Fritz Stern gehört zweifellos zu den großen Historikern des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Studien zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erwarb er sich nicht nur einen hervorragenden akademischen Ruf. Zu den vielen Auszeichnungen und Ehrentiteln kamen der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und die Aufnahme in den Orden „Pour le Mérite“ für Wissenschaften und Künste – eine besondere Genugtuung für den Gelehrten deutsch-jüdischer Herkunft, der 1938 gerade noch rechtzeitig aus Deutschland fliehen konnte.
Es war auch eine verspätete Pointe der Geschichte. Denn während die Deutschen der Jahrtausendwende Stern für sein Engagement im Rahmen deutsch-jüdischer Verständigung ehrten, waren die Deutschen, die er studierte, ausgemachte Antisemiten. Bereits in seiner Dissertation über den Kulturpessimismus portraitierte Stern mit Paul de Lagarde einen Vater des modernen Antisemitismus und zeigte wie antimodernes Ressentiment, Nationalismus und individuelles Scheitern alte Verachtung zu neuem Hass „rationalisierten“. Am ausführlichsten hat sich Stern mit der deutsch-jüdischen Geschichte in seinem Hauptwerk „Gold und Eisen“ beschäftigt.
Die voluminöse Doppelbiografie über den „Eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck und seinem jüdischen Bankier Gerson von Bleichröder erschien bereits 1977 und ist vor kurzem neu aufgelegt worden. Sie handelt von der ambivalenten Beziehung zwischen dem Agrarier, Machtpolitiker und Revolutionär auf der einen und dem Aufsteiger, Kapitalisten und Juden auf der anderen Seite.
Bleichröder (1822-1893) hatte von seinem Vater Samuel Bleichröder die guten Kontakte zu den Rothschilds, den damals führenden Privatbankiers Europas, geerbt. Er wusste sie zu nutzen: Innerhalb weniger Jahre war er zu dem preußischen Agenten der Rothschilds geworden und schickte regelmäßig wirtschaftliche wie politische Nachrichten nach Paris und London. Bismarck wurde über Vermittlung der Rothschilds zu einem Kunden Bleichröders.
Bedeutend wurde das Verhältnis Bleichröder-Bismarck erst 1862, als Bismarck preußischer Staatsminister war und gegen das Parlament regierte, das seinen Haushalt nicht billigte. Bleichröders Geld, sein Netzwerk und seine Expertise waren dem bedrängten Politiker da sehr willkommen. Im Krieg gegen Dänemark 1864 und zwei Jahre später gegen Österreich war es Bleichröder, der die Kriegskasse sicherstellte. Durch den Verkauf preußischen Staatsbesitzes konnte Bismarck auch ohne ordentlichen Haushalt Krieg führen.
Bleichröder gehörte fortan zu Bismarcks engsten Vertrauten. Einerseits profitierte er finanziell von den politischen Arrangements, die er auszuhandeln half. Andrerseits war Bleichröder bemüht, in das konservative Establishment Preußens aufgenommen zu werden, indem er sich seinem schillerndsten Vertreter andiente. Der Bankier erwarb sich viele Ehren und Auszeichnungen, war vertraut mit den Eliten Europas, konnte aber seinen „Makel“, Jude in Preußen zu sein, nie abschütteln.
Selbst während seiner beruflichen Sternstunde im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war Bleichröder antisemitischen Vorurteilen ausgeliefert. Die aristokratischen Mitglieder des Generalstabs, zu dem er – auch dank großzügiger Geschenke – exklusiven Zugang hatte, verachteten den Juden in ihrer Mitte. Seinem Herren Bismarck war der patriotische Bankier dennoch eifrig zu Diensten: Als es an die Reparationsverhandlungen mit dem besiegten Frankreich ging, saß auch Bleichröder am Verhandlungstisch und legte anschließend die Zahlungsmodalitäten für die fünf Milliarden Franc Reparationskosten fest. Für diese und andere Dienste wurde Bleichröder 1872 als erster ungetaufter Jude Deutschlands geadelt. Damit aber wurde Bleichröder endgültig Zielscheibe der neuen Antisemiten, für die er wegen seines Reichtums und seiner Nähe zur Macht ein Paradebeispiel jüdischer Herrschaft war. Sein lebenslanges Streben nach Zugehörigkeit blieb trotz aller Dienste unerfüllt; vollständige Assimilation war im neuen Kaiserreich unmöglich.
In „Gold und Eisen“ schreiben nicht nur die Protagonisten große Geschichte. In der Einleitung seines Buches geht Stern auf die Sozial- und Wirtschaftshistoriker seiner Zeit ein, die Strukturen und sozioökonomische Entwicklungen als eigentlichen Antrieb der Geschichte verstehen. Gegen sie richtet er seine Doppelbiografie, die zeigen soll, dass es hinter allen Zahlen doch Menschen waren, die den Gang der Geschichte bestimmten. An einer Stelle bezeichnet er Bismarck und Bleichröder als idealtypische Vertreter ihrer Epoche. So erklärt sich, warum seine Studie im Grunde der alten Auffassung folgt, dass große Männer Geschichte schreiben.
Das Resultat ist eine detailverliebte, politische Ereignisgeschichte im Deckmantel der Biografie. Der Leser erfährt wenig über die Menschen Bismarck und Bleichröder (bei Letzterem auch aus Mangel an Quellen), dafür aber viel über Verhandlungen und persönliche wie Geschäftskorrespondenz. Dies wird vor allem für Sterns Erzählung der Zeit nach 1871 deutlich, wenn die Figur Bleichröders verblasst.
„Gold und Eisen“ ist auch heute noch ein Standardwerk über Bismarck und Bleichröder und die betrübliche deutsch-jüdische Geschichte des 19. Jahrhunderts. Als Biografie für den historisch Interessierten kann das Buch nicht überzeugen, eher schon als biografische Studie. Wer es lesen möchte, sollte außerdem zu einer älteren Auflage greifen: Die besprochene Auflage enthielt eine Reihe ärgerliche Tippfehler.
Von Thomas Hajduk
Literaturangaben:
STERN, FRITZ: Gold und Eisen: Bismarck und sein Bankier Bleichröder. Aus dem Englischen von Otto Weith. C.H. Beck, München 2008. 861 S. mit 38 Abbildungen, 19,95 €.
Verlag