MÜNCHEN (BLK) – Der Verlag Schirmer Graf veröffentlichte im Herbst 2007 Victor Catalàs „Solitud“.
Klappentext: Caterina Albert i Paradís, die nur unter männlichem Pseudonym veröffentlichen durfte, schuf noch vor Federico García Lorca und D.H. Lawrence das Porträt einer jungen Frau, die sich aus der Einsamkeit der katalanischen Bergwelt – und ihrer unbefriedigenden Ehe befreit. Das Bauernmädchen Mila bewirtschaftet zusammen mit ihrem jungen Ehemann Matias eine Einsiedelei hoch in den katalanischen Bergen. Inmitten dieser rauen, kargen Landschaft spürt sie bald die Entfremdung von Matias; ihre Freundschaft zu Gaietà, einem Schäfer und Geschichtenerzähler, für den die Berge voll von geheimnisvollen, schönen Legenden sind, macht ihr ihre Einsamkeit noch schmerzlicher bewußt. Als der Wilderer Anima auftaucht, nimmt ein Drama seinen Lauf, an dessen Ende Mila allein den Abstieg wagt: sie ist selbstbewußt und erwachsen geworden.
„Solitud“, erstmals erschienen zwischen 1904 und 1905 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift „Joventut“, markiert den Beginn der modernen katalanischen Literatur – und war unter Franco vierzig Jahre lang verboten gewesen. Die radikal modernistische Sprache und die psychologische Tiefe, mit der Caterina Albert das sexuelle Erwachen der jungen Bäuerin Mila schildert, haben auch hundert Jahre nach Entstehen des Romans nichts von ihrer Intensität verloren.
Caterina Albert i Paradís, (1869-1966) veröffentlichte alle ihre Werke unter dem männlichen Pseudonym Víctor Català. Geboren in l’Escala, einem Fischerort nahe der französischen Grenze, schrieb sie bereits als junges Mädchen Lieder und Gedichte; ihr erstes Buch „El cant dels mesos“ (Das Lied der Monate) erschien 1901. Bis 1905, dem Erscheinungsjahr von „Solitud“, hatte sie bereits drei Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht und gehörte zu den wichtigsten Autoren ihres Landes. Die spätere Unterdrückung der katalanischen Sprache durch Franco ließ die Autorin vollständig verstummen; sie verließ ihren Geburtsort zeit ihres Lebens kaum und verbrachte gegen Ende lange Jahre im Bett.
Solitud ist das erste Werk der modernen katalanischen Literatur, in dem weibliche Identität von einer weiblichen Autorin thematisiert wird. (lea/wip)
Leseprobe:
© Schirmer Graf ©
„Hausputz“
Mila machte die Augen zu und warf sich in die Arbeit, wie ein Schwimmer kopfüber ins Meer springt. Matias hätte seiner Frau gern vorher noch Murons und dreißig andere Orte gezeigt, nur um den angekündigten Großputz hinauszuschieben, doch Mila weigerte sich entschlossen.
„Solange das Haus ein Dreckloch ist, brauchst du mir nicht mit Ausflügen zu kommen. Den Herrn Pfarrer kannst du auch allein besuchen … und dabei gleich einkaufen gehen!“
Und Matias mußte klein beigeben, seine Frau gewähren lassen und sich seinerseits in die Rolle des Laufburschen fügen, bis alles hergerichtet war. Doch letztlich ließ er sich lieber wegschicken, als eimerweise Wasser vom Brunnen zu holen und einer ganzen Liste von Aufträgen ausgesetzt zu sein, wann immer er ihr unter die Augen kam. Mila beschloß, systematisch vorzugehen, sich vom Leichteren zum Schwereren und von oben nach unten vorzuarbeiten, und machte sich nicht an die Kapelle, bevor alles andere so blitzblank war, daß der Schäfer fand, es sähe aus wie von Engeln saubergeleckt.
Kaum daß Besen und Mop Einzug in der Kapelle hielten, war es, als käme der ganze Berg herunter. Die Heiligen schwankten auf ihren Altären, die Ratten flüchteten erschrocken aus ihren Winkeln, die wurmstichigen Bilderrahmen bröckelten, wächserne Beinchen und Ärmchen zerbrachen … Und inmitten dieses Durcheinanders, eingehüllt von dicken Staubwolken, sah man Mila herumwirbeln, überall wischen, keine Ecke oder Ritze aussparen. Die Putzwut hatte sie mit solcher Leidenschaft gepackt, daß sie mit beinahe lustvoller Begeisterung ihrem revolutionären Tun frönte. Eines Nachmittags, als sie auf ein Sims über dem Altar geklettert war und einem Engel, der als Kerzenhalter diente, das Wachs zwischen den Fingern wegschabte, fiel ein Schatten auf sie. Sie wandte sich um und sah einen Mann in der Tür zur Kapelle stehen.
Ein wenig verlegen sprang sie rasch herunter und paßte dabei auf, daß er ihre Beine nicht sah. Sie war erhitzt und außer Atem, ihre Augen blitzten unter den weißbestäubten Wimpern hervor, und das rote Kopftuch, das sie sich ums Haar geschlungen hatte, verlieh ihr etwas Lausbübisches. Der Mann starrte sie entgeistert an. Er war ein grobschlächtiger Bauer mittleren Alters in einer abgetragenen blauen Samtjoppe und zerrissenen gelben Kordhosen, gegürtet mit einem Hanfstrick. Brust und Füße waren nackt, halb verborgen von einer vorgewölbten olivfarbenen Stirn und dichten Brauen, bewegten sich zwei winzige Augen unbestimmter Farbe in tiefen Höhlen unruhig hin und her wie Insekten im Gras.
„Guten Tag“, sagte Mila. Der Mann stierte sie unter seinen Brauen hervor reglos an und gab keine Antwort. Mila spürte, wie sie errötete, und lächelte unsicher. Da schien der Mann sich zu fassen und fing nun seinerseits zu lachen an. „Hö, hö, hö … Guten Tag.“ Seine Stimme klang heiser und sein Lachen unnatürlich. Dabei kniff er die Augen zusammen und rollte die Oberlippe ein, und Mila fiel auf, daß seine Zähne weiß glänzten wie aus Email und sein Zahnfleisch dunkelrot, fast schokoladenfarben war.
Der Mann schob die Hand unter den Hosenbund und kratzte sich am Bauch, anscheinend unschlüssig, was er als nächstes tun sollte. Und plötzlich stammelte er hastig, er käme vom Peu de Gall herunter, fast vom Cimalt, und habe großen Durst, und er sei hereingekommen, weil er um einen Schluck Wasser bitten wollte. „Aber ja“, sagte die Frau bereitwillig. „Kommt mit nach oben, kommt!“ Und sie stiegen über die kleine Treppe zur oberen Kammer und durchquerten das ganze Haus bis zur Küche.
Mila schob dem Mann einen Stuhl und den Porró hin, doch er mochte sich nicht setzen: Er wollte nur trinken, und das tat er in großen Schlucken … Aus seiner Kehle drang ein rhythmisches Gluckern, als würde eine Flasche ausgegossen, und sein riesiger kantiger Adamsapfel hob und senkte sich. Nachdem er seinen Durst gelöscht hatte, schnaufte er befriedigt, und da er naßgeschwitzt war, nahm er die Mütze ab, um sich über den Kopf zu wischen. Da erblickte Mila die seltsamste Stirn, die sie jemals gesehen hatte, etwas, das kaum menschlich wirkte: einen länglichen, birnenförmigen Schädel, schmal um Stirn- und Scheitelbein, wie gewaltsam eingeschnürt, doch mit einem weit hervorstehenden Brauenwulst, der sich wie ein Sims von einer Schläfe zur anderen zog – die knochige Kante, die unter der Barretina sichtbar blieb.
Der Mann berichtete, er streife schon seit dem Morgengrauen durch die Berge auf der Suche nach neuen Löchern, in die er morgen sein Frettchen schicken könnte; vergangene Woche habe er sechs Kaninchen an einem Tag erwischt, und er rechne damit, daß es bald noch etliche mehr sein würden; er verkaufe sie alle in Murons, an Gastwirtschaften und Herrenhäuser; und beim Verfolgen einer Spur sei sein Frettchen hartnäckiger als ein Mosso d’esquadra … Er hatte Mühe, sich auszudrücken, sein unsteter Blick mied den ihren, und seine raue Stimme wurde immer heiserer, bis sie ihm gänzlich versagte. Als der Mann über den Hof davongegangen war, kehrte Mila durch den Stall und die Sakristei in die Kapelle zurück.
Die Sonne schien durch die weit offene Tür, fiel schräg auf den Fliesenboden bis zu den Altarstufen und schickte funkelnde Glanzlichter über die Wände. Mila stieg wieder auf den Altar, und während sie dem hölzernen Engel Händchen und Bein putzte, peinigte sie ein Gedanke: ‚Wo habe ich bloß diesen Mann schon einmal gesehen? Ich bin ganz sicher, daß ich ihn irgendwo schon gesehen habe. An dieses komische Zahnfleisch und diese weißen Zähne kann ich mich gut erinnern …’
Doch da sie ihrem trägen Gedächtnis nicht auf die Sprünge helfen konnte, hörte sie nach einer Weile auf, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, und widmete sich mit neuem Eifer dem Heiligen und seinen Weihgaben.
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Literaturangaben:
CATALÀ, VICTOR: Solitud. Roman. Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann. Mit einem Nachwort von Jordí Puntí. Verlag Schirmer Graf, München 2007. 384 S., 19,80 €.
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