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Auf der schwarzen Liste der DDR

Eine Biographie über Jürgen Fuchs: ein Buch gegen das Vergessen

© Die Berliner Literaturkritik, 04.01.10

Von Stephanie Tölle

Auf der schwarzen Liste der DDR stand er ganz oben und musste als Dissident das Land verlassen. Doch selbst im unfreiwilligen Westberliner Exil verlor er nie den Glauben an das Menschliche. Biograf Udo Scheer zeichnet nun in „Jürgen Fuchs – ein literarischer Weg in die Opposition“ diesen ungewöhnlichen, meist steinigen Lebensweg nach.

Scheer, der den Oppositionellen persönlich kennenlernte, sucht schon in dessen Jugendzeit Indizien für diese Außergewöhnlichkeit. Fuchs galt als intelligent und immer etwas reifer als seine Altersgenossen. Vermutlich diente dies dem kritischen Denken. Sein Deutschlehrer förderte ihn nach Kräften, was beide jedoch binnen weniger Jahre in große Schwierigkeiten manövrierte.

Fuchs entschied sich in Jena Psychologie zu studieren. Nebenbei schrieb er engagierte und systemkritische Schriften, organisierte Lesezirkel und distribuierte verbotene Texte. Damit katapultierte er sich geradewegs in das Fadenkreuz der Staatssicherheit. Fuchs und seine Freunde aus der Literatur- und Musikerszene wurden massiv beschattet und bedroht. Kurze Zeit darauf folgte eine Verhaftungswelle, der auch Jürgen Fuchs zum Opfer fiel.

An dieser Stelle benennt Scheer viele andere prominente Fälle, unter anderem den Hausarrest Robert Havemanns. Zeitzeugenberichte und Interviews stützen diese Passagen. Sie beschreiben die Netzwerke der Oppositionellen und liefern einen zeitgeschichtlichen Hintergrund. Besonders wichtig und exzeptionell erweisen sich Fuchs’ „Gedächtnisprotokolle“, die dieser während der Stasi-Vernehmungen in Hohenschönhausen „aufzeichnete“. Die Einsichtnahme in die Stasi-Akten nach dem Mauerfall zeigte, wie präzise sich Fuchs Gesprächsverläufe merken konnte. Allein diese Gabe, seine erstaunliche Energie und Durchhaltekraft ließen ihn diese Jahre bis zur Abschiebung in den Westen durchstehen. Später wird er über die Foltermethoden im Stasi-Knast berichten und nicht nur damit eine Welle der Empörung auslösen.

Fuchs mutmaßte, dass er während der Verhöre radioaktiv verstrahlt wurde. Es beschreibt die Symptome eines Röntgenkaters medizinisch exakt. Scheer bekräftigt diese These und erinnert an andere berühmte Regimegegner, die in enger zeitliche Abfolge meistens an seltenen Krebskrankheiten – wie auch Jürgen Fuchs – starben.

Trotz des Erlebens und des Bewusstseins dieser Ungeheuerlichkeiten verlor Jürgen Fuchs seinen Optimismus nicht. Selbst in den schweren, existenziell vagen Jahren des „Zwangsexils“ arbeitete Fuchs als Psychologe und betreute inkognito Straßenkinder. Altruistisch half er bis zur Wende seinen Freunden hinter dem Eisernen Vorhang. Sein letztes Großprojekt, die Gauck-Behörde, verließ er 1997 – empört darüber, dass ehemalige Stasi-Bedienstete dort ihr Auskommen finden.

Dem schleichenden Vergessen, das 18 Jahre nach dem Mauerfall rabiat um sich greift, wollte Fuchs entgegenwirken. Die „Ostalgiewelle“ hat bereits viele unangenehme Erinnerungen fortgespült.

Leider ist auch der Name Jürgen Fuchs weitaus in Vergessenheit geraten und es bleibt nur zu hoffen, dass Scheers Biographie eine Trendwende herbeiführt.

Literaturangabe:

SCHEER, UDO: Jürgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition. Inhaftiert in Berlin-Hohenschönhausen. Jaron Verlag, Berlin 2007. 383 S., 14,90 €.

Weblink:

Jaron Verlag

 

 


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