Erzählt nach einer wahren Begebenheit, betrachtet der Schriftsteller Arno Surminski in seiner Novelle „Die Vogelwelt von Auschwitz“ die Normalität, die selbst im größten Grauen entstehen kann.
Die Geschichte ist schnell erzählt. In Auschwitz treffen der deportierte polnische Kunststudent Marek Rogalski und der Ornithologe und SS-Mann Hans Grote aufeinander. Grote nutzt seine Anwesenheit im KZ für vogelkundliche Forschungsaufträge, der begabte Skizzenmaler Marek wird sein Gehilfe und begleitet ihn bei seinen Streifzügen durch das stetig wachsende Vernichtungslager. Obwohl menschlich keine Nähe stattfinden kann, entdeckt das ungleiche Gespann gemeinsam die Schönheit der Vogelwelt, während um sie herum das Grauen der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie seinen Lauf nimmt.
Das Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten, ihre Zusammenarbeit ist dann auch die „sich ereignende unerhörte Begebenheit“, die Goethe für eine Novelle wie Surminskis forderte.
Unerhört ist auch der Ton, den Surminski wählt. Eine einfache Sprache, fast leutselig manchmal, schmerzlich behaglich in abgründig gutmütigem Ton. Daneben Aussagesätze, kurz, hart, gefühllos und befehlsgewohnt. Das Gefühl, das Grauen liegt zwischen den Zeilen, unterschwellig.
Surminski führt seine Leser nur langsam in die Abgründe. Der Beginn ist einfach, fast wie ein Märchen mutet er an. Es folgen kurze, berichtartige Kapitel zu den zwei Protagonisten und ihrem Aufeinandertreffen, dann die eigentliche Geschichte. Mareks Leben im Lager verändert sich. Er muss nicht mehr die Baracken streichen, tauscht Gefängnis- gegen Zivilkleidung und darf mit Grote das Lager verlassen. Das entfernt ihn von seinen gefangenen Landsleuten und bringt ihn dem deutschen SS-Mann näher. „Um Auschwitz zu ertragen, hat er sich auf das Studieren der Vögel verlegt“, begreift Marek und entdeckt Menschliches in seinem „Herrn“ und Bewacher. Die Mordgedanken seiner Mitgefangenen zieht er schon bald nicht mehr in Erwägung.
Beide haben sich in ihrer Lage eingerichtet. Sie warten und hoffen auf das Ende. Was bleibt ist die Ablenkung, das Alltägliche. Die Gedanken und Gespräche über Privates. Bei Marek die Verlobte, die er zurücklassen musste, bei Grote, Frau und Kinder. Und für beide natürlich die Natur, die Vogelwelt, die zum Rettungsanker wird. Hüpfende Sperlinge, Meisen beim Nestbau, Graureiher, Schwarzstörche, Kraniche. Gemeinsam genießen sie ihre Streifzüge in die Umgebung. Schaffen sich ein Stückchen Freiheit inmitten des Grauens.
Surminski entführt den Leser in eine kleine zerbrechliche Idylle und er spielt dabei wohl kalkuliert mit Gegensätzen und Kontrasten. Da werden Menschen öffentlich gehängt oder begleitet von den Klängen der Lagerkapelle zu den Gaskammern gebracht, während Grote beim Lagerkommandanten ein Verbot zum Abschießen von Vögeln durchsetzt. Oder der Storch, der Lebensbringer, der sich bedeutungsschwanger den Schornstein des Krematoriums als Ruheplatz auserkoren hat.
In diesem Nebeneinander von Idylle und Grauen verharren beide Protagonisten in ihren gespaltenen Sichtweisen. Keine Fantasien, kein Hoffen, nur das Nächstliegende. „Klein denken“ nennt Grote das und beruft sich auf Befehle und Gehorsam. Mit aller Macht klammern beide sich an ihre heile Welt, das Einzige was stört ist „das Rasseln der Züge“ und der „Rauch aus den Schornsteinen“.
Neben den aussagekräftigen Handlungen sind es vor allem Beobachtungen und Doppeldeutigkeiten, die dem Leser immer wieder das Groteske der Situation vor Augen führen. Da gibt es Sätze wie „Krieg ist Krieg und Schnaps ist Schnaps“ und „alles Tote muss brennen“, und die Erkenntnis „außer den Krähen ist Birkenau vogelfrei“. All dies kommt in kurzen Aussagen daher und lässt den Leser irritiert und verstört zurück. Marek fungiert dabei als Erzähler und Betrachter der Situation. In seinen naiven, manchmal anstrengend leutseligen Beobachtungen lässt Surminski ihn Parallelen zwischen Mensch und Vogel ziehen und spielt einmal mehr mit dem Grotesken der vertauschten Rollen. So sind es hier die Menschen, die gefangen sind, die kommen, aber nicht mehr gehen, ermordet werden, entsorgt, während es für die Vögel keine Zäune gibt, sie geschützt, gemalt, präpariert und wegen ihrer Schönheit und Einzigartigkeit bewundert werden.
Das Ende kommt schließlich schnell. Grote schließt seine Forschungen ab und wird an die Front berufen. Marek kommt nach Monowitz und „verlernt hier endgültig das Träumen“. Es herrscht Aufbruchstimmung. Die Zugvögel meiden Auschwitz, Möbelwagen kommen, Deutsche werden ins Reich zurückbeordert. Was bleibt sind die Mahnmale: Auschwitz „malerisch mit einer feinen Schneeschicht bedeckt“ wie ein Leichentuch, das Außenlager Birkenau ein „Wintermärchen“. Und als Marek unter dem „Arbeit macht frei“- Schild das Lager verlässt, tropft ihm Schmelzwasser auf den Kopf. All dies ist bezeichnend und Surminski spielt bewusst damit. Am Ende geht es gut aus, für beide.
Was Surminski macht, ist eine Geschichte erzählen. Etwas Alltägliches in dunkler Zeit. Er beobachtet, stellt Dinge gegeneinander, bewertet nicht, verurteilt nicht. Nicht Täter und Opfer, nicht die Schuldfrage treten in den Vordergrund, vielmehr ist es die Beschreibung einer Annäherung, ein Überleben, das Schaffen einer kleinen Freiheit im Auge des Sturms. Am Ende wird man feststellen, dass man die Protagonisten mag, unabhängig von ihrer Rolle und Stellung.
Surminski hat eine Novelle geschrieben, eine „unerhörte Begebenheit“, vordergründig klein, in einfacher, abgründig gutmütiger Sprache, die nicht zuletzt auch durch das Makabre reizt. Die Geschichte ist nicht neu, die Konstellation der Protagonisten auch nicht. Doch schafft er es durch Doppeldeutigkeiten, durch das Spiel mit Kontrasten, intelligent und mit ungleich mehr Tiefgang als andere, die Geschichte zweier unterschiedlicher Protagonisten zu erzählen und unterschwellig gleichzeitig die Absurdität nationalsozialistischer Vernichtungspolitik aufzuzeigen.
Was bleibt ist Verstehen, ist das unerhörte der Begebenheit, ist Missklang und ein kleines, intelligentes Buch …
Von Mascha Nicksch
Literaturangaben:
SURMINSKI, ARNO: Die Vogelwelt von Auschwitz. Eine Novelle. LangenMüller, München 2008. 191 S., 17,90 €.
Verlag