Von Martin Spieß
Die Geschichte spielt zu zwei Zeiten. Die erste ist das Jahr 1998. Der Protagonist, der heißt wie der Autor, und dessen doppelt so alter Freund Alain verbringen ihre Tage damit, sich voll zu dröhnen. Alain hat den Protagonisten, als dieser ein Junge war, missbraucht, aber das sehen beide merkwürdigerweise nicht so eng: „Du weißt, dass ich niemals ein Kind nötigen würde“, sagt Alain - um nur kurz danach zu erzählen, wie er einen anderen kleinen Jungen oral befriedigt hat. Nach kurzer Zeit mit Alain, und hier geht es zum zweiten Teil, spult der Autor zwanzig Jahre zurück, und es erzählt der 10-jährige Protagonist.
Bouillère mag ein passabler Architekt sein, als Autor taugt er wenig. Das liegt hauptsächlich an der unerträglich spartanischen Sprache. An Sätze, die nicht nur so kurz wie möglich sind, sondern auch keinen Zwischenraum lassen, kann man sich nur schwer gewöhnen: „Wir gehen runter zum Auto. Portia nimmt mich am Arm. Ich öffne ihr die Wagentür.“ Es wird Kritiker geben, die das zu „ungeheuerlicher Prägnanz“, zu „Da ist kein Wort zuviel!“ verklären werden.
Aber es gibt da auch immer wieder Sätze wie den folgenden: „Sie ist immerhin diejenige, die siebzigjährig im Leopardenmantel auf der Rue de la Pompe in der Hoffnung spazieren geht, dass irgendwelche Ökos sie mit grüner Farbe übergießen.“
Nur tauchen dann aus dem Nichts huldvolle Hommagen an Architektur auf und man fragt sich, wie diese in die Handlung hineinpassen (sollen). Denn nach einer Seite von auch sprachlich sehr weit vom Rest entfernter Architekturliebe geht es unkommentiert weiter.
„Retro“ ist der Versuch, ein bisschen von allem zu sein. Alkohol, Verwahrlosung, Tabletten, Drogen, Sex mit Männern, Sex mit Minderjährigen. Nur fügt sich das alles nicht zusammen. Denn der Mörtel - Bouillères Sprache - ist selten schlecht angerührt.
Literaturangabe:
BOUILLÈRE, OLIVIER: Retro. Matthes & Seitz, Berlin 2010. 191 Seiten, 19,90 €.
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