WIEN (BLK) – Im Februar 2009 ist im Zsolnay Verlag das Buch „Srebrenica - Notizen aus der Hölle“ von Emir Suljagic erschienen
Klappentext: Dieses Buch ist der einzige Bericht eines Zeugen beim größten Massaker in Europa nach 1945. Der damals knapp 18-Jährige Emir Suljagic, der 1992 im Bosnienkrieg mit Tausenden anderen in das vermeintlich sichere Srebrenica in Bosnien geflüchtet war, berichtet vom Hunger, von den dauernden Angriffen der Serben - und auch von der spärlichen Gegenwehr der Eingeschlossenen. Als der UN-Sicherheitsrat die Einrichtung einer Schutzzone beschließt, wird Suljagic Dolmetscher der UNO, eine Aufgabe, die ihm letztlich das Leben retten wird. Am 11. Juli 1995 nehmen Truppen der bosnisch-serbischen Armee unter Ratko Mladic die Enklave ein, tags darauf lässt Mladic alle Männer zwischen zwölf und 72 Jahren von ihren Angehörigen trennen, einige werden sofort erschossen. Insgesamt sollen nach dem Fall der Stadt an die 8.000 Menschen ermordet worden sein. Emir Suljagic beschreibt Unfassbares mit großer Eindringlichkeit und zeigt, wie wenig es braucht, den Nächsten im Stich zu lassen. (jud)
Leseprobe:
© Zsolnay Verlag ©
Ich habe überlebt. Ich hätte einen beliebigen Namen haben können, Muhamed, Ibrahim, Isak, das ist nicht wichtig, ich habe überlebt, viele haben es nicht. Ich habe überlebt, wie sie gestorben sind. Zwischen ihrem Tod und meinem Dasein gibt es keinen Unterschied, weil ich in einer Welt weiterlebe, die dauerhaft, unwiederbringlich von ihrem Tod gezeichnet ist. Ich komme aus Srebrenica. Eigentlich komme ich von anderswo, aber ich habe es mir ausgesucht, aus Srebrenica zu sein. Nur von dort wage ich zu kommen, wie ich auch nur dorthin zu gehen gewagt habe, als ich nirgendwo sonst hinzugehen gewagt habe. Gerade deshalb glaube ich, dass der Geburtsort im Vergleich zum Sterbeort unwichtig ist. Ersterer sagt nichts über uns, er ist nur eine rein geografische Tatsache; der Sterbeort sagt alles über unsere Überzeugung, den Glauben, die Wahl, die wir getroffen und an die wir uns bis ans Ende gehalten haben, bis der Tod uns ereilt hat.
Vielleicht ist das alles falsch, vielleicht kann man seinen Sterbeort ja gar nicht wählen, genauso wenig wie man den Geburtsort wählen kann. Doch sie sind dort gestorben, wo sie geboren wurden, wo sie in den Kriegsjahren Zuflucht gesucht und gefunden, wo sie Tag für Tag in einer gemeinsamen Agonie überlebt haben. Sie haben Srebrenica ausgesucht, um zu überleben, und das macht ihren Tod umso schrecklicher.
Mitte Mai 1992 strömten zehntausende Menschen auf der Flucht vor dem Angriff der serbischen Streitkräfte nach Srebrenica; die Artillerie der JNA (Jugoslawische Volksarmee) vernichtete Dörfer und Städte, und der dunkle Rauch, der in die Luft stieg, kündete das kommende Unheil an; Freiwilligeneinheiten aus Serbien ließen Blutspuren zurück und schickten Überlebende voraus, von deren Geschichten einem das Blut in den Adern gefror. In der zweiten Maiwoche verließen die Serben Srebrenica, nachdem sie es gründlich geplündert hatten, und diese Stadt in der Sohle eines sehr engen und steilen Talkessels wurde zum Zufluchtsort für zehntausende Verzweifelte. Unter ihnen waren meine Freunde, meine Bekannten, meine Familie und ich.
Ich sollte in den nächsten drei Jahren, bis zum Fall der in den Sommermonaten 1992 gebildeten Enklave sehr viele Menschen kennen lernen. Einige von ihnen nahmen den Platz meiner 1992 ermordeten Verwandten ein oder der serbischen Freunde, die mich brutal verraten hatten. Dort sollte ich ein paar Dinge zum ersten Mal erleben. Aber was wir alle gemeinsam hatten, war das Gefühl einer kosmischen Einsamkeit, wie sie nur ein zum Tode Verurteilter empfinden kann. Wir betrachteten einander, wohl wissend, dass es sehr gut möglich war, dass wir uns am nächsten Tag nicht mehr sehen würden, und niedergeschlagen von dem Gefühl, dass das nichts ändern würde.
Unter den hunderten, wahrscheinlich tausenden von Menschen, die ich kennen lernte, war Šaæir Begiæ, ein alter Mann, dessen Geisteskraft mich immer wieder aufs Neue überraschte. Nach einem ungeschriebenen Gesetz versammelte sich fast meine ganze Nachbarschaft am Eingang zu seinem Hof und unterhielt sich über das, was sie an diesem Tag im Radio gehört, in der Stadt gesehen, an der Front erfahren hatte … In Augenblicken gemeinschaftlicher Verzweiflung – wenn wir überzeugt waren, das Ende sei gekommen, und solche Gelegenheiten gab es in den drei Kriegsjahren viele – beendete Šaæir mit seiner tiefen, vom Tabak kratzigen Stimme all unsere Gespräche mit immer denselben Worten:
„Es wird alles besser, als wir denken.“ Als im Juli 1995 die serbischen Streitkräfte die Stadt schließlich überrannten – weil das immer nur eine Frage der Zeit war, wurde auch er ermordet.
Im Tod, genauer, in dem Moment, wo wir zu existieren aufhören, gibt es keinen Unterschied –Gaskammer, Massenexekution oder das heimtückische Aufblitzen einer Stahlklinge im Dunkeln, ein Seufzer des Schmerzes oder ein Röcheln und ein unfassbarer Stoß mit dem Messer. Zehntausend Menschen, zehntausend Särge, zehntausend Grabsteine, heeej, zehntausend! Über diesen Tod weiß man alles, oder wir tun heute wenigstens so, als wollten wir alles wissen; wir tun ihrem Tod in den Zeitungsspalten Gewalt an, da wir uns nie nach ihrem Leben fragen. Nichts wissen wir über all diese Menschen, die so wunderbar, gut oder schlecht wie jeder andere waren, nicht mehr und nicht weniger. Wunderbar insofern, als sie Menschen waren. Und insofern, als ich sie kannte.
© Zsolnay Verlag ©
Literaturangaben:
SULJAGIC, EMIR: Srebrenica - Notizen aus der Hölle .Übersetzt von Katharina Wolf-Grießhaber; Nachwort von Michael Martens. Zsolnay, Wien 2009. 240 S., 17,90 €.
Verlag
Andere Stimme: Rezension „FAZ“