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Auf und davon mit Jon Krakauer

Jon Krakauer auf den Spuren des amerikanischen Aussteigers Chris McCandless (1968-1992)

© Die Berliner Literaturkritik, 14.01.08

 

Die tragische Geschichte des jungen Trampers Chris McCandless ist derzeit in den USA in aller Munde – fünfzehn Jahre nach seinem Tod. Aus purer Abenteuerlaune und einem gehörigen Maß an Zivilisations-Verdruss war er von zu Hause aufgebrochen und kreuz und quer durch die USA gereist, bevor er schließlich im September 1992 in einem ausrangierten Reisebus inmitten der Wildnis Alaskas tot aufgefunden wurde.

Sean Penn, selbst ein unangepasster Hollywood-„Outlaw“, hat Jon Krakauers Reportage-Roman für die große Leinwand adaptiert – und zwar derart überzeugend, dass bereits von möglichen Oscar-Nominierungen die Rede ist. Nachdem Krakauers Buch, das auf Recherchen des Autors im Umfeld des jungen Abenteurers beruht, schon 1997 in deutscher Sprache erschien, liegt „In die Wildnis“ nun auch als Taschenbuch vor.

Die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu einem ursprünglicheren Leben im Einklang mit der Natur ist ebenso wie der Drang, den Zwängen der durchökonomisierten modernen Gesellschaft zu entfliehen, schon seit den Anfängen der Industrialisierung spürbar. Von vielen Schriftstellern wurde dieser Topos künstlerisch verarbeitet. Einige von ihnen zählten zu McCandless Lieblingsautoren: Leo Tolstoi, den er für seine trotz Vermögens asketische Lebensweise in bescheidenen Verhältnissen bewunderte oder Jack London, dessen romantisierte Wildnis-Idylle wenig mit den unerbittlichen Bedingungen der Wildnis Alaskas gemein hat.

Auch Henry David Thoreau gehört dazu. Er erzählt in seinem wohl berühmtesten Werk, „Walden. Ein Leben in den Wäldern“ vom Selbstversuch eines mehrjährigen eremitischen Lebens in einer Waldhütte. Ohne diese Vordenker ist wohl auch Christopher McCandless nicht vorstellbar; das, was ihn forttrieb – raus aus der vertrauten sozialen Umgebung, raus aus der Gesellschaft.

Dieser Chris McCandless war, wie Krakauer verdeutlicht, keineswegs ein naiver Spinner, der sich seine Gesinnung als pure Außenseiter-Pose zurechtgelegt hätte und der Natur in einer unheilvollen Mischung aus Überheblichkeit und Ignoranz begegnet wäre. So urteilten nämlich vorschnell manche Kritiker nach dem Bekanntwerden des Falls in der öffentlichen Diskussion, die in vielen Medien über Wochen betrieben wurde.

Es ist alles andere als das. Krakauer nähert sich seiner rätselhaften Hauptfigur über die Berichte der Hinterbliebenen an: Leute, denen McCandless während seiner gut zweijährigen Odyssee durch die Staaten begegnet ist und die für wenige Tage oder Wochen zu seinen Weggefährten, manche sogar zu seinen Freunden wurden. Sei es Wayne Westerberg, ein landwirtschaftlicher Unternehmer aus South Dakota, sei es der junge Elektriker Jim Gallien, der McCandless für einige Stunden im Auto mitnahm.

Gleiches gilt für Jan Burres und ihr Freund Bob – ein gealtertes Hippie-Pärchen – oder den 80-jährigen Ron Franz. Chris McCandless hat bei ihnen allen einen bleibenden Eindruck hinterlassen: seine Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge, seine Fähigkeit des Zuhörens, seine Neugierde an den Mitmenschen, und natürlich sein unbändiger Idealismus, dessen dunkle Seite eine bockige Starrköpfigkeit offenbarte.

Und da ist natürlich auch, und vor allem, seine Familie, die ratlosen und noch immer verstörten Eltern, erschütternde Dokumente tiefer Trauer und für immer unbeantworteter Fragen. Außerdem gibt es die jüngere Schwester, die von allen den besten Draht zum Bruder hatte und doch nicht verhindern konnte, dass Chris eines Tages im Sommer 1990, ohne jede Vorwarnung, einfach so verschwand.

Ohne Abschiedsbrief, ohne Nachricht von unterwegs, kein Lebenszeichen – nichts als Fragen und tägliche Sorgen um seinen Verbleib, bis zu jenem schicksalhaften Tag gut zwei Jahre später, als die Befürchtungen zur Gewissheit wurden: Chris war tot aufgefunden worden. Irgendwo in Alaska, in der fernen Tundra. Was trieb ihn dorthin? Wovor war er auf der Flucht?

Dabei standen ihm doch alle Türen offen, wie die Eltern glauben und versichern, ihm, dem glänzenden Schüler aus wohlhabendem Elternhaus, der ohne besondere Anstrengung stets glänzende Noten bekam. Im Frühjahr 1990 hatte McCandless sein Studium in Anthropologie und Geschichte mit Bravour abgeschlossen, zu dem er sich allerdings von seinen Eltern hatte überreden lassen.

Doch Karriere zu machen, so wie es von ihm erwartet wurde, war nicht das, was er sich von seinem Leben erhoffte. Er wollte mehr als das, was ihm seine Eltern vorlebten, etwas anderes als ein geregeltes Leben in vorgezeichneten Bahnen. Chris musste raus, auf Reisen gehen, erst mit seinem alten 82er-Datsun, und später, als der Wagen irgendwo im Schlamm stecken blieb, weiter zu Fuß und per Anhalter. Zuvor machte er sich noch frei von allem, was ihm als gesellschaftlicher Ballast erschien und spendete sein nicht geringes Bankguthaben der Wohltätigkeitsorganisation Oxfam.

Jon Krakauer, der selbst als Bergsteiger extreme Naturerfahrungen gesammelt hat und mit „In eisigen Höhen“ einen Bestseller über eine tödlich endende Bergexpedition schrieb, gelingt eine aufregende Annäherung an einen widersprüchlichen Charakter. Dies gelingt ihm mit unverhohlener Empathie am Schicksal eines jungen Mannes, der auch nach dieser Lektüre noch Rätsel aufgibt und wohl auch aufgeben muss.

„In die Wildnis“ ist ein berührendes und manchmal tieftrauriges Buch, das seine besten Momente durch die wehmütigen Schilderungen der ehemaligen Weggefährten und Hinterbliebenen McCandless gewinnt. Fast meint man dem faszinierenden und zugleich auch ungeheuer sturen und selbstgerechten jungen Helden nahe zu kommen und wünscht sich, ihn hätte kennen lernen zu können, seinen Weg an einer Stelle gekreuzt zu haben.

Dann entzieht er sich doch wieder dem ungebetenen Zugriff des Lesers wie des Autors, rastlos und scheu. So eifrig Krakauer auch seiner Hauptfigur nachforscht, sie ist ihm irgendwie immer einen Schritt enteilt. Es macht die Qualität des Buches aus, dass Krakauer sich dessen bewusst ist und seinem Helden die ihm eigene Unnahbarkeit und Widersprüchlichkeit lässt, die sich einem einfachen Zugriff und einer bis ins Ende stimmige Charakterisierung automatisch entziehen muss.

Es passt auch zur Widersprüchlichkeit McCandless, dass er von vielen als durchaus gesellig und sehr gesprächig, fast geschwätzig, beschrieben wird. Doch abseits von Augenblicken der Geselligkeit suchte er nach einer tiefen spirituellen Wahrheit, nach der Einsamkeit und dem Rückzug in die unberührte Natur. Dass es diese Ende des vergangenen Jahrhunderts – vielleicht im Gegensatz zur Zeit seiner Lieblingsautoren Thoreau und London – schon längst nicht mehr gab, wusste er aus Naivität vielleicht nicht.

Aber das ist ein verzeihlicher Fehler, dem man ihm nicht hochmütig nachtragen sollte, denn McCandless hat sich immerhin, im ganz existentiellen, ursprünglichen Sinne, auf die Suche begeben. Und ist damit selbst zu einer literarischen Figur klassischen Formats geworden.

Ron Franz, ein über 80-jähriger, einsiedlerischer Wittwer, der den jungen Aussteiger Anfang 1992 wenige Monate vor dessen Tod kennen lernte, wurde durch die nur wenige Wochen währende Freundschaft aus einer tiefen Einsamkeit gerissen, in die er nach dem Tod von Frau und Sohn durch einen Autounfall einige Jahrzehnte zuvor versunken war. Chris McCandless war für den verzweifelten Mann vermutlich so etwas wie ein verlorener Sohn, den er trotz aller Versuche nicht hat halten können. Chris war nun einmal ein haltloser Tramp und wollte stets weiter. In einem seiner wenigen Briefe an Franz schreibt McCandless seinem Freund:

So viele Leute sind unglücklich mit ihrem Leben und schaffen es trotzdem nicht, etwas an ihrer Situation zu ändern, weil sie total fixiert sind auf ein angepasstes Leben in Sicherheit, in dem möglichst alles gleich bleibt – alles Dinge, die einem scheinbar inneren Frieden garantieren. In Wirklichkeit wird die Abenteuerlust im Menschen jedoch am meisten durch eine gesicherte Zukunft gebremst. Leidenschaftliche Abenteuerlust ist die Quelle, aus der der Mensch die Kraft schöpft, sich dem Leben zu stellen. Freude empfinden wir, wenn wir neue Erfahrungen machen, und von daher gibt es kein größeres Glück, als in einen immer wieder wechselnden Horizont blicken zu dürfen, an dem jeder Tag mit einer neuen, ganz anderen Sonne anbricht. Wenn du mehr aus deinem Leben machen willst, Ron, dann musst du deine Vorliebe für monotone, gesicherte Verhältnisse ablegen und das Chaos in dein Leben lassen, auch wenn es dir am Anfang verrückt erscheinen mag. Aber sobald du dich an ein solches Leben einmal gewöhnt hast, wirst du die volle Bedeutung erkennen, die darin verborgen liegt, und die schier unfassbare Schönheit.“

Von Dominik Rose

Literaturangaben:
KRAKAUER, JON: In die Wildnis. Allein nach Alaska. Übersetzt von Stephan Seeger. Piper Verlag, München 2007. 301 S., 8,95 €.

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