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Botho Strauß feiert 65. Geburtstag

Weltschmerz, Fatalismus und gemischte Gefühle

© Die Berliner Literaturkritik, 01.12.09

BERLIN (BLK) - Botho Strauß hat mit seinen Büchern und Bühnenstücken wie „Trilogie des Wiedersehens“, „Die Hypochonder“ oder „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“ nicht nur das deutsche Nachkriegstheater geprägt. Der brillante Intellektuelle, der am Mittwoch (2. Dezember) 65 Jahre alt wird, hat auch gesellschaftliche Befindlichkeiten und den Zeitgeist wie nur wenige als scharfsinniger Beobachter in seinen Werken widergespiegelt. Strauß war einst auch der gefeierte Hausautor an der Berliner Schaubühne Peter Steins.

Die Orientierungslosigkeit des Individuums in der Massengesellschaft hat Strauß schon beschrieben, als der Begriff Globalisierung noch nicht in aller Munde war, wofür beispielhaft Prosaarbeiten wie „Paare, Passanten“ von 1981 stehen. Ein Strauß sah schon 1997 in der jüngeren Generation „Infoholics“ sowie „leichtfüßige Medienschatten“.

Lange Zeit war Strauß einer der meistgespielten zeitgenössischen Dramatiker im deutschsprachigen Raum. „Dieser Mann ist eine große Hoffnung unserer Literatur“, schrieb der Kritiker Marcel Reich- Ranicki schon 1977, andere Kritiker bescheinigten dem Theaterautor, eine „comédie humaine“ in der Nachfolge Balzacs geschaffen zu haben und ein „subtiler Zeitkritiker“ zu sein, bei dem andere aber schon früh auch eine „schmallippige Verbitterung“ ausmachten.

Pünktlich zum Erreichen seines offiziellen Rentenalters hat Strauß, der schon in der „Menschenwerkstatt“ Berlin wie ein Einsiedler lebte und sich seit Jahren gern in die uckermärkische Einsamkeit Brandenburgs zurückzieht, jetzt einen neuen Band voller fatalistischer Betrachtungen und Aphorismen über Gott und die Welt  mit dem für einen scheinbar entwurzelten Autor mehrdeutigen Titel „Vom Aufenthalt“ (Hanser Verlag) vorgelegt.

Es ist wieder ein typisches Strauß-Buch, an dem sich seine Anhänger berauschen können und das andere Leser gelangweilt von verschwommenen Sätzen aus der Hand legen werden. Ein Misanthrop rechnet mit der Welt ab: wie gewohnt mal bissig, mal ironisch, oft aber auch resignativ und müde, zugleich stets zum Nachdenken anregend.

Strauß lässt den Weltschmerz und die Isoliertheit des Schriftstellers so deutlich erkennen, dass Kritiker sogar ein „Verstummen bei vollem Bewusstsein“ befürchten, wofür die europäische Geistesgeschichte durchaus Beispiele kenne, wie es in der „Welt“ dazu hieß, die sogar von einem „Ende einer Ära“ im Schaffen von Botho Strauß schreibt. „Morgen werden wir ohnehin alles Lesenswerte nur noch in Antiquariaten und Bibliotheken auftreiben“, meinte der Autor schon vor Jahren.

Der Hauch von Endzeitstimmung ist bei dem Büchner-Preisträger, der sich selbst als ein „Dämmerungssüchtiger“ sieht, eindeutig stärker geworden. Die angstbestimmten Menschen in seinen Büchern betreten immer verwirrter „Die Zeit und das Zimmer“, wie eines seiner Bühnenstücke heißt.

Dabei war der schwerblütige und öffentlichkeitsscheue Strauß schon immer ein Meister des Innehaltens und Nachdenkens, auch über sich selbst, was in einer Zeit der rasanten Beschleunigung auch in der Unterhaltungs- und Medienwelt immer anachronistischer, also gegenläufig, zu sein scheint, anderen aber auch aus der Seele  geschrieben ist. So gesehen ist der am 2. Dezember 1944 in Naumburg geborene Strauß moderner als es den ersten Anschein hat, auch wenn ihm Kritiker manchmal seine beinahe schon exaltierte Weltabgeschiedenheit und „esoterische Verstiegenheit“ ankreiden.

Einen heftigen Meinungsstreit löste Strauß, der an seinem „Deutschsein“ leidet („Die Zahl der Vulgären und Deformierten bleibt vermutlich unter Germanen konstant“), bald nach dem Mauerfall mit seiner grellen deutschen Momentaufnahme „Anschwellender Bocksgesang“ 1993 aus. Schon damals nahmen manche wie die Zeitschrift „Theater heute“ sogar „Abschied von Botho Strauß“.

Verfrüht, wie sich zeigen sollte. Strauß machte auch danach immer wieder von sich reden, wie 2006 mit der von Tumulten begleiteten Aufführung seines Stückes „Schändung“ im Berliner Ensemble, wo zwei Vergewaltiger in quälender Ewigkeit über ein junges Mädchen herfallen. Im vergangenen April wurde die Uraufführung seines letzten Stückes „Leichtes Spiel“ in München in der Regie von Dieter Dorn dagegen viel beklatscht - es war des Autors typische Spielwiese mit der Frau vom Dummchen bis zur Karrierefrau und dazu der Mann, mal Macho und mal verklemmt. (dpa/wer)

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Hanser Verlag


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