Von Klaus Hammer
Auf seinem Weg zu einer eigenständigen Bildsprache hat Nolde wesentliche Impulse nicht nur von den alten Meistern, allen voran Rembrandt, sondern auch von zeitgenössischen Künstlern wie van Gogh, Munch, Ensor oder den Malern der „Brücke“ erhalten. Oft waren es tradierte Themen und Motive, die er aufgriff,veränderte und sie der eigenen schöpferischen Phantasie unterwarf. Er war selbst auf der Suche nach modernen Mythen und Ikonen, die identitätsstiftend wirken sollten. Das zeigt sich vor allem in seinen Frauenbildern, die jetzt die Dependance Berlin der Nolde Stiftung Seebüll erstmals in einer thematischen Ausstellung „Bewundert, gefürchtet und begehrt – Emil Nolde malt die Frauen“ der Öffentlichkeit präsentiert (bis 31. Oktober 2010). Kuratiert wird sie von Jörg Garbrecht, der Noldes Bilder mit historischenoder zeitgenössischen Werken in Beziehung setzt, um dem Betrachter die Möglichkeit zu geben, Vergleiche anzustellen, Anregungen, Verwandtschaften wie Umdeutungen und Entgegensetzungen zu konstatieren.
Das Bild der Frau in der Kunst – es war vor allem das Bild des Mannes von der Frau – zeigte vor mehr als hundert Jahren allgemein nicht das alltägliche, wirkliche Leben der Frauen, vielmehr wurden Leitbilder, Ideale und Wunschbilder entworfen. Die Frauwurde zeitlos und idealtypisch dargestellt. Eva und Judith, Salomé und Kassandra wurden in eine erotische Atmosphäre transponiert, als femme fatale gesehen, die Verhängnis und Unheil bringt, freilich immer nur den Männern. Sie waren Angstbilder einer durch die weiblichen Emanzipationsbestrebungen infrage gestellten Männerwelt. Wenig wurde über die tatsächliche Stellung der Frau in der Gesellschaft berichtet. So wurde nicht sichtbar, was gesellschaftlich verdrängt wurde. Themen wie Verführung, Sünde, Lasterhaftigkeit und Schuld waren da dochinteressanter.
In diese Tradition könnte man auch Nolde mit seinen sinnlich vitalen Hetären, mythologischen Naturwesen, biblisch religiösen Gestalten stellen, aber zugleich suchte er sich im phantasievollen Erfinden und freien Setzen der Farbe davon abzusetzen und eigene Wege zu gehen. Der Rückgriff auf „primitive“ Formen– davon zeugen die stark vereinfachten Gesichter und Körper, die an Kinderzeichnungen erinnern – sollte den Ausdruck seiner Bildnisse und Figurenbilder steigern und zugleich zu den Grundlagen der seelischen, geistigen und Lebensverhältnisse zurückführen. Eine originäre Welt jenseits der Kälte und Anonymität der modernen großstädtischen Zivilisation sollte in der Kunst entstehen. Diesem Ziel dienten eben auch die kräftigen, reinen wie gemischten Farben, die er einsetzt.
Das Katalogbuch zur Ausstellung, reich mit groß- und kleinformatigenFarbabbildungen ausgestattet, enthält zwei Aufsätze von Manfred Reuther, dem Direktor der Nolde Stiftung Seebüll, über Noldes Bildnisse seiner Frau Ada und die Mutter-Kind-Beziehungen im Werk Noldes und einen Aufsatz von Jörg Garbrecht über das Thema der Ausstellung „Emil Nolde malt die Frauen“.Diese aufschlussreichen Beiträge regen beim Betrachten der ausgestellten bzw. im Katalog abgebildeten Werke zu vielfältigen Überlegungen an. Eigentlich bieten Noldes Frauenbilder beispielhaft grundlegende Stationen eines Frauenlebens, vom Urzustand bis ins Zivilisationszeitalter, von Mythos und Legende bis zur Gegenwartswirklichkeit, von der Verführungskraft und Ausschweifung über das Wandlungserlebnis bis zur Askese oder dem innigen Erleben, von der Entfremdung und Unterdrückung bis zur freien Selbstbestimmung. Nolde will keine christlich-dogmatischen Lehrstücke vorführen. Die ausdrucksstarke Entschiedenheit des Erlebens und Verhaltens seiner Frauenfiguren interessierten den Maler, der sich konfessionell nicht festliegen ließ.
Das „Mädchenbildnis“ auf Goldgrund von 1913 nimmt scheinbar die Tradition der Ikonen wieder auf, entrückt es aber nicht der Wirklichkeit, sondern die Farbe fungiert hier als psychisches Ausdrucksmittel, ihre Töne offenbaren das Seelenleben der jungen Frau. Also kein Madonnenbild, ebenso wenig wie die innige Beziehung zwischen „Mutter und kleinem Sohn“ (1932), denen Nolde unverhofft in einem Schweizer Alpental begegnete. Auch die grünen Lippen und Haare oder das teils blaugraue, teil grünbeige Inkarnat der„Jungen Dänin“ (Farblithografie, 1913) verweigern jede Nachahmung der Wirklichkeitund werden zum reinen Stimmungsträger. In der oftabwandelnden Wiederholung und dem spielerischen freien Umgang mit Valeurs und Kontrasten der Farbe mag manches Frauenporträt Noldes heute tatsächlich wie eine Vorwegnahme von Warhols Porträts der Marilyn Monroe anmuten.
Immer wieder ging es Nolde darum, ein Drama höchster exemplarischer Emotionen zu schaffen. Arnold Böcklins „Triton, eine Nereide auf dem Rücken tragend“, führt uns in mediterrane klassische Welten, die Figuren sind Personifikationen einer Meereswoge. Dagegen ist Noldes ungeschlachtes „Meerweib“ (1922) in der nordischen Sagen- und Seenwelt zu Hause und macht die Urgewalt des Meeres fühlbar. Der Strand wird bei Nolde oft zu einem Ort phantastischen Zusammentreffens, so in „Begegnung am Strand“ (1920), einer Weiterführung von Botticellis „Geburt der Venus“, worauf Jörg Garbrecht verweist. Während bei Botticelli der Westwind Zephyrus und der sanfte Lufthauch Aurora die schaumgeborene Liebesgöttin behutsam ans Land wehen, wütet bei Nolde ein Sturm über den Strand, der die See aufwühlt und die Wolken den Himmel entlang jagt.
Das in der Kunstgeschichte reiche Beziehungsspiel zwischen Mann und Frau hat Nolde um weitere Facetten erweitert. „Erste Menschen“ (1922) stellt zwei in animalischem Verlangen nach körperlicher Nähe sich im Kuss vereinigende Menschen dar, zwischen die sich die züngelnde Schlange als die Aussage unterstützendes Symbol gedrängt hat. Dagegen trennt in dem monumentalen „Verlorenen Paradies“ (1921) die Schlange am Baum der Erkenntnis das Menschenpaar Adam und Eva, „zerknirscht und ratlos in die Zukunft schauend, verstoßen und leidend“, so Nolde in seiner Autobiographie.
Der von Nolde bewunderte Edvard Munch war nicht fähig, sich eine Frau als soziales Wesen vorzustellen. Er sah sie als Elementargewalt, entweder als Vampyr oder Urmutter und als unerbittliches Fruchtbarkeitssymbol. Seine Frauengestalten sind entweder in Vergewaltigungsphantasien wie in „Pubertät“(1894/95) befangen oder sie sind männerverschlingende „Gottesanbeterinnen“ wie die Lilith, die sich vor uns in „Madonna“ (1894/95) wiegt. Ob die Frau den Mann in ihrem Schoß zärtlich liebkost oder ihm einen tödlichen Nackenbiss versetzt, das lässt sich an Munchs „Vampyr II“ (1895/1902) nicht ablesen. Auch Noldes erschütterndes Porträt „Thora“ (1921) mit dem so sprechenden, durchdringendenBlick ähnelt einer Sphinx, die die Zukunft des Betrachters vorauszusagen scheint.
Noldes „Der Herrscher“ (1914) unterscheidet sich von den üblichen Haremsbildern nicht nur dadurch, dass es zweigeteilt ist. Der repräsentativen, offiziellen Welt des Herrschers im linken Bildteil wird das Haremsgemach zur Rechten gegenübergestellt, und es scheint so, als würden die Frauen ihre Späße mit dem Sultan treiben, der in seinen prächtigen Gewändern hilflos wirkt. Machen sich die beiden Frauen über seine fehlende Macht und Manneskraft lustig? Nolde hat hier ein ungewöhnliches Gegenbild zu den traditionellen Haremsbildern seiner Zeit geschaffen. Das Kräfteverhältnis zwischen Mann und Frau verbildlicht er dann in direktem Gegenüber ohne szenischen Hintergrund in den beiden Varianten von„Weib und Mann“ (1919). Während Nolde in Fassung I einen nackten Frauenkörper sozusagen als Vexierbild nimmt, um das Liebesspiel zwischen Mann und Frau erotisch aufzuladen, erträgt die nackte Frau in Fassung II selbstbewusst und gelassen die ersten Annäherungsversuche des machohaft grinsenden Mannes. Gleich wird sie ihn abrupt zurückweisen.
In Noldes Aquarell „Tier und Weib“ (1931/35)scheint sich der Mann beim Anblick der begehrenswerten nackten Frau in ein lüstern-triebhaftes Raubtier verwandelt zu haben. Gibt es hier eine Assoziation zu Picassos Minotaurus, dem Stier als Sinnbild der männlichen Lust und Potenz, wie in der Radierung „Bacchanal mit Minotaurus“?Aber im Gegensatz zu Picassos von Stieren beherrschten Szenen hat der Panther bei Nolde nicht die Kontrolle über die Frau. Es ist ihr jederzeit möglich ihn abzuwehren oder sich zu befreien. Auch hier wieder ist die Szene vielschichtig angelegt und offen für verschiedene Deutungen. Ironisch und sarkastisch dagegen„Amor irrt sich“ (1932 und 1939): Der Pfeil des kleinen Liebesgottes hat die Falsche getroffen, hilflos und erschrocken rudert er mit seinen Ärmchen in der Luft.
Ekstatisch wirbeln Noldes berühmte „Kerzentänzerinnen“ (1912) umeinander, lassen sie über den Bildrand hinausstreben. Sie sind rasenden Mänaden vergleichbar, den mythologischen Begleiterinnen des Dionysos, dem griechischen Gott des Weines und der Fruchtbarkeit. Lebensgroß und um ein Vielfaches heißer finden sich die kleinen Flämmchen der Kerzen in den zuckenden Körpern der Tänzerinnen wieder. Das berühmte Bild lässt in der ausgelassenen, enthemmten Sinnenlust, dem Entfesselten, Rauschhaften an Nietzsches „Zauber des Dionysischen“ denken.
Höchst rätselhaft wirkt Noldes Gemälde „Ekstase“ (1929). Einer hockenden Frau, die sich mit geöffneten Schenkeln darbietet, erscheint eine sphärische Gestalt mit loderndem Flammenhaar, die ein Kreuz in den Händen hält. „Maria Empfängnis“ sollte es ursprünglich heißen, doch durch seinen veränderten Titel ist es mehrdeutig geworden. Ist es Ausdruck höchster sexueller Erregung? Die roten biomorphen Formen in der oberen Bildhälfte deuten aber auch auf den Anfang neuen Lebens, auf die Menschwerdung außerhalb des weiblichen Körpers hin. Indem Nolde eine erregte nackte Frau und das Symbol des Kreuzes in Beziehung setzt, so deutet es Jörg Garbrecht, stellt er die Sexualität als etwas Heiliges dar und bricht mit der Vorstellung, körperliche Lust sei mit christlicher Moral nicht vereinbar.
Eine stille Harmonie und gereifte Lebenseinsicht verkörpert das Paar in „Lebensreife“ (1933), deren Köpfe sich silhouettenhaft vor dem leuchtend-blauen Hintergrund abzeichnen. Kaum ein Vergleich lässt sich mit dem Gemälde „The Philosopher’s Chair“ (1999) des Amerikaners Eric Fischl herstellen. Während Nolde die körperliche und geistige Nähe eines Paares verbildlicht, herrscht bei Fischl eisige Distanz. Wie ein Hindernis steht der Sessel trennend zwischen Mann und Frau.
Inspiriert durch die Werke anderer Künstler und getrieben von seinem phantasiereichen Gestaltungswillen brachte Nolde eine Vielfalt unterschiedlicher Frauendarstellungen hervor, als Suche nach einem Frauenbild, das Klischees durchbrechen und den veränderten Lebens- und Verhaltensformen der Frauen entsprechen, aber zugleich den Reiz und das Geheimnis der Frau bewahren soll.
Literaturangabe:
NOLDE, EMIL: Bewundert, gefürchtet und begehrt – Emil Nolde malt die Frauen. Nolde Stiftung Seebüll und DuMont Buchverlag, Köln 2010. 148 S., 29,95 €.
Weblink: