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Befreiung aus Auschwitz – Hanna Kralls Roman „Herzkönig“

Die Sprache der Ricarda-Huch-Preisträgerin berührt und bewegt, ohne sentimental zu werden

© Die Berliner Literaturkritik, 09.09.08

 

Schmal und spärlich ist Hanna Kralls neustes Werk ausgefallen. Es macht mit seinen bescheidenen 173 Seiten nicht gerade einen epischen Eindruck. Und das, obwohl es sich um die (Über-) Lebensgeschichte von Izolda Regensberg handelt, einer polnischen Jüdin, die sich durch die Gefahren des Zweiten Weltkrieges windet und alle, die ihr lieb sind, retten möchte – vor allem aber ihren Mann Szajek, den „Herzkönig“.

Durch viel Glück, Beziehungen und Handel – manchmal sogar mit ihrem Körper – gelingt Izolda die Flucht aus dem Warschauer Ghetto. Mit blondiertem Haar, neuem Namen und geübt, die Handtasche nichtjüdisch abzustellen, gelingt es Izolda alias Maria Pawlicka, ihre Mutter zu befreien. Doch auch ihre Schwägerinnen und Schwiegereltern müssen in Sicherheit gebracht werden, und zwei Wohnungen sind zu organisieren: „Eine für Leute, die die man nicht auf der Straße zeigen kann, mit dem falschen Aussehen und jüdischem Akzent, die zweite für Leute mit richtigem Aussehen und korrektem Polnisch.“ Doch selbst als ihr die Rettung einiger Familienmitglieder aus dem Ghetto gelingt, sterben die meisten, weil sie als Juden erkannt wurden – einige andere sogar durch den Freitod.

Als ihr Mann nach Auschwitz kommt, hält Izolda nur der Wille, ihn zu befreien, am Leben. Sie schickt ihm Essenspakete und knüpft Beziehungen, um ihn irgendwie retten zu können, doch diese Beziehungen laufen ins Leere. Als eines Tages eins ihrer Pakete zurückkommt, bekommt sie nur durch einen Zufall nach Wochen ein Zeichen dafür, dass Szajek noch lebt.

„Wäre sie nicht so absurd angezogen gewesen, hätte man sie nicht für eine Prostituierte gehalten. Wäre die Polizistin nicht gewesen, wäre sie nicht in die Marianska-Straße zu Hausmeister Mateusz gegangen. Hätte sie Mateusz nicht besucht (sie wollte ihn warnen, daß die Sitte nach ihr fragen könnte), hätte sie nicht erfahren, daß der Briefträger da war. Daß ein Brief gekommen ist. Daß ihr Mann um etwas zu essen bittet. Daß er eine neue Adresse angibt: Mauthausen, Block AKZ. Kurzum: Alles im Leben hängt auf rätselhafte Art und Weise miteinander zusammen.“

Und aus solchen Zusammenhängen und zufälligen zwischenmenschlichen Verflechtungen und Begebenheiten besteht Izoldas Leben, ja es hängt sogar von ihnen ab. Denn auf dem Weg nach Österreich gerät sie mehrfach in Gefangenschaft, am Ende sogar selbst in ein Konzentrationslager. Doch immer noch als Polin getarnt, überlebt sie nicht nur das KZ, sondern selbst die Flucht aus Auschwitz und einen späteren Gefängnisaufenthalt, bei dem sie für eine Konspirantin gehalten und gefoltert wird. Schließlich erlebt Izolda das Kriegsende, als ihr die erneute Deportation droht, nur noch als Schatten ihrer selbst: „Der Krieg ist zu Ende, denkt sie. Ich lebe. Der Krieg ist vorbei. Warum freue ich mich kein bisschen?“ Mit dem Krieg ist die Geschichte jedoch nicht vorbei. Noch immer ist es der Herzkönig, für den Izolda lebt und den sie endlich finden muss.

Diese unglaublich anmutende Liebes- und Lebensgeschichte ist in keinem Moment kitschig oder sentimental. In dem für die Journalistin und Prosaistin Krall typisch lakonischem Stil sind ihre eher kühl und distanziert wirkenden Beschreibungen jedoch desto berührender, je minimalistischer sie ausfallen. Nicht nur die Geschichte an sich geht unter die Haut, sondern auch der reportagenhafte Stil, der von Einschüben eines inneren Monologs gebrochen wird, packt den Leser und verstärkt die Intensität der ohnehin ergreifenden Schilderungen.

Die einzelnen Episoden erstrecken sich oftmals nur über eine halbe Seite und sind stichwortartig betitelt, was die Knappheit, aber gleichzeitig auch die Wirkung der Erzählung unterstreicht. Des Weiteren wird die Erzählzeit ständig von Einschüben aus „dem Sessel“ unterbrochen, die sich als Reflexionen der inzwischen Großmutter gewordenen Izolda erweisen. Sie verbringt ihren Lebensabend in Israel, meditiert obsessiv über ihre tragische Vergangenheit und grübelt über die einzelnen Verstrickungen der verlorenen Leben.

Diese Ausschnitte aus der Zukunft fügen sich zum Ende hin mit der eigentlichen Erzählung zusammen und es stellt sich heraus, dass diese so unglaublich klingende Geschichte auf wahren Tatsachen beruht und Hanna Krall schon 1997 als Vorlage für die Reportage „Eine Story für Hollywood“ diente.

Der Autorin ist mit „Herzkönig“ ein sehr eindringliches Buch gelungen, das nicht nur durch seine erstaunliche Geschichte, sondern auch durch seine Sprache berührt und bewegt, ohne jemals sentimental zu werden – was auch in der Übersetzung aus dem Polnischen erhalten blieb. „Herzkönig“ ist ein wichtiger und vor allem lesenswerter Beitrag zur Aufarbeitung der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg und wurde 2007 in Polen zum „Buch des Jahres“ gekürt. Erst vor kurzem erhielt die Autorin den Ricarda-Huch-Preis für ihr „unabhängiges Denken und mutiges Handeln“, das sich insbesondere in ihrer Arbeit über das polnische Judentum auszeichnet.

Von Karolina Szczepanska

Literaturangaben:
KRALL, HANNA: Herzkönig. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 2007. 173 S., 19,50 €.

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