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Angolanisches Puzzle

„ ... jede Figur, jede Lebensgeschichte ein Roman für sich“ Berliner Zeitung

© Die Berliner Literaturkritik, 14.07.11

MÜNCHEN (BLK) – Im März 2011 ist im A1 Verlag „Barroco Tropical“ von José Eduardo Agualusa erschienen. Übersetzt hat Michael Kegler.

Klappentext: Dem Schriftsteller Bartolomeu Falcato fällt eine Frau buchstäblich vor die Füße. Allerdings nicht aus heiterem Himmel, sondern aus einem Unwetter heraus, und es ist klar, dass sie nicht freiwillig gestürzt ist. Bei der Toten handelt es sich um Núbia de Matos, Model und angebliche Ex-Geliebte der Präsidentin. Nur fünf Tage zuvor hatte sie Falcato in der Abflughalle des Flughafens angesprochen, ihn bedrängt und pikante Details aus den Hinterzimmern der politischen Eliten erzählt. Doch statt sich um die Aufklärung des mysteriösen Todesfalls kümmern zu können, wird Falcato selbst zum Verfolgten. Ominöse Anrufer warnen ihn, in seineWohnung zurückzukehren. Und auch seine Frau darf nicht wissen, was er zur fraglichen Zeit am fraglichen Ort zu suchen hatte, und vor allem nicht, mit wem... Was folgt, ist eine rasante Odyssee durch den Untergrund und die Abgründe der angolanischen Hauptstadt Luanda. 24 Stunden, in denen Falcato selbst in einen Strudel aus skrupelloser Gewalt, Leidenschaft und Eifersucht gerät. Und dann sind da noch die schwarzen Engel, die auf den Dächern der Hochhausruinen tanzen, die seit dem Ölboom überall in Luanda in den Himmel ragen. Hirngespinste? Realität gewordene afrikanische Mythen? José Eduardo Agualusa schafft in seinem im Jahr 2020 angesiedelten Roman ein filmisches und poetisches Panoptikum Angolas aus vermeintlichen Trugbildern und politischer Realität.

José Eduardo Agualusa wurde 1960 in Angola geboren und studierte Agrar- und Forstwissenschaften in Lissabon. Heute ist er Journalist und Schriftsteller und hat schon mehrere Gedichte, Erzählungen und Romane veröffentlicht, die sich internationaler Beliebtheit erfreuen.

 

Leseprobe:

©A1©

 

1.
Eine Frau fällt vom Himmel.

Ich zählte die Sekunden zwischen Blitz und Donner – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Multiplizierte sie mit dreihundertvierzig, die Meter, die der Schall pro Sekunde zurücklegt, um auszurechnen, in welcher Entfernung der erste Blitz eingeschlagen hatte: zwei Kilometer und dreihundertachtzig Meter. Ich berechnete den zweiten, den dritten, den vierten Blitz. Das Unwetter stürmte auf uns zu. Noch bevor der fünfte Blitz den Himmel aufriss, wusste ich bereits, wo er einschlagen würde.
   Kianda war hundert Meter entfernt von mir und lief weiter voran, immer weiter, wie auf einer Bühne, angetrieben vom Licht. Ihre Schuhe versanken im Morast, rotes Lackleder auf rotem Rot. In der Ferne tanzten die Palmen. Dahinter ragte die unerschütterliche Silhouette eines Baobab auf. Kianda ging aufrecht, mit erhobenem Haupt, ihre schönen Hände mit den langen, schlanken Fingern über der Brust gekreuzt. Das Licht war wie eine goldene Substanz, zäh, fast schon flüssig, an die sich trockene Blätter hefteten, Papierschnipsel, feiner, aufgewirbelter Staub, Material, das der Wind in seinen gewundenen Armen mit sich riss.

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   Und meine Liebe schritt weiter der schwarzen Wolkenmasse entgegen. Ich musste daran denken, was ein berühmter Musikkritiker, ein alter, exzentrischer Engländer, einmal über sie gesagt hatte, um ihren Erfolg zu erklären: „Als Erstes berührt uns der Gegensatz zwischen der Zerbrechlichkeit ihrer auf eigentümliche Weise schroffen Gestalt und dem ungezähmten Stolz in ihrem Blick. Ihre mächtige und doch sanfte Stimme. Man möchte sie in Schutz nehmen und gleichzeitig schlagen.“ Kianda geriet in den Regen. Ihr leichtes, strahlend rotes Kleid aus Seide klebte an ihrer Haut, wurde dunkler, fast violett. Im tiefen Rückenausschnitt sah man die zwei blauen Flügel, die sie sich in Japan hatte tätowieren lassen. Je länger ich sie kannte, desto mehr faszinierten sie mich. Die Trompe-l’oeil-Technik lässt sie wie echt aussehen. Flügel, die sich bewegen, wenn sie atmet. Ihre wilde, flammende Mähne, die so viele Frauen nachzuahmen versuchen, hatte sich aufgelöst, hatte Fülle und Glanz verloren und hing nun über ihre sich deutlich abzeichnenden Schultern herab.
   Ich öffnete die Autotür und stieg aus. Ein alter, dunkelgelber Chrysler, ein Oldtimer. Der nasse Wind schlug mir ins Gesicht. Ich rief ihren Namen, übertönte das Donnern des Unwetters. Kianda drehte sich zu mir um, und in diesem Moment ging ihr Blick in stummem Entsetzen nach oben.

Jetzt, wo ich alles noch einmal durchlese, merke ich, dass es
sich liest wie das Drehbuch zu einem Werbespot. Nun käme
die Parfumflasche ins Bild. Mit einem passenden Namen. „La
tempête“ oder so ähnlich. Aber nein. Ab hier kippt der Film.

Ich folgte Kiandas Blick und sah, wie die Frau vom Himmel gefallen kam – sie stürzte, nackt, schwarz, mit ausgebreiteten Armen –, fast im selben Moment wie der Blitz. Der Blitz schlug in einen Baobab ein und zerfetzte ihn. Ein Meteorologe hat mir vor Jahren einmal erklärt, dass Blitze Bäume sprengen, weil sich das Harz schlagartig erhitzt. Ich rannte zu ihr. Ihr Körper steckte halb im Morast. Ihr Kopf war nach hinten geknickt. Ich konnte die aufgerissenen, tiefschwarzen Augen erkennen. Sie leuchteten noch. Entsetzt wich ich zurück. Ich wollte nicht, dass Kianda das sah.
   „Lass uns gehen!“
   „Gehen? Und sie?“
   „Sie ist tot, Liebling! Um die musst du dich nicht mehr kümmern. Willst du die Polizei rufen?“
   „Nein, nein! Nicht die Polizei. Ich will niemanden rufen. Du weißt genau, dass wir nicht zusammen gesehen werden dürfen.“ Ich nahm sie in den Arm. Kianda zitterte. Ich begleitete sie zum Wagen, setzte sie auf den Beifahrersitz und wir fuhren schweigend nach Luanda zurück. Als wir die Stadt erreichten, begann es gerade, dunkel zu werden. Ich parkte den Wagen zwei Straßen von ihrer Wohnung entfernt und beugte mich zu ihr herüber, um sie zu küssen. Kianda wandte sich ab.
   „Nein! Nie wieder.“
   Ich stieg aus. Sie rutschte auf meinen Platz, startete den Wagen und verschwand. Ich hielt ein Taxi an. Lange hatte es in Luanda keine richtigen Taxis gegeben, nur Candongueiros, Sammeltaxis im Dienste des Volkes.

Das Volk oder sie, so nennen wir, die Reichen oder fast
Reichen Angolas, diejenigen, die überhaupt nichts haben.
Also die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung.

Der Taxifahrer war ein dicker Kongolese. Sein Gesicht war glatt und glänzte im kupferfarbenen Licht des untergehenden Tages wie ein Spiegel. Er schenkte mir ein riesiges Lächeln.
   „Wo soll’s denn hingehen?“
   „Keine Ahnung“, gestand ich mit tonloser Stimme. Die Angst ließ mich keinen klaren Gedanken fassen. „Irgendwohin.“
   Der Mann lächelte wieder.
   „Keine Sorge. Ich bringe Sie hin.“
   Eine halbe Stunde später setzte er mich vor einer kleinen Bar ab. Mir fiel die pulsierende Neonschrift über der Tür auf: „O Orgulho Grego“ – Der griechische Stolz. Das Grinsen des Taxifahrers hatte inzwischen die Ausmaße einer ganzen Welt angenommen.
   „Gehen Sie hinein und fragen Sie nach Mãe Mocinha. Sie wird Ihnen sagen, wo es hingehen soll. Sie irrt sich nie.“


Die stürzende Frau, fünf Tage davor

Ich sah sie, kaum dass ich die Abflughalle betreten hatte. Auch die Frau hatte mich gesehen und heftete das unbarmherzige Strahlen ihrer großen schwarzen Augen auf mich, so intensiv, dass ich zu Boden sah. Als ich wieder aufblickte, war sie immer noch da, saß nun aufrecht auf einem Stuhl, elegant und erhaben wie eine äthiopische Prinzessin. Sie trug eine Pelzjacke von archaischem Luxus und eine schwarze Schlaghose. Ich setzte mich zwei Reihen hinter sie, um diesem Blick zu entkommen und sie ungestört beobachten zu können.
   Wer war sie? Oder besser, was ...? Ich begann mir verschiedene Varianten vorzustellen. Aus gutem Hause wahrscheinlich, aus einer der alten Familien von Luanda oder Benguela. Einer der Großväter könnte Beamter der Kolonialverwaltung gewesen sein. Der Vater dann Bürokrat im Dienste der Regierung, vielleicht auch erfolgreicher Unternehmer, ein zum Bergbau-Unternehmer konvertierter General. Sie könnte in Lissabon studiert haben oder in London oder New York. Oder gar in Lissabon, London und New York. Ihrer Kleidung nach zu urteilen widersprach ihr Geschmack allen aktuellen ökologischen Standards. Vielleicht machte es ihr aber auch nur Spaß zu provozieren, oder sie war reich genug, um über dem Urteil der Masse zu stehen. Immerhin war ich mir sicher, sie noch nie zuvor gesehen zu haben. Ich musste an „Dornröschens Flugzeug“ denken, eine der „Zwölf Geschichten aus der Fremde“ von Gabriel García Márquez. Darin erzählt der Kolumbianer von einer Reise an der Seite der schönsten Frau der Welt, die kein einziges Wort mit ihm spricht. Ich bin oft mit dem Flugzeug unterwegs, fast jeden Monat, und kann mich nicht erinnern, je neben einer schönen Frau gesessen zu haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Fluggesellschaften Anweisung haben, schöne Frauen nicht neben Männer zu setzen, ganz gleich welche, ausgenommen sehr respektable Alte oder Priester vielleicht.
   Als der Flug aufgerufen wurde, wartete ich, bis die Frau aufgestanden war, und stellte mich hinter sie in die Schlange. Zu meiner Überraschung drehte sie sich um, deutete mit ihrem rechten Zeigefinger auf mich und fragte:
   „Sind Sie Bartolomeu Falcato?“
   „Meistens schon“, sagte ich und versuchte krampfhaft, mir etwas Geistreiches auszudenken, einen witzigen Spruch, irgendetwas, womit ich mir Luft verschaffen und meine Sicherheit wiedererlangen könnte.
   „Ich bin allerdings bereit, alles zu sein, was Sie möchten, wann und wo immer es Ihnen beliebt.“
   Ich sehe ein, das war nicht besonders originell. Meine Plumpheit schien sie jedoch nicht weiter zu stören.
   „Ich heiße Núbia“, sagte sie einen Tick zu laut. „Ich wusste, dass wir uns begegnen würden, in Lissabon, in Luanda, irgendwo auf der Welt. Ich war mir sicher.“
Ich traute mich nicht zu fragen, warum sie so sicher war. Stattdessen wollte ich wissen, was sie machte. Sie lächelte nur. Dann rief jemand ihren Namen, sie ging, und ich sah sie erst im Flugzeug wieder. Sie saß ein gutes Stück vor mir. Der Sitz neben mir war frei. Als Núbia dies bemerkte, kam sie, legte ihre Pelzjacke ab und verstaute sie im Gepäckfach. Sie trug eine einfache weiße Bluse, sehr elegant, unter der große, feste Brüste zu erahnen waren. Dann öffnete sie einen kleinen roten Koffer aus Plastik, holte einen Stapel Zeitschriften heraus und legte ihn mir auf den Schoß.
   „Damit Sie mich besser kennenlernen.“
   Die Illustrierten hatten Namen wie „Cacau“, „Mulher Africana“, „Tropical“, „Caras e Cores“. Auf allen Titelblättern war Núbia. Einmal als Braut, die eine lange gewendelte Treppe hinabschreitet, auf dem zweiten posierte sie im Bikini auf einem Strandlaken, im Hintergrund schimmerte zwischen den Felsen ein smaragdgrünes Meer. Auf dem dritten trug sie nichts als knappe Jeans-Shorts und lachte ein jugendliches Lachen, während ihre Hände versuchten, die Brüste zu verbergen.
   „Ach so“, seufzte ich erstaunt. „Sie sind Fotomodell ...“
   „Ich war vor zehn Jahren einmal Miss Angola. Danach habe ich eine Karriere als Model begonnen. Ich hatte auch mal eine Fernsehsendung.“
   „Jetzt nicht mehr?“
   „Nein, man hat mich zum Schweigen gebracht! Sie wollen nicht, dass ich rede!“
   Sie nahm mir die Zeitschriften aus der Hand und gab mir stattdessen ein dickes Fotoalbum. Sie selbst schlug es auf. Die ersten Bilder zeigten eine Misswahl. Núbia tauchte erst etliche Bilder weiter hinten auf, immer mit demselben Lächeln, neben der Präsidentin und ihrem Ehemann. An der Seite eines berühmten Fußballspielers. An der Seite einer Schauspielerin. Im Arm eines erfolgreichen amerikanischen Unternehmers. Im Arm von zwei erfolgreichen angolanischen Unternehmern. Auf dem Schoß eines bekannten Waffenschiebers. Auf der riesigen Yacht der Präsidentin. Ich deutete auf ein Foto, auf dem sie zu Pferd zu sehen war. Im Hintergrund, ebenfalls zu Pferd, ein eleganter Mann mit Oberlippen- und Kinnbart. Das Gesicht kam mir bekannt vor.
   „Wer ist das?“
   „Das ist der Geliebte der Frau Präsidentin!“
   „Wie bitte?“
   Sie überging mein Staunen und zeigte mir weitere Fotos. Mit wachsender Begeisterung. Redete, fast ohne Luft zu holen, wie ein Wasserfall, und nach und nach änderte sich auch ihr Tonfall. Hinter der weichen, klagenden Aussprache der alten Bourgeoisie von Luanda kam nun eine andere, breitere, vollere, derbere Färbung zum Vorschein. Als versuchte eine zweite Frau, aus dem Volk, aus ihr – der falschen – herauszuschlüpfen, nicht wie ein Schmetterling aus einer Puppe, sondern eher wie eine Raupe aus einem Schmetterling. Ich fragte sie nach ihrem Familiennamen. Sie lächelte, um zu zeigen, dass sie verstanden hatte, worauf ich hinauswollte.
   „Meine Familie war arm. Ich konnte nicht einmal Portugiesisch, jedenfalls nur sehr schlecht. Die hier hat es mir beigebracht.“
Dabei deutete sie auf die Präsidentin auf einem der Fotos. Und lachte kurz auf.
   „Das ist eine ganz Ordinäre. Sie schaute immer zu, wenn ihr Ehemann es mit mir trieb. Weißt du, wozu sie mich zwangen? Nein, das kannst du nicht wissen. Keiner kann es wissen. Mich und die anderen Mädchen. Zu Orgien mit wichtigen Leuten. Drogen ...“
   „Das glaube ich nicht!“
   „Doch, ich habe jede Menge Drogen genommen. Liamba, Heroin, Koks. Heute nehme ich keine Drogen mehr. Gott erlaubt es mir nicht ...“
   „Gott?“
   „ Ja, Gott.“ Sie senkte die Stimme und kam mit ihren süßen Lippen ganz nah an mein Ohr. „Weißt du, dass Gott gesehen wurde, wie er über die Strandpromenade spazierte? Gott redet mit mir. Einmal hat er mir eins deiner Bücher gezeigt. Am nächsten Tag bin ich in eine Buchhandlung gegangen und habe es gekauft.“
   „Und hast du es gelesen?“
   „Gelesen schon, aber nicht verstanden. Ich habe es gelesen, weil Gott mir gesagt hat: ‚Kind, mach dich bereit. Du bist Núbia, die Hure, und du bist Maria, die Reine. Gebenedeit sei die Frucht deines Leibes.‘ Das sagte er zu mir, denn ich werde schwanger werden und den neuen Heiland zur Welt bringen ...“
   Ich war perplex und erschrocken.
   „Und wer wird der Vater sein?“
   Núbia schaute mich verblüfft an.
   „Der Vater? Du natürlich. Das hat mir Gott offenbart. Du wirst mein Josef sein.“
   „Und wie soll unser Kind heißen?“
   „Emanuel selbstverständlich.“
Nachdem das geklärt war, erzählte sie mir, dass sie früher ein Junge gewesen sei. Inzwischen waren die Lichter im Flugzeug ausgegangen. Es war schon nach Mitternacht. Draußen leuchteten friedlich die Sterne.
   „Als ich ein Junge war, trieb ich es mit der Präsidentin ...“
Ich hörte schon nicht mehr zu. Der Kopf tat mir weh. Der Schlaf löschte allmählich mein Bewusstsein aus wie ein Blackout eine Stadt, damals, in Zeiten des Krieges; erst ein Stadtviertel, dann das nächste, riesige Gebiete, die im Dunkel verschwanden. Zugleich tauchten, aus welchem verborgenen Ozean auch immer, unzusammenhängende Bilder auf aus dem tiefsten Inneren meines Gehirns: ich, wie ich Laurentina küsse, meine Mutter beim Tanzen in einem rosafarbenen Kleid, ein toter Hund auf dem Bürgersteig mit durchschnittener Kehle. Ich kämpfte verzweifelt dagegen an, unterzugehen. Schließlich schlief ich ein, muss eingeschlafen sein, denn ich weiß, dass ich nackt über einen Strand lief, neben mir Núbia, als ich plötzlich die Augen wieder aufriss und sah, wie sie sich über mich beugte. Sie hatte ihre Bluse aufgeknöpft und den Büstenhalter gelöst. Dort, mitten in der rasenden Nacht, in elftausend Metern Höhe, erschien sie mir wie eine unantastbare Gottheit. Eine moderne (reichlich moderne, das gebe ich zu) Variante der Mutter Gottes. Noch völlig benommen wachte ich auf.
   „Was machst du da?“
   „Ich ziehe meine Bluse aus. Wir werden uns lieben.“
   „Hier?“
   „ Ja, warte, ich ziehe nur kurz meine Hose aus.“
   „Wirst du nicht. Und du wirst die Bluse wieder zuknöpfen!“
   „Gefalle ich dir nicht?“
   „Du gefällst mir, ja doch, aber ich glaube auch, dass du ein Problem hast. Du solltest zu einem Psychologen gehen.“
   „Ich spreche lieber mit Gott. Was kann ein Psychologe mir schon mehr sagen als Gott?“
   Das Argument war entwaffnend, und Núbia nahm mein Schweigen als Zustimmung. Spöttisch fügte sie hinzu: „Oder willst du, dass ich mit Bárbara Dulce rede? Sie ist doch Psychologin?“
   „Bárbara? Bárbara ist Psychoanalytikerin. Wissenschaftlerin. Sie hat sich spezialisiert auf Schlafstörungen. Und Träume. Woher kennst du überhaupt meine Frau?“
   „Ich weiß alles über dich ...“
   Nicht alles, zum Glück. Nicht einmal meine Telefonnummer kannte sie. Ich gab ihr eine falsche Nummer, schrieb mir aber ihre auf. Wir verabschiedeten uns mit einem flüchtigen Kuss in der Schlange vor der Grenzkontrolle. Ich versprach, mich zu melden, sagte ihr noch einmal, dass sie Ruhe brauche, und sah zu, dass ich verschwand. Bárbara Dulce wartete draußen auf mich, und ich hatte keine Lust auf einen Skandal.

Mãe Mocinha führte mich in ein kleines, smaragdgrün gestrichenes Zimmer, in das man von der Bar aus durch einen schmalen Gang gelangte. Sie riet mir, in den nächsten Tagen besser nicht nach Hause zu gehen. Ich schenkte ihr keine Beachtung. Doch dann sagte sie etwas – mit einer Stimme, von der ich nicht weiß, wo sie sie her hatte –, das mich unruhig werden ließ. Daraufhin schlief sie ein auf ihrem alten Sofa, ihr Kopf sank auf die Brust. Ich ging zurück in die Bar. In dem Moment, als ich das Orgulho Grego verlassen wollte, bellte mein Telefon.

Ja, mein Telefon bellt. Serena, meine mittlere Tochter, hat
den alten Klingelton, ein diskretes, altmodisches Klingeln,
durch ein wildes Bellen ersetzt. Wenn ich nicht aufpasse und
nicht gleich drangehe, dreht das Teil – oder besser der Köter,
der in ihm sitzt – durch. Es ist mir schon passiert, dass mich
jemand auf offener Straße angerufen hat und von irgendwoher
ein streunender Hund aufgetaucht ist, bellend und
heulend wie mein Telefon, und ich die Flucht antreten
musste wie ein Strauchdieb, mit einem Hund in der Tasche
und einem anderen auf den Fersen. Ich habe versucht, den
alten Klingelton wiederherzustellen, aber ohne Erfolg.

Es war Kianda. Sie erzählte mir, ihr Ehemann habe sich von ihr getrennt, wegen einer anderen Frau. Und sie wolle mich nie wieder sehen. Nie wieder. Als sie aufgelegt hatte, setzte ich mich an einen Tisch und bestellte ein Bier. Der Betreiber des Etablissements, ein sehr netter portugiesischer Tölpel, brachte mir zwei Cuca-Bier und ein Tellerchen mit Stockfischbällchen. Die besten, die ich bis heute gegessen habe. Er setzte sich zu mir und begann, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Und dann, wie er Mãe Mocinha kennengelernt hatte. Beides großartige Geschichten.
   Es war schon nach acht, als ich aufstand. Ich rief Bárbara Dulce an. Das Telefon klingelte und klingelte, aber niemand ging dran. Ich musste unbedingt mit ihr reden. Ihr erzählen, dass ich mit Núbia de Matos geflogen war. Bárbara würde sich wundern. „Warum hast du mir das nicht vorher gesagt?“, würde sie fragen. „Ach Schatz, ich wollte dich nicht aufregen. Diese Frau ist verrückt. Total durchgeknallt.“ Dann wollte ich ihr erzählen, dass ich gesehen hatte, wie sie vom Himmel gefallen war, direkt vor meine Füße, als ich im Taxi mit einem Kongolesen am Steuer unterwegs nach Cajueiro gewesen sei. Bárbara würde sicher noch einmal nachhaken und mit einer nur um Nuancen lauteren Stimme fragen: „Und was wolltest du in Cajueiro, bitte schön?“ Und ich würde mit den Schultern zucken: „Keine Ahnung! Einen portugiesischen Hinterwäldler interviewen, eine Art Hellseher, weißt du? Für meinen neuen Roman.“
   Wieder und wieder legte ich mir den Dialog zurecht, während ich nach einem Taxi Ausschau hielt. Bárbara würde zu ihrem Vater gehen. Mein Schwiegervater ist ein einflussreicher Mann seit der Unabhängigkeit, eigentlich schon immer, mit guten Verbindungen zum Ministerium für Staatssicherheit. Benigno würde schon wissen, wie man mir helfen kann. Die Strategie zurechtzulegen half mir, ruhiger zu werden.
   Ein Taxi hielt vor dem Orgulho Grego. Diesmal saß ein junger Inder am Steuer. Ich stieg ein und ließ mich zum Termiteira-Hochhaus fahren. In weniger als fünfzehn Minuten waren wir dort. Die riesige Eingangshalle war menschenleer. Ein schon ziemlich betagter Wachmann schlief mit dem Kopf auf seinem Schreibtisch, und vor ihm flimmerte auf einem winzigen Fernseher „Blade Runner“, einer meiner Lieblingsfilme. Ich stieg in den Aufzug und ließ mich vom Liftboy in den siebenundvierzigsten Stock fahren. Es war niemand zu Hause. Auf dem Wohnzimmertisch lag ein Zettel:
   „Bartolomeu! Kianda war in meiner Praxis und hat mir alles erzählt. Ich bin mit den Kindern bei meinen Eltern. Ruf mich nicht an und versuche nicht, mich zu treffen. Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken, was aus meinem Leben werden soll. Bárbara.“
   Aufgewühlt ließ ich mich aufs Sofa fallen. Schaltete gedankenverloren, ganz automatisch, den Fernseher ein, und plötzlich war sie da: Núbia de Matos, ihr Gesicht in Großaufnahme, die Augen geschlossen. Dann ihre Leiche von oben, in einem Morast aus Licht. Die Kamera fuhr weiter nach oben und nach und nach kamen weitere Darsteller ins Bild. Zwei Polizisten, von denen einer neben dem Körper des Models kniete, der zweite stand und schrieb etwas auf, und die Kamera fuhr zurück, während sich die Stimme des Sprechers in dem ihn umgebenden Lärm steigerte:
   „Die Leiche von Núbia de Matos, frühere Miss Angola, Fotomodell und Journalistin, wurde am frühen Abend von zwei Landarbeitern in der Gegend von Embondeiros bei Bom Jesus gefunden.Núbia de Matos wurde vor einigen Jahren landesweit bekannt, als sie zur Miss Angola gekürt wurde. Anschließend schlug sie eine Laufbahn als Fotomodell ein. Mehrere Jahre war sie das wichtigste Model der Gebrüder Congo und präsentierte die Modemarke Congo Twins in den Modehauptstädten der Welt. Zwei Jahre lang hatte Núbia außerdem eine Fernsehsendung mit Prominenten im Televisão Independente de Angola. Die Modewelt ist betroffen über ihren plötzlichen Tod im Alter von nur zweiunddreißig Jahren. Die Polizei hat noch keine Einzelheiten zum Tod des Fotomodells freigegeben, das alleine in einer Mietwohnung im Süden Luandas lebte ...“
   Wieder bellte das Telefon in meiner Tasche. Rufnummer unterdrückt. Wenn dort „Rufnummer unterdrückt“ steht, ist es meistens Kianda. Ich ging dran und hörte die Stimme eines Mannes, dunkel, und im Hintergrund etwas, das sich für mich wie der Lärm einer Feier anhörte.
   „Bartolomeu Falcato, der Schriftsteller?“
   „ Ja bitte ...“
   „Fliehen Sie! Falls Sie zu Hause sind, gehen Sie schnell. Man will Sie umbringen.“
   Dann brach das Gespräch ab. Ich stand auf und zog die Vorhänge zu. Schaltete das Licht aus und setzte mich wieder, diesmal auf den Boden in eine Ecke, und blieb dort, im Dunklen und zitternd wie ein kleines, gehetztes Tier. Ich hatte dem, was Núbia gesagt hatte, keine Beachtung geschenkt. Es war so tief in der Nacht gewesen, alles so schnell und so verwirrend und ich so müde, irgendwo zwischen meinen Träumen und ihren Albträumen.
   Wenn nur zwei oder drei Dinge von dem, was mir Núbia erzählt hatte, stimmten, hatten sie allen Grund, sie aus einem Flugzeug oder Helikopter zu werfen. Und angenommen, sie war verhört worden, bevor man sie hinausgestoßen hatte, gehörte nicht viel Phantasie dazu, um zu ahnen, dass sie auch meinen Namen erwähnt hatte.
   Von den zahlreichen Dokumentarfilmen, die ich gedreht habe, mag ich einen besonders. Er handelt von politischen Gefangenen in Afrika. Siebenundzwanzig habe ich interviewt. Irgendwann, hatten einige von ihnen mir anvertraut, seien sie an einem Punkt angelangt, an dem sie das Gefühl bekommen hätten, den Verstand zu verlieren.
   „Ich war dort“, erzählte mir ein Priester aus Zimbabwe mit gesenktem Blick. „Ich bin durch diese andere Welt gegangen, als Besucher. Viele Male. Immer wenn sie mich schlugen, schloss ich die Augen und ließ mich fallen. Ich floh. Eines Tages merkte ich, dass ich nie wieder zurückkehren würde. Da bekam ich Angst, große Angst. In dieser Situation muss ich meine Kameraden verraten haben. Nicht aus Schmerz habe ich den Mund aufgemacht, sondern aus Angst, verrückt zu werden.“
   Nach einigen Stunden läuft auch der Verhörende Gefahr, sich vom Wahnsinn anstecken zu lassen. Mein Schwiegervater erzählte mir von einem Dissidenten, einem jungen Ökonomiestudenten, der nach dreißig Stunden Stehen unter dem gleißenden Licht eines Scheinwerfers plötzlich anfing, in einer Sprache zu sprechen, die ein Bewacher, ein Anhänger von Simon Kimbangu, als Aramäisch erkannte, die Sprache von Jesus Christus (die er in Äthiopien gehört hatte). Vom Aramäischen wechselte der Student ins Französische mit einem Akzent von den Antillen und danach in ein lupenreines Umbundu, was insofern überraschend war, als er in Luanda als Sohn kleiner portugiesischer Kolonisten geboren worden und nie weiter herumgekommen war als bis nach Cacuaco. In all diesen Sprachen beleidigte er munter den Vater der Nation und versicherte, er sei in der Lage, alle seine Peiniger in Eidechsen zu verwandeln. Einer von ihnen, der Anhänger Kimbangus mit den Aramäischkenntnissen, weigerte sich schließlich weiterzumachen, als er am dritten Tag einen seltsamen Ausschlag an der Hand bekam. Später wurde auch er festgenommen und verlor den Verstand, überzeugt davon, dass er sich wirklich in eine Eidechse verwandelt hatte.

Gestatten Sie mir unterdessen eine Korrektur:
Mein Schwiegervater hat zu keinem Zeitpunkt das Wort
Dissident gebraucht. Benigno wählt seine Worte sehr genau.
Die ins Exil Getriebenen nennt er politische Emigranten. Die
Dissidenten der regierenden Partei nennt er Fraktionisten.
Besagte Person hatte bis 1977 wichtige Ämter in der Parteiführung
innegehabt, sich dann einer Gruppe angeschlossen,
die den Führungsanspruch von Agostinho Neto in Frage
stellte, und war festgenommen und gefoltert worden.
Nach seiner Freilassung war er nach Portugal geflohen.
Benigno nannte ihn entweder einen politischen
Emigranten oder aber Fraktionist.

   Was will ich mit all dem sagen?
   Stellen Sie sich vor, Núbia wird einer harten Befragung unterzogen – um einen weiteren Euphemismus zu bemühen, der meinem Schwiegervater sicher auch gefallen würde. Stellen Sie sich außerdem vor, sie hätte von Anfang an die intimen Intrigen bei Hofe mit den Offenbarungen durcheinandergewürfelt, die ihr Gott der Herr gemacht hatte. Vielleicht dachten die Verhörer, Núbia tue nur so, als sei sie verrückt oder dort nur zu Besuch wie jener Priester aus Zimbabwe. Vielleicht war es ihnen auch egal. Verrückt oder nicht, sie wusste zu viel und hatte geredet.
   Ich nahm mir einen Whiskey und ging im Wohnzimmer mit großen Schritten auf und ab. Am wahrscheinlichsten war, dass sie bereits nach mir suchten. Ein Vernichtungskommando, so wie im Film. Was meinen lieben Schwiegervater Benigno dos Anjos Negreiros anging, konnte ich wohl kaum darauf hoffen, dass er mir half. Nicht, nachdem Bárbara Dulce verheult bei ihm aufgetaucht war, mit beiden Kindern an der Hand.
   Am Tag unserer Hochzeit, wenige Minuten bevor Bárbara strahlend die Kirche betrat, hatte mich Benigno in einer düsteren Arkade zur Seite genommen, sich vorgebeugt, um mir die Krawatte zurechtzurücken, und mir zugeflüstert – wobei er nicht aufgehört hatte zu lächeln –, während er mir tief die Augen schaute:
   „Sie nehmen mir meinen größten Schatz weg, Herr Bartolomeu Falcato. Bereiten Sie ihr niemals Kummer. Sollte ich je erleben, dass mein kleines Mädchen Ihretwegen weint, sollte ich bei ihr je auch nur die kleinste Träne entdecken, bringe ich Sie um, das schwöre ich Ihnen.“
   Hinter mir hing der Heilige Sebastian leidend an seinem Felsen, die weiße Brust von Pfeilen durchbohrt, und ich versuchte zu scherzen:
   „Wenn Bárbara weint, dann nur vor Glück.“
Benigno richtete sich auf:
   „Davon bin ich überzeugt.“
Die Türklingel riss mich aus meinen Gedanken. Lautlos stand ich auf und lugte durch den Spion. Vor mir sah ich das ernste Gesicht eines Mannes um die dreißig, mit einem fein rasierten Oberlippen- und Kinnbart. Er schaute mich direkt an, auch wenn er mich natürlich nicht sehen konnte. Dann trat er ein paar Schritte zurück. Er trug einen dunklen Anzug, der ihm wie auf den Leib geschnitten war und eine Seidenkrawatte mit dem Bild einer Geisha darauf, die Shamisen spielt. Ich schlich von der Tür weg. Der Mann sah nicht aus wie ein professioneller Killer, noch weniger wie ein Agent der politischen Polizei. Ich kannte einige, von einfachen Schlägern bis hin zu hohen Funktionären der Staatssicherheit, keiner von ihnen würde je eine Krawatte mit dem Bild einer Geisha tragen, die Shamisen spielt. Aber vielleicht waren die jüngeren ja inzwischen schlauer. Ich schlüpfte durch die Küchentür hinaus und stieg die Dienstbotentreppe hinauf. Einen Stock über mir wohnte Mouche Shaba, die Architektin, die das Termiteira-Hochhaus entworfen hatte. Mouche ist eine Freundin. Ich dachte, dass sie mir vielleicht helfen könnte.

©A1©

 

Literaturangabe:

AGUALUSA, JOSÉ EDUARDO: Barroco Topical. Übersetzt aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. A1 Verlag, München 2011. 336 S., 22,80 €.

Weblink

A1


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