Von Sabine Glaubitz
PARIS (BLK) – Der Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt ist ein ewig Reisender zwischen zwei Welten und zwei Sprachen. „Als Staatsbürger und Intellektueller bin ich total französisch, doch meine Seele bleibt deutsch“, definiert Goldschmidt sein Grenzgängertum zwischen der deutschen und französischen Kultur. Goldschmidt hat Werke von Goethe, Nietzsche, Stifter, Kafka und Handke übersetzt, und schließlich über sein eigenes vom Holocaust unter den Nationalsozialisten zerrissenes Leben geschrieben. Vor allem die traumatische Erfahrung des Verlusts von Familie, Sprache und Land durchziehen wie ein roter Faden das autobiografische Werk Goldschmidts, der am Freitag (2. Mai 2008) 80 Jahre alt wird.
In seinen Werken arbeitet der Schriftsteller vor allem seine Lebensgeschichte auf: Angst vor der Gestapo, verdrängtes Heimweh, Überleben in einem Internat sowie homoerotische Erfahrungen und Fantasien seiner Jugend. Besonders der 18. Mai 1938 hat das Leben Goldschmidts stark geprägt, denn es war der Tag, an dem er seine Eltern zum letzten Mal sah.
Der Autor und Übersetzer wurde 1928 in Reinbek bei Hamburg als Sohn einer jüdischen, zum Protestantismus konvertierten Familie geboren. Um ihn und seinen Bruder vor dem zunehmenden Antisemitismus zu schützen, schickten die Eltern ihre beiden Söhne nach Frankreich in ein Waisenhaus.
Goldschmidt, der 1949 französischer Staatsbürger wurde kam über das Übersetzen zum Schreiben. Zu seinen zahlreichen Autoren und Werken, die er ins Französische übertragen hat, gehören Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, Kafkas „Der Prozess“ und „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke. „Ich bin kein Berufsübersetzer, der damit seine Brötchen verdient und immer skandalös schlecht bezahlt wird. Ich konnte aus Freude an der Sache übersetzen und habe dabei Schreiben gelernt“, sagte Goldschmidt, der mehr als 40 Jahre als Deutschlehrer an verschiedenen Pariser Gymnasien gearbeitet hat.
Allein von Handke hat er mehr als zwanzig Bücher übersetzt und Handke wiederum einen Teil von Goldschmidts Werken. Die Rede am Grab des serbischen Diktators Milosevic hat die beiden Männer jedoch entzweit. „Handke hat sich da in eine Sache eingelassen, aus die er nicht mehr heraus kann und will.“
Sein Ruhm als Schriftsteller kam erst spät, Anfang der 90er Jahre mit „Die Absonderung“ – sein erstes Buch, das er nach 50 Jahren in seiner Muttersprache geschrieben hat. „Durch das Französische kam mir die Muttersprache zurück, erhalten, unverwundet und nicht verschandelt. Für die aus Deutschland verjagten war es die Aufgabe zu zeigen, dass Deutsch die herrliche Sprache Luthers und Kafkas geblieben ist und bleiben wird“, erklärte er.
Auch wenn Leben und Literatur für ihn eins wurden, ist Schreiben für ihn keine Therapie. „Ich schreibe einfach, wie es nach langem fast unbewusstem Gären aus mir herausgestoßen wird“, meinte er. Vor kurzem ist von ihm sein Essay „Die Faust im Mund“ erschienen, in dem es darum geht, wie man dank der Literatur der wird, der man ist. Darin erfährt der Leser, was die Entdeckung der Poesie von Verlaine und Rimbaud für ihn bedeutete.
Für den Autor von „Ein Garten in Deutschland“, „Als Freud das Meer sah“ und „Über die Flüsse“ ist ein Buch, das den Atem des Lesenden nicht schneller gehen lässt, nicht wert geschrieben oder übersetzt zu werden. „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer um uns“, zitiert er Kafka, einen seiner Lieblingsautoren.
Literaturangaben:
GOLDSCHMIDT, GEORGES-ARTHUR: Die Faust im Mund. Essay. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Ammann Verlag, Zürich 2008. 157 S., 17,90 €.
---: Die Befreiung. Ammann Verlag, Zürich 2007. 204 S., 19,90€.
---: Als Freud das Meer sah: Freud und die deutsche Sprache. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Fischer Tb., Frankfurt am Main 2005.
---: In Gegenwart des abwesenden Gottes. Ammann Verlag, Zürich 2003. 100 S., 13,50 €.
---: Über die Flüsse. Autobiografie. Fischer Tb., Frankfurt am Main 2003. 408 S., 11,90 €.
---: Die Absonderung. Erzählung. Mit einem Vorwort von Peter Handke. Fischer Tb., Frankfurt am Main 2001. 177 S., 7,95 €.
Verlage