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Chinesische Kurzgeschichten

Zehn Erzählungen chinesischer Gegenwartsautoren

© Die Berliner Literaturkritik, 11.01.11

Li Jingze / Jing Bartz (Hg.): Unterwegs. Literatur-Gegenwart China. Zehn Kurzgeschichten Aus dem Chines. von Johannes Fiederling u. a. DIX-Verlag, Düren, Bonn 2009. 371 S., 19,90 €.

Von Simak Büchel 

„Einen Augenblick später war das Frühstück fertig. Schwesterchen Yao legte Tang eingelegtes Gemüse und Stäbchen hin, schöpfte ihm sein Schälchen voll Suppe und kniete nieder. Schob die Suppe vor ihn hin und streckte ihm ihr Gesicht entgegen. ‚Schlag zu’, sagte sie. ‚Dann geht es uns allen besser.’“ Der von Li Jingze und Jing Bartz herausgegebene Erzählungsband „Unterwegs. Literatur-Gegenwart China“ ist der Versuch einer Kontaktaufnahme. Denn wo immer sich Menschen wie Schwesterchen Yao und Tang in Ye Mins „Weich wie Samt“ begegnen, fächert sich der Kosmos der Zwischenmenschlichkeit auf.

In den zehn Erzählungen chinesischer Gegenwartsautorinnen und -autoren tritt China als ein fernes, aber gar nicht so fremdes Land in den Fokus der Aufmerksamkeit. Für einen Leser, der von China nur ein von Vorurteilen und Halbwissen eingefärbtes Bild hat, für einen Leser wie mich, bietet „Unterwegs“ den authentischen Einstieg in eine faszinierende Welt. Aus westlicher Sicht wirkt China gemeinhin als opaker Block aus Disziplin und Zukunftsorientiertheit, der zum Zweck des Machterhalts individuelle Freiheiten beschränkt.

Umso erfrischender brechen die Geschichten von „Unterwegs“ dieses Bild auf, indem sie China auf ganz unterschiedlichen literarischen Pfaden ausmessen. Sie handeln von Ehebruch, tibetischem Spiritismus (Fan Wen, „Ein Bär auf Seelenwanderschaft“) oder der Beziehung eines Radiomoderators zu einer toten Taxifahrerin (Lu Min, „Tod an der Kreuzung“). Jede einzelne Geschichte verhandelt das feine Gewebe einer Kontaktaufnahme, einer mal irritierenden, mal erotischen Begegnung. Dass sich diese vor allen Dingen dann ergeben, wenn die Figuren ihre gewohnte Umgebung verlassen, einen „koreanischen Liebhaber“ kennen lernen oder schlicht „unterwegs“ sind, leuchtet ein.

In Bewegung sind sie alle und bilden damit als Pars pro Toto das ab, was China für uns zu einem Quell der Fragen und Projektionen macht. China – unterwegs. Aber: wohin? Die zehn poetischen Geschichten geben darauf keine unmittelbare Antwort, erzählen vielmehr leicht von einer Gegenwart, die modern, urban und uns beinahe vertraut vorkommt. Dabei fungiert der Weg als Metapher und Prinzip der Welterfahrung gleichermaßen. Li Jingze und Jing Bartz liefern ein Sammelsurium von Einzelperspektiven, die sich zu einem Bild verweben lassen, ohne Totalitätsanspruch zu erheben.

Besonders spannend werden die Erzählungen dann, wenn sie die Sphäre des Grotesken streifen. So begegnen wir in Huang Tulus Geschichte einem korrupten Vizebürgermeister, der vor seinen Häschern in die Gebärmutter einer Frau flieht und sich dort häuslich einnistet. So erweckt Tian Ers „Die Stickstoffdüngerfabrik“ ein Pärchen Entstellter zum Leben, das sich aufgrund körperlicher Defizite auf den stampfenden Rhythmus eines Kolbens in einer Stickstoffdüngerfabrik verlassen muss, um Intimitäten auszutauschen.

Hier blüht das Groteske, hält die Kunst der Welt im Moment des gefühlten Unbeobachtetseins einen Spiegel vor. Und so wie das menschliche Mienenspiel zum Zeitpunkt großer Affekte – in Zorn und Leid und Liebesspiel – sich als verzerrte Maske präsentiert, so lässt die Groteske Rückschlüsse zu auf den Normalzustand, auf den mittleren Gesichtsausdruck eines Landes. Die Groteske überzeichnet zwar, bedient sich aber immer der Wirklichkeit als Ausgangsstoff und zeigt somit mehr als jeder Photorealismus. In der Groteske schwingt die Norm in Form ihrer Abweichung mit und liefert dem Leser nicht nur ein Gefühl vom Scheinbaren, sondern auch von der Varianz der möglichen Erscheinungen.

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Li Jingze und Jing Bartz ist es hoch anzurechnen, diese Erscheinungen in einem wunderbaren Band zugänglich gemacht zu haben. Er ist die Einladung, sich auf den Weg zu machen. Denn wenn alle unterwegs sind, ist die Kontaktaufnahme nicht nur zwangsläufig, sondern auch die Überwindung der eigenen Vorurteile in den Bereich des Möglichen gerückt.

Weblink: DIX-Verlag

 


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