Von Thomas Maier
FRANKFURT AM MAIN (BLK) – Als erster Maler und Bildhauer erhält der deutsche Künstler Anselm Kiefer in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der 63-Jährige habe in seinen Werken eine Sprache entwickelt, „die aus dem Betrachter auch einen Leser macht“, begründete der Stiftungsrat am Mittwoch (4. Juni 2008) in Frankfurt die überraschende Auszeichnung. Als weltweit anerkannter Künstler konfrontiere er seine Zeit „mit der störenden moralischen Botschaft vom Ruinösen und Vergänglichen“. Der in Donaueschingen geborene Kiefer, ein Schüler von Joseph Beuys, setzt in seinen monumentalen und materialreichen Arbeiten, darunter viele Skulpturen, oft symbolische und mythische Elemente aus der deutschen Geschichte ein.
Der mit 25.000 Euro dotierte Kulturpreis wird seit 1950 an Persönlichkeiten vergeben, die auf den Gebieten von Literatur und Wissenschaft sowie der Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben. Die Auszeichnung wird zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse am 19. Oktober in der Paulskirche verliehen.
„Die Bildsprache der Kunst ist viel näher am schriftlichen Wort als wir alle glauben“, sagte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, der dpa am Mittwoch (4. Juni 2008). Er verwies zugleich auf die beherrschende Rolle der visuellen Medien in der digitalen Welt. „Die Bilderfahrung bestimmt heute ganz wesentlich die Wirklichkeit, es ist nicht mehr allein der Text.“ Der Stiftungsrat habe die Wahl Kiefers so „einmütig wie selten“ getroffen, sagte Honnefelder weiter.
Kiefer selbst hat in seinen Werken auch das Buch immer wieder thematisiert. Die von ihm mit dem Titel „Volkszählung“ (1991) versehene Bibliothek mit ihren schweren Bleifolianten gilt als Symbol für die Zukunft des Buches und gegen die Flüchtigkeit der Medien, die Beschleunigung der Zeit und die Gleichzeitigkeit der Ereignisse.
„Das ist ein großer Künstler, der es verdient hat und eine Ehre für die Kunst im allgemeinen, denn das heißt, dass auch die Kunst zum Dialog und Frieden beitragen kann“, sagte Samuel Keller, Direktor der Fondation Beyeler, am Mittwoch (4. Juni 2008) der Deutschen Presse-Agentur. Keller ist auch Präsident der weltweit wichtigsten Kunstmesse Art Basel, die am Mittwoch (4. Juni 2008) begann. „Literatur und Dichtung spielen im Werk Kiefers eine große Rolle, das ist die beste Auszeichnung für den Künstler und sein Werk“, betonte auch Yvon Lambert, Galerist aus Paris und New York, der Kiefer unter Vertrag hat.
Kiefer, Sohn eines Zeichenlehrers, studierte ab 1965 zuerst Rechtswissenschaften und Romanistik, bevor er nach dem Studium der Bildenden Kunst in Freiburg und Karlsruhe Anfang der 70er Jahre als Schüler von Beuys in Düsseldorf arbeitete. Mit Selbstinszenierungen nach historischen Vorbildern wie Adolf Hitler oder König Ludwig II. setzte er sich damals mit der Heldenverehrung auseinander. Später entstehen Gemälde hölzerner Innenräume, die er mit der Mythologie und Ideologie deutscher Geschichte verknüpft. In der Öffentlichkeit hatte Kiefer durch seine Verbindung von Kunst mit politischer Aussage Diskussionen ausgelöst. So beschäftigte er sich immer wieder mit der Frage, ob es nach dem Holocaust und der Vereinnahmung der nationalen kulturellen und künstlerischen Tradition durch die Nazis überhaupt noch deutsche Künstler geben kann.
Kiefer, der seit 1993 in Frankreich lebt, wurde mit seinem Werk vor allem auch in den USA gefeiert. Ab 1981 widmen ihm New Yorker Museen Ausstellungen, das Magazin „Time“ feierte ihn einst als den „besten Künstler seiner Generation auf beiden Seiten des Atlantiks“. 2007 erregte Kiefer neben einer großen Ausstellung im Londoner „White Cube“ und einer Werk-Schau im Guggenheim-Museum in Bilbao vor allem mit seiner „Monumenta“ im Pariser Grand Palais große Aufmerksamkeit.
Der Dachverband der deutschen Buchbranche hält es für denkbar, dass künftig weitere Bildende Künstler oder auch einmal ein Musiker den Friedenspreis des Buchhandels erhalten können. Die Auszeichnung werde jedoch immer in der Nähe der Literatur und der Wissenschaft bleiben. „Da gibt es keine Grundsatzänderung“, sagte Börsenvereins-Vorsteher Honnefelder.
Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels seit 1997
FRANKFURT AM MAIN (BLK) – Die Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels der vergangenen zehn Jahre waren:
1998 – Martin Walser, deutscher Schriftsteller
1999 – Fritz Stern, amerikanischer Historiker
2000 – Assia Djebar, algerische Schriftstellerin und Historikerin
2001 – Jürgen Habermas, deutscher Soziologe und Philosoph
2002 – Chinua Achebe, nigerianischer Schriftsteller
2003 – Susan Sontag, amerikanische Schriftstellerin
2004 – Peter Esterhazy, ungarischer Schriftsteller
2005 – Orhan Pamuk, türkischer Schriftsteller
2006 – Wolf Lepenies, deutscher Soziologe
2007 – Saul Friedländer, israelischer Historiker und Publizist
2008 – Anselm Kiefer, deutscher Maler und Bildhauer
(dpa/wip)
Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
FRANKFURT AM MAIN (BLK) – Der seit 1950 vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen des Landes. Mit dem Preis wird eine Persönlichkeit aus dem In- oder Ausland geehrt, die vor allem auf den Gebieten Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat. Verliehen wird die Auszeichnung vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Dachverband der deutschen Buchbranche. Sie ist mit 25.000 Euro dotiert und wird jährlich zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse überreicht. Ort der Übergabe ist traditionell die Frankfurter Paulskirche, wo 1848 die für die demokratische Entwicklung Deutschlands bedeutende Nationalversammlung tagte.
Die Preisträger werden von einem Stiftungsrat mit einfacher Mehrheit gewählt. Der Rat setzt sich aus Mitgliedern des Börsenvereins sowie Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft zusammen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Siegfried Lenz (1988) und Vaclav Havel (1989).
Um Preisträger hat es wiederholt Auseinandersetzungen gegeben. So war 1995 das Votum für die Orientalistin Annemarie Schimmel umstritten, der Kritiker mangelnde Distanz zu fundamentalistischen Positionen des Islams vorwarfen. Eine Kontroverse löste auch Günter Grass aus, als er 1997 in seiner Laudatio auf den türkischen Preisträger Yasar Kemal die deutsche Kurdenpolitik kritisierte. 1998 entbrannte nach der Rede des Preisträgers Martin Walser eine monatelange Diskussion über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland. (dpa/wip)