hof des Kaufmanns wurden die Sklaven in große Gruppen – Posten - aufgeteilt und dort meistbietend an die Zuckerplantagenbesitzer verkauft. Weil der junge, kaum 15-jährige Equiano zu schwach zum Arbeiten war und sich für ihn kein Käufer fand, wurde er weiter nach Virginia verschifft, um dort auf einer Tabakplantage zu arbeiten.
Schließlich kaufte ihn ein Offizier der britischen Königlichen Marine, Michael Pascal. So wie der junge Sklave von einem Ort zum anderen verschickt wurde, wie eine Ware, so wechselte er auch seinen Namen – je nach dem Willen seines jeweiligen Besitzers. Pascal nannte seinen persönlichen Sklaven Gustavus Vasa. Er verlieh ihn wie ein exotisches Spielzeug an Freunde und Familienangehörige. Von ihnen lernte er lesen und schreiben. Olaudah Equiano wurde zwischendurch nach England verschifft und in der Londoner Kirche St. Margaret's/Westminster getauft.
1762 wurde er, nachdem er als persönlicher Diener Pacals in den USA im Siebenjährigen Krieg gedient hatte, zum wehrfähigen Vollmatrosen der Königlichen Marine ernannt. Einige Jahre später gelang es ihn, weil er durch geschickten Handel die notwendige Geldsumme zusammen brachte, sich für den Gegenwert von 6.000 Dollar frei zu kaufen. Seine Autobiographie, die er ab 1777 verfasste, war für viele Abolitionisten Ansporn, für die Sklavenbefreiung einzutreten.
Ihre Erfolge jedoch waren gering. 1783 erreichte der Sklavenhandel sogar einen neuen Höhepunkt, der von einem britischen Abgeordneten mit der zynischen, jedoch dem Zeitgeist entsprechenden Naivität kommentiert wurde: Der Sklavenhandel sei „kein anziehendes Geschäft; aber das ist auch das Handwerk des Metzgers nicht, und dennoch ist ein Hammelkotelett eine feine Sache“.
Trotzdem glimmte der Docht, der die Kritik an der Sklaverei entzündete, bis sie schließlich entflammte. „Vom Zunder zur Flamme“ nämlich nennt Hochschild das zweite Kapitel seines Buches. Die Aktivitäten Thomas Clarksons, Granville Sharps und der anderen Abolitionisten blieben nicht ohne Wirkung. Sie gewannen Augenzeugen und Mitstreiter für ihre Sache, reichten Anklageschriften gegen Sklavenhändler und Schiffskapitäne vor den Gerichten ein und richteten Petitionen an das Parlament. Auch ihre intelligenten und Aufmerksamkeit erregenden Aktionen sorgten für Aufmerksamkeit.
Sie ließen zum Beispiel von einem Handwerker ein Relief als Siegel für das Wachs entwerfen, mit dem man Briefe verschloss – das Bild eines knienden Afrikaners in Ketten mit flehend erhobenen Händen und den Worten: „Bin ich nicht ein Mensch und Bruder?“ Dieses erste Logo in der politischen Aufklärung wurde bald auf Schmucknadeln, Manschettenknöpfen und als Anstecker getragen und galt als schick.
Es gelang den Abolitionisten sogar, einen ehemaligen Kapitän von Sklavenschiffen, John Newton, als Mitagitator gegen den Sklavenhandel zu gewinnen. Dieser mittlerweile als Erweckungsprediger berühmt gewordene Anglikaner wetterte in seiner Kirche gegen die Sklaverei. Sein Pamphlet „Gedanken über den afrikanischen Sklavenhandel“ machte auch auf die gesetzgebenden, politischen Institutionen Eindruck.
Trotzdem: Das Logo mit dem knienden und flehenden Afrikaner wurde zum Sinnbild für die nur zögerlichen Veränderungen – nicht für einen rebellierenden und aufständischen Sklaven. Auch die freien Schwarzen, die in der britischen Hauptstadt lebten, „steckten entweder in Livreen oder in Lumpen“.
Mit dem dritten Teil des Buches ertönt „der einstimmige Schrei einer ganzen Nation“. Und zwar zu der Zeit, als 1789 Gustavus Vasa, der sich nun wieder Olaudah Equiano nennen darf, über sein Leben als Sklave in Wort und Schrift berichtet und auf seinen Informations- und Verkaufsveranstaltungen seiner Bücher viele Menschen erreicht. Er hatte inzwischen sogar eine weiße Ehefrau.
Das Weltbild vieler Weißer geriet ins Wanken: Die ehemaligen Sklaven waren keine heidnischen Analphabeten, sondern wort- und schriftgewandte Christen und Engländer mit schwarzer Hautfarbe! Doch trotz der Erfolge der Abolitionisten, auch in den anderen europäischen Ländern, vor allem in Frankreich, wuchs der Widerstand ihrer Gegner. Sie malten Entwicklungen an die Wand, die sie mit Knittelverse wie diesem dramatisierten: „Wenn der Sklavenhandel endet, endet unser Leben. / Bettler sind wir dann, können Frauen und Kindern keine Nahrung mehr geben. / Keine Schiffe in den Häfen, keine Segel, die sich blähn in den Winden, / In den Straßen wächst Gras, wo die Kühe ihr Futter finden“.
Das Dilemma war deutlich: Auch die Befürworter des Sklavenhandels ließen erkennen, dass sie sich des Unrechts der Sklaverei bewusst wurden: „Sie haben mein Mitleid, doch bleibe ich stumm, / Wo kämen wir hin ohne Zucker und Rum?“ formulierten sie den Zwiespalt, in dem sie sich befanden. Auch heute skurril anmutende Pläne wurden geschmiedet. Etwa, den freigelassenen Sklaven ein eigenes Land zu beschaffen: Nova Scotia und Sierra Leone – erfolglose Versuche, den Entrechteten ein Recht auf Land zu verschaffen.
Dennoch war die Tugend, die die Abolutionisten an den Tag legten und die Moral, die sie verkündeten, eine von Männern dominierte. Frauen hatten in den ersten Jahrzehnten der als Komitee organisierten Bewegung nur wenig Platz, schon gar nicht in den Führungsgremien und in den Petitionslisten. Trotz der Erfolge war die (vorläufige) Niederlage des Kampfes für die Abschaffung der Sklaverei besiegelt, als in Frankreich die Auswirkungen der Französischen Revolution mit der Guillotine, durch Mordlust, den Konflikten zwischen Monarchie und Republik und durch die Gegenrevolution des Adels Chaos brachten: „Kriegsfieber ist der Feind sozialer Reformen“.
Mit der Schilderung des „düsteren Jahrzehnts“ in Großbritannien beginnt der vierte Teil des Buches. In den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts fuhren die Vertreter der Monarchie und des Adels im Parlament ihre stärksten Geschütze gegen die zahlreichen Anträge der Abolutionisten zur Abschaffung der Sklaverei auf. Wenn diese verbunden seien mit Anarchie, Unordnung, Mord, Verwüstung und Verderben, dann solle lieber der Sklavenhandel bleiben, was er immer war.
Doch die Aufstände in den britischen Sklavenkolonien züngelten wie nahrhafte Flammen von Ort zu Ort: St. Domingue, Jamaika… Der Guerillakampf begann. Die Befreiungsbewegungen waren nicht mehr aufzuhalten. Aus St. Domingue wurde die Republik von Haiti, mit dem legendären Toussaint l'Ouverture, dem Sohn einer Schwarzen mit einem französischen Kolonialbeamten.
Schließlich war die Zeit reif, um die Ketten zu sprengen. Hochschild schildert diese Entwicklung im fünften Kapitel. Über Jahrzehnte hinweg entwickelten sich die Aktivitäten der Abolutionisten, mit Thomas Clarkson als genialem Organisator, mit Wilberforce als anerkanntem Unterhaussprecher und mit der Vaterfigur von Granville Sharp, dem Theoretiker und Strategen James Stephen. All das Engagement war eingebunden in das Beziehungsnetz der Quäker.
Kommen wir zurück ins 20. Jahrhundert, zur Aussage von Margaret Mead, dass eine kleine Gruppe nachdenklicher, engagierter Menschen die Welt verändern könne. Die Abolutionisten machten mit ihrem Kampf gegen die Sklaverei einen solchen Anfang. Noch 1838, als in den britischen Kolonien offiziell die Sklaverei abgeschafft wurde, stellte sich die Situation so dar: In den brasilianischen Bergwerken und Plantagen arbeiteten 1,5 Millionen Sklaven, auf Kuba 400.000, in den heutigen USA zwei Millionen. Es sollte noch einige Jahrzehnte dauern, bis unter Lincolns Fittichen auch dort das Ende der Sklaverei verkündet wurde.
Adam Hochschild hat mit seinem aktuellen Buch zwei Verdienste erworben: Zum einen hat er in einer romanhaften und gleichzeitig auf historischen Quellen beruhenden Schilderung deutlich gemacht, dass das Engagement von Wenigen ausreicht, um die Lebenswirklichkeit zu verändern. Allerdings nur dann, wenn sie die notwendige Kraft, Geduld, Ausdauer und Überzeugung mit bringen, teils Jahrtausende altes, überliefertes und vermeintlich selbstverständliches Recht als Unrecht anzuprangern und abschaffen zu wollen.
Zum anderen liest sich mit Hochschild die allgegenwärtige Aufforderung, dass nicht hehre, ideologische, dogmatische Texte, auch nicht die Worte aus der Bibel oder anderen „heiligen Schriften“ die Menschen zum Handeln bewegen, „sondern die lebendige, unvergessliche Schilderung großen Unrechts“.
Wenn die Abolitionisten ihre Hoffnung nicht auf „heilige Texte, sondern auf menschliches Mitgefühl“ setzten, so kann dies gleichzeitig für uns Hier und Heute, in der globalisierten, immer interdependenter sich entwickelnden Welt, ein Ansporn zum Handeln sein.
Über die Geschichte der Sklaverei und die Abolitionsbewegung gibt es zahlreiche wissenschaftliche Forschungen und analytische Beiträge. Adam Hochschilds Arbeit kann beanspruchen, in die Reihe der wichtigen, historischen Forschungsarbeiten dazu gestellt zu werden. Sie zeichnet sich aber darüber hinaus dadurch aus, dass es dem Autor gelingt, am Beispiel von Einzelpersonen, Gruppen und Netzwerken Empathie für deren Engagement zu erzeugen. Und, das ist für den Rezensenten der entscheidende Mehrwert: deren jahrzehntelanges Wirken beispielhaft, gewissermaßen also auch für uns, aufzuzeigen.
Literaturangaben:
HOCHSCHILD, ADAM: Sprengt die Ketten. Der entscheidende Kampf um die Abschaffung der Sklaverei. Aus dem Amerikanischen von Ute Spengler. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2007. 503 S., 26,50 €.
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