Ein Autor wie Thomas Pynchon, der längst Kultstatus genießt, kann eigentlich überhaupt nichts falsch machen. Seine Fangemeinde bleibt ihm treu, ganz egal, was er schreibt, und mit jeder Veröffentlichung lassen sich neue Leser dazu gewinnen. Nach dem Urteil nicht nur seiner Übersetzerin Elfriede Jelinek hat er den Nobelpreis längst verdient. Dass Pynchon jeglichem Presserummel aus dem Weg geht, dass es von ihm kein einziges sicher nachzuweisendes Foto gibt, trägt zu seiner Berühmtheit nur bei. Dank dieser Geheimniskrämerei ist er umgeben von Rätselhaftigkeit: Wer ist dieser Mann, wo lebt er? Sicherlich fließen diese Überlegungen auch in die Rezeption seines Werkes ein – die Lektüre könnte ja Aufschlüsse geben über den Autor. Diesen Spekulationen entzieht man sich nur mit Mühe.
Was ist denn überhaupt in Erfahrung zu bringen über Thomas Pynchon? Der Klappentext verrät nichts, nur eine Auflistung seiner Werke gibt es hier. Lediglich eine dürre Reihe von Fakten ist bekannt: Geboren wurde er 1937 in Long Island, er studierte Physik und Englisch. Dann war er zwei Jahre lang bei der Marine und kurzzeitig bei Boeing beschäftigt. Seit 1962 lebt er vermutlich als freier Schriftsteller an der Westküste der USA. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Abgesehen von seinen Büchern gibt es sonst nichts über ihn zu erfahren. Frühere Werke hatte noch ein Foto geziert, auf dem ein junger Marinesoldat mit Kappe und Schnurrbärtchen zu sehen war.
Die neue Veröffentlichung „Gegen den Tag“ fällt zunächst durch ihren Umfang auf: Der Band hat 1596 Seiten. Auch an Protagonisten und Schauplätzen mangelt es nicht, was die Lektüre nicht gerade erleichtert. Deshalb seien hier nur einige Elemente der Handlung herausgegriffen – wenn das zu Verwirrung führt, ist der Roman passend beschrieben. Der Roman setzt im Jahr 1893 ein. Protagonisten sind unter anderem die Besatzungsmitglieder des wasserstoffbetriebenen Luftschiffes „Inconvenience“, die auch Hauptfiguren eines Romans im Roman sind – sie sind die Helden einer berühmten Groschenheft-Reihe. Die Luftfahrer, Mitglieder des „aeronautischen Clubs Freunde der Fährnis“, haben nicht näher definierte Aufträge zu erfüllen und treffen dabei auf unzählige Personen aus ebenso vielen verschiedenen Ländern. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass der Roman Elemente unterschiedlichster Textsorten aufgreift: Detektivroman, Science-Fiction, Groschenroman, Wild-West-Story und populärwissenschaftliche Abhandlung (vor allem mathematische Fragen tauchen immer wieder auf). Dabei flechtet Pynchon, wie in früheren Werken, historische Figuren wie Mathematiker und Erfinder ein, etwa Tesla und Riemann. Wie immer bei Pynchon schwirrt dem Leser der Kopf – der Versuch, alle Verweise auf weitere Werke, reale oder fiktive Personen oder auf historische Ereignisse zu entschlüsseln, muss scheitern. (Daran arbeiten sich mehrere Fangemeinden im Internet ab.) Dementsprechend werden die zahlreichen Handlungsstränge des Romans mit dem Fortlaufen der Handlung nicht entwirrt, eine Auflösung kommt nicht näher. Stattdessen tauchen immer mehr Protagonisten auf, die mehr und mehr Verwirrung schaffen. Anarchisten, singende Arbeiterversammlungen, Franz Ferdinand, Zauberer, Proust lesende Hunde, Alchimisten und mexikanische Migranten sind unter den Hunderten von Figuren des Romans.
Da sind Figuren wie Lew Basnight, der aus Zufall, aufgrund kafkaesker Umstände zum Detektiv geworden ist: „Er war da einfach irgendwie hineingeraten, und zwar aufgrund einer Sünde, die er angeblich irgendwann einmal begangen hatte. Was nähere Einzelheiten dieses Fehltritts anlangte, war selbst er auf Spekulationen angewiesen. Lew konnte sich nicht erinnern, was er getan oder unterlassen hatte, oder gar wann. Wer es ebenfalls nicht wusste, gab sich gleichwohl bestürzt, als sendete Lew Strahlen des Bösen aus. […] Er wurde in den Lokalzeitungen denunziert. Zeitungsjungen erfanden reißerische Schlagzeilen über ihn, die sie morgens und abends im Gewühl der Passanten ausschrien […]. Es wäre von Nutzen gewesen, wenn er sich hätte erinnern können, aber alles, was er vorzuweisen hatte, war dieser eigenartige Nebel.“ So wird Lew von unbekannten Passanten zu einer unbekannten Tätigkeit eingestellt, ohne dass er jemals begreifen würde, was eigentlich seine Aufgabe ist.
Oder fantastische Gestalten wie der Tatzelwurm: „Sie sind die Priester ihrer eigenen Religion.“ Der Tatzelwurm „schüchterte seine Opfer durch sein Aussehen ein und hypnotisierte sie, sodass sie sich mit ihrem Schicksal gewissermaßen einverstanden erklärten.“ Schnell eilt die Handlung weiter, vom Tatzelwurm nach Sibirien, von Sibirien in die Alpen … zahllose Schauplätze – wir Leser bewegen uns mit der Geschwindigkeit eines futuristischen Luftschiffes um die Erde: Das akademische Göttingen, Belgien, Chicago, Mexiko, die sibirische Taiga, Venedig, der Balkan und Österreich-Ungarn werden mit schwindelig machendem Tempo besucht und wieder verlassen. Historische Ereignisse wie die Weltausstellung von 1893, die mexikanische Revolution und der Anschlag auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand werden von den Protagonisten miterlebt, beobachtet und oft auch beeinflusst.
Auszuhalten und zu genießen ist der Roman dank seiner Selbstironie, ohne die jeder Leseversuch sicherlich in Erschöpfung münden würde. Pynchon selbst umschreibt es so: „Figuren unterbrechen ihr Tun, um größtenteils alberne Liedchen zu singen. Seltsame und obskure Sexualpraktiken werden ausgeübt, obskure Sprachen gesprochen, und das nicht immer idiomatisch richtig.“ Tatsächlich wechselt die Erklärung kompliziertester physikalischer Vorgänge mit der Beschreibung von Oralverkehr mit einem Schoßhündchen, Séancen seltsamer Medien und den Träumen der Romanfiguren, die z.B. von der Reise einer Kugel handeln: „Er verstand, dass dieser Zickzack durch die vierdimensionale Raumzeit mittels eines fünfdimensionalen Vektors ausgedrückt werden konnte. Wenn diese Reise der Kugel in n Dimensionen stattfände, würde der Betrachter eine zusätzliche Dimension, n+1, brauchen, um den Weg zu verfolgen und Anfangs- und Endpunkte zu einer einzigen Resultante verbinden zu können.“ Unterbrochen wird die (wenn man behaupten könnte, es gebe eine) Handlung von harmlosen Liedchen, die in mehr oder weniger klarer Verbindung zum Geschehen stehen.
Der durchschnittlich gebildete Leser muss einfach zwischendrin abschalten und die Idee aufgeben, verstehen zu können, wovon der Autor spricht, zu komplex ist die Vermischung von Riemannschen Formeln, die reichlich griechische Symbole beinhalten und üble Erinnerungen an den Matheunterricht wachrufen, historisch verbürgten Geschehnissen und literarischen Anspielungen. Nebenbei lernen wir auch, dass man, „wenn man auf Kroatisch einen Orgasmus hat“, „Svr šavam! schreien“ muss. Pynchon scheint vor allem eine Botschaft zu haben: Nehmt euch nicht zu wichtig. Wie sonst sollte man ein Buch verstehen, dessen Titel ein Bibelzitat darstellt, das reichlich Anspielungen auf den Marxismus enthält und in dem ein Schuljunge eine Eins erhält auf einen Aufsatz, der nur diesen Satz enthält: „Amerikaner zu sein heißt, zu tun, was einem gesagt wird, zu nehmen, was einem gegeben wird, und nicht zu streiken, denn sonst kommen die Soldaten und schießen einen nieder.“ Oder ist doch alles komplizierter: „Wir behaupten, dass Lemberg, Leopolis, Lvov, Lviv und Lwów nur verschiedene Namen für ein und dieselbe Stadt sind […], dabei handelt es sich um verschiedene Städte, und der Übergang von einer Stadt in die andere unterliegt sehr genauen Regeln.“
Fragen werden aufgeworfen – beantwortet werden sie nicht. Jeder Handlungsschritt führt zu drei weiteren, und wenn wir mit den Romanfiguren im Präsens angelangen, befinden wir uns wie sie weiter auf der Suche. Die „Inconvenience“ ist nun groß wie eine Stadt, anscheinend hat sie ganze Welten in sich aufgenommen. „Einst ein Vehikel, das einer Pilgerfahrt durch den Himmel diente, hat sie sich in ihre eigene Bestimmung verwandelt, und man befasst sich zumindest mit jedem Wunsch, der geäußert werden kann, auch wenn er nicht immer erfüllt wird. Wenn jeder Wunsch in Erfüllung ginge, hieße das, dass in der bislang bekannten Schöpfung irgendwie etwas unbeabsichtigtes, selbstlos gewährtes Gutes entstanden oder jedenfalls für uns erreichbarer geworden wäre. Dafür hat bisher niemand an Bord der Inconvenience Anzeichen entdecken können. Doch sie wissen – Miles ist ganz sicher –, dass es irgendwo ist, wie ein heranziehender Regensturm, nur unsichtbar. Bald werden sie bemerken, dass die Messgeräte einen Druckabfall anzeigen. Sie werden spüren, wie der Wind sich dreht. Sie werden die geschwärzten Brillen aufsetzen, um die Herrlichkeit sehen zu können, die den Himmel zerreißen wird. Sie fliegen der Gnade entgegen.“
Von Claire Horst
Literaturangaben:
PYNCHON, THOMAS: Gegen den Tag. Roman. Deutsch von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008. 1595 S., 29,90 €.
Verlag: