„Die Dichterin, geboren 1926 in Klagenfurt, hatte sich der Öffentlichkeit als eine Priesterin der Dichtkunst präsentiert, balancierend zwischen irdischer Verwirrtheit und höherem Wahn: das Publikum wie die Medien ihrer Zeit hatten diese Vorstellung freudig angenommen. Daneben aber kursierten andere Bilder, die La Bachmann als erlesen gekleidete Gesellschaftsdame zeigten, als politisch engagierte Intellektuelle, oder auch als eine Frau, deren unzählige Liebesaffairen legendär waren, die ihre Zuflucht zu Alkohol und Tabletten nahm … Erst als sie 1973 in Rom, 47 Jahre alt, an den Folgen eines mysteriösen Brandunfalls starb, schienen die verschiedenartigen Bilder endgültig in eins zu fallen: Nur die Tragödin überdauerte.“
So schreibt es Frauke Meyer-Gosau im Vorwort zu ihrem Buch „Einmal muss das Fest ja kommen – Eine Reise zu Ingeborg Bachmann“. Die Autorin hat im Laufe eines Jahres all die Orte besucht, an denen die Dichterin gelebt hat. Sie beschreibt sie einlässlich und versucht sich vorzustellen, wie die Bachmann dort gelebt haben könnte, in den Gassen Klagenfurts, Wiens, Zürichs und Roms und in den Villen Berlins, den italienischen Zufluchtsorten, etwa auf Ischia, den Straßen von Paris und dem Bauernhof in Kärnten. Sie hat überall mit Menschen gesprochen, die Ingeborg Bachmann, die heute über achtzig Jahre alt wäre, gekannt haben, sie hat Archive konsultiert, vor allem das in der Wiener Nationalbibliothek, dem die Erben, Bachmanns Geschwister, den Nachlass anvertraut haben, mit genauen Anweisungen zu den Teilen, deren Publikation erst in der Zukunft (oder überhaupt nicht) erwünscht ist. Meyer-Gosau hat, gleichsam als Korrektur des Augenscheins, immer wieder Bachmanns Werke konsultiert, in erster Linie den Roman „Malina“, die Fragmente „Der Fall Franza“ und „Requiem für Fanny Goldman“ und die Erzählungen.
Ihre These ist so einfach wie einleuchtend: in alle diese Werke (und in viele der Gedichte) ist der Lebensstoff der Dichterin eingegangen: sie sind, auf wie verrätselte Weise auch immer, autobiografisch. Doch eine Biografie wollte sie gleichwohl nicht schreiben, vielmehr hinter dem, was sie den „Mythos“ nennt, die Figur der Lebendigen, der Widersprüchlichen dingfest machen, und das auch (und vor allem) in jenen Aspekten, die eine politisch wache, streitbare Zeitgenossin, eine literarische Instanz und eine manchmal glückliche, heitere Person zeigen – und eben nicht nur die Tragödin.
Dabei bleiben manche biografischen Aspekte verschattet: etwa die leidenschaftliche, lebensbestimmende Liebe zu Paul Celan, die erst nach der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen beiden in diesem Jahr richtig einzuschätzen ist. Meyer-Gosau kannte ihn noch nicht, als sie das Buch schrieb. Auch das von ihr beschriebene Verhältnis zu Max Frisch steckt voller Konjekturen, der Briefwechsel mit dem Schweizer Dichter wird erst 2012 freigegeben. In anderen Fällen, etwa was die tiefe Freundschaft mit Hans Werner Henze betrifft, befindet sie sich auf sicherem Boden, dank beider gedruckter Briefe und einem Besuch bei dem Komponisten in seinem Haus bei den Castelli Romani. Sie weist energisch die üble Nachrede zurück, die Hans Weigel, ihr erster Mentor und damals der Literaturpapst von Wien in einem peinlichen (und schlecht geschriebenen) Schlüsselroman festgehalten hat. Auch andere falsche Nutznießer ihres Ruhmes werden benannt.
Wer Ingeborg Bachmann kannte, ihre Werke gelesen hat, ihre Gedichte liebt, erfährt manches, was er vorher nicht wusste und einiges, was man gar nicht zu wissen braucht. Schön beschreibt die Autorin die Begegnungen mit Bachmanns Schwester Isolde, der handfesten Lehrerin und Gastwirtin, in deren Haus es so etwas wie ein Gedächtniszimmer mit den Möbeln der Dichterin aus manchen ihrer vielen Wohnungen gibt und wo sie erfährt, dass „die Inge“ immer wieder nach Kärnten zurückgekehrt ist, das doch in ihren Büchern nur als Horror-Gegend vorkommt. „Heimat“ muss sie in einem vertrackten Sinn doch gewesen sein. Insofern hat Meyer-Gosau dem Bild – und Hans Höllers zuverlässiger Biografie – neue, sympathische Züge hinzugefügt, einige „Gerüchte“ widerlegt und den „Mythos“ destruiert. Denn sie verehrt, schätzt, ja liebt die Person ihrer Recherche. Die Methode, der Bachmann anhand der Orte inne zu werden, an denen diese gelebt hat, ist plausibel, zumal sie bei deren Beschreibung oft zu beachtlicher literarischer Form aufläuft.
Doch so viele Facetten sie auch dem verbreiteten Bild der Ingeborg Bachmann hinzuzufügen weiß, das „Rätsel Bachmann“ verweigert sich ihr weithin. Soweit es existiert, ist es in den Werken selbst gut aufbewahrt, die die Dichterin mit großer Anstrengung und in unablässiger Arbeit Umständen abgerungen hat, die wenige Feste und viele Abstürze kannten. Natürlich kann man Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“ und seine Erzählung „Montauk“ als „Abrechnungen“ lesen, aber wenn sie es waren (wofür einiges spricht), dann bleiben sie auch darüber hinaus als Bücher eigenen Rangs bestehen, genauso wie Uwe Johnsons eindrucksvolle „Reise nach Klagenfurt“, die viel von der literarischen Essenz und Größe von Bachmanns Werken bewahrt. Und von allem abgesehen, was man über sie biografisch herausfinden kann: sie hat einige der schönsten deutschen Gedichte des 20. Jahrhunderts geschrieben.
Literaturangaben:
MEYER-GOSAU, FRAUKE: Einmal muss das Fest ja kommen – Eine Reise zu Ingeborg Bachmann, C.H. Beck, München 2008, 237 Seiten, 19,90 €.
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