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„Belle de Jour“ – Die Schöne des Tages

Zur Neuausgabe von Luis Buñuels berühmtem Filmklassiker auf DVD

© Die Berliner Literaturkritik, 28.12.10

Von Behrang Samsami

Es war sein zu Lebzeiten kommerziell erfolgreichstes Werk: „Belle de Jour“. 1967 verfilmte der spanische Regisseur Luis Buñuel (1900-1983) den 1928 erschienenen, gleichnamigen Roman des französischen Schriftstellers Joseph Kessel (1898-1979). Ähnlich wie etwa in seinem mit einem Oscar gekrönten Film „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ (1972) setzt der zu Beginn seiner Karriere mit surrealistischen Werken wie „Der andalusische Hund“ (1929) bekannt gewordene Filmemacher auch in „Belle de Jour“ den Schwerpunkt auf die Darstellung und Kritik (groß-)bürgerlicher Normen und Konventionen.

Im Zentrum der zwischen 1967 und 1969 mit vielen internationalen Preisen ausgezeichneten Literaturverfilmung steht das Ehe- und Liebesleben der schönen Pariserin Séverine Sérizy (gespielt von Catherine Deneuve). Wie Jean-Claude Carrière, der zusammen mit dem Regisseur das Drehbuch geschrieben hat, in einem der DVD-Neuerscheinung beigegebenen längeren Interview äußert, handelt es sich bei „Belle de Jour“ um das „Porträt einer masochistischen Frau“. Denn die 22-jährige Séverine versucht, da sie unfähig ist, ihrem Ehemann, dem Mediziner Pierre (gespielt von Jean Sorel), gegenüber ihre Gefühle auszudrücken und auch mit ihm intim zu werden, ihre erotischen Phantasien auf ihre ganz besondere Art auszuleben.

Da sie in ihrer bürgerlichen Existenz zwar materiell abgesichert ist, sich jedoch in ihrem monoton verlaufenden Leben eingeengt fühlt, flieht sie immer wieder in Tagträume, in denen sich ihre Sexualität auf – im wahrsten Sinne des Wortes – gewaltsame Weise Bahn bricht. So sieht man, was in der Romanvorlage von Joseph Kessel nicht thematisiert wird, nämlich wie die weibliche Hauptfigur von verschiedenen Männern geschlagen, ausgepeitscht und beleidigt wird. Rückwendungen und Erinnerungen, die im Film als kurze Sequenzen immer wieder kurz eingeblendet werden, geben in diesem Zusammenhang einen Einblick in die Kindheit und Jugend der Protagonistin. Auf diese Weise soll scheinbar angedeutet werden, wie Séverine zu der kühlen, reserviert wirkenden, dabei emotional wie sexuell „gestörten“ Frau geworden ist.

Es ist vor allem das verklemmte Verhältnis der jungen Frau zu sich und der weiblichen Sexualität, die sie daran hindert, mit sich im Reinen zu sein, körperliches Begehren als etwas Natürliches zu empfinden und in ihrer ehelichen Beziehung zuzulassen. Während einer Reise in die Normandie zusammen mit Pierre führt sie am Strand einen inneren Monolog, in dem sie ihren Gatten anspricht und ihm ihr Verhalten zu deuten versucht: „Ich weiß nicht, wie ich es Dir erklären soll. Es gibt so viele Dinge, die ich selbst gern verstehen möchte, mon Chéri, Dinge, die mich belasten. Meine Gefühle zu dir haben nichts mit dem Genuss, mit der Lust zu tun. Das steht auf einem ganz anderen Blatt.“

Erst nachdem ein Bekannter, der überfeinerte, von seinem luxuriösen Leben und seinen sexuellen Ausschweifungen gelangweilte Henri Husson (gespielt von Michel Piccoli) konkrete Andeutungen über eine andere Dame aus der hohen Gesellschaft macht, kommt es zu einer Veränderung in Séverines Leben. Husson, der von seiner gesamten Art her die Gegenfigur zu ihrem Ehemann Pierre darstellt, erzählt der Frau des Mediziners, wie – die ihr äußerlich sehr wahrscheinlich nicht zufällig ähnelnde – Henriette in einem bestimmten Etablissement Geld verdienen würde. Anfangs entsetzt darüber, sieht die schüchterne Séverine, die ein ambivalentes Verhältnis zu diesem scheinbar impotenten Lebemann hat, im zweiten Moment dann doch eine Möglichkeit, ihre bisher unterdrückten, von Gewalt und Misshandlung geprägten sexuellen Phantasien außerhalb ihres bürgerlichen Milieus auszuleben. In einem von der lesbischen Madame Anaïs (dargestellt von Geneviève Page) nach außen als Modeatelier betriebenen, kleinen Bordell beginnt sich die Ärztegattin zu Beginn noch zaghaft, später jedoch mit großer Lust zu prostituieren und so ein für sie selbst äußerst aufregendes, weil gefährliches Doppelleben zu führen.

Es sind insbesondere die Szenen im Bordell, in denen Luis Buñuel wie durch ein Schlüsselloch Einblick gibt hinter die Fassade bürgerlicher Existenzen. Wie in einem Reigen treten nacheinander dickliche Fabrikanten aus der französischen Provinz, muskulöse ostasiatische Geschäftsreisende, reiche und übersättigte Pariser Bonvivants, Gangster aus der Unterwelt und biedere Medizin-Professoren auf und leben mit Hilfe der dort arbeitenden Frauen (unter anderem gespielt von Françoise Fabian) ihre Phantasien und Manien aus. Es ist wieder Jean-Claude Carrière, der in diesem Kontext von der „Perversion als dem Vexierspiegel der Normalität“ spricht und im Laufe des Interviews Hintergrundinformationen über die Entstehung dieser Filmszenen gibt: So hätten der Regisseur und er zahlreiche Gespräche mit Psychiatern, Psychoanalytikern, Prostituierten und Bordellbesitzerinnen geführt, um den Film auch in diesem Teil zu einer exakten und authentischen Milieustudie werden zu lassen.

Carrière betont ebenfalls, dass für die filmische Umsetzung am realen Teil von Joseph Kessels Romans nichts verändert worden sei. Allerdings wäre die „Bedeutung des Imaginären, aus dem wir uns zusammensetzen“, in dem 1967 entstandenen Werk wesentlich größer als in der Buchvorlage. Der Drehbuchautor weist so darauf hin, dass in „Belle de Jour“ das Realistische bzw. die Geschehnisse diesseits der bürgerlichen Fassade im Grunde falsch, weil irreal seien, während die Phantasien der Protagonistin dagegen den wirklichen bzw. realistischen Zustand ihres Innenlebens jenseits des Erlaubten offenbarten. Mit anderen Worten legt Buñuel mit seinem Film die bourgeoise Doppelmoral bloß: Diese duldet das Verbotene – welcher Art es auch immer sei – immer dann, wenn es von den Mitgliedern der Gesellschaft geheim gehalten wird. Sie sanktioniert es aber, sobald die Camouflage aufgegeben und das von ihr Tabuisierte offen zu Tage tritt.

Gefährlich wird das Doppelleben für Séverine indes erst, als einer ihrer Freier, der Ganove Marcel (gespielt von Pierre Clémenti), sich in sie verliebt und die geheimnisvolle Prostituierte allein für sich beansprucht. Mit Hilfe eines spanischen Freundes entdeckt er ihre Adresse und Identität. Er sucht sie zuhause auf und bricht damit ein Tabu, da er die unsichtbare Linie überschreitet, die sie benötigt, um ihre konträren Lebensweisen im Gleichgewicht zu halten. Marcel, den Séverine zwar mit schlechtem Gewissen, aber dennoch genauso leidenschaftlich begehrt wie er sie, droht ihr, ihrem gutmütigen und verständnisvollen Gatten, der jedoch etwas von ihren Gefühlen für einen anderen zu ahnen scheint, von ihren Zusammenkünften im Bordell zu erzählen.

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Dass „Belle de Jour“ nicht nur der erfolgreichste Film des spanischen Regisseurs, sondern auch ein so bedeutendes und einflussreiches Werk geworden ist, liegt auch daran, dass es – wie Jean-Claude Carrière zu Beginn des Interviews unterstreicht – mit ihm zum ersten Mal in der Geschichte des Films möglich gewesen ist, eine neue Dimension, nämlich die der „weiblichen Phantasie“, einzubauen bzw. erstmals überhaupt zu thematisieren. Dabei habe es, fügt er noch hinzu, eine „gleichwertige Behandlung von Realität und Imaginärem“ gegeben bzw. es sei der Versuch gemacht worden, beide Teile miteinander zu vereinbaren.

Hinzu kommt außerdem, dass Buñuel die Erkundung des „dunklen Kontinents“ (Sigmund Freud), gemeint ist hier der weibliche Eros, an eine genaue Beobachtung und Infragestellung erstarrter bürgerlicher Denkstrukturen und Lebensweisen koppelt. Es scheint, dass mit dem Film die These vertreten werde, dass es die fest gefügten Konventionen sind, die Séverines Entwicklung zumindest zu einem großen Teil verschuldet hätten. Die Kühle und Distanz zwischen den dargestellten Figuren sowie ihr statisches, steriles und inhaltsleeres Dasein sind zusammen mit der Bigotterie des Bürgertums in Bezug auf Sexualität für den Regisseur scheinbar die Ursachen für die Suche nach Ausbruchsmöglichkeiten bzw. für die Flucht in sadomasochistisch gefärbte Sexualphantasien und Phantasmagorien – und das nicht nur der weiblichen Hauptfigur.

Buch:

KESSEL, JOSEPH. Belle de Jour, Belleville, München 2004. 288 S., 19,90 €. (ab 2011 auch bei Wagenbach)

Film:

BUNUEL, LUIS. Belle de Jour, DVD. Arthaus Collection Literatur 11. Leipzig 2010. EAN: 4006680052090. Länge: ca. 96 Min, 8,99€.


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