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Chroniken des Abseitigen

Rudi Pallas Gedichtband „Kurze Lebensläufe der Narren“

© Die Berliner Literaturkritik, 03.09.08

 

WIEN (BLK) – Im August 2008 ist Rudi Pallas Gedichtband „Kurze Lebensläufe der Narren“ beim Paul Zsolnay Verlag erschienen.

Klappentext: Kennen Sie Florence Foster-Jenkins, die Mörderin des hohen C? Ist Ihnen Helmut Flatzelsteiner ein Begriff, der sich die Gebeine von Mary Vetsera, der Geliebten von Kronprinz Rudolf, „ausborgte“, um das Rätsel von Mayerling zu lösen? Rudi Palla, der Chronist des Abseitigen, ist diesen Narren im Wortsinn nachgegangen und stellt uns diese Hochstapler, Abenteurer, Gauner und Verführer vor. Doch er liefert keine bloße Kuriositätensammlung, sondern schildert in der unterhaltsamen Biographie dieser Exzentriker auch die Geschichte ihrer Zeit. Unter anderen treten auf: August der Starke und sein „Kurzweiliger Rat“ Josef Fröhlich, der Abenteurer und k.u.k. buddhistische Mönch Ignaz Trebitsch-Lincoln, der französische Architektur-Utopist Pierre Giraud, der „Wirrwarr-Baumeister“ Ferdinand Cheval und William McGonagall, der schlechteste Dichter aller Zeiten. (vol/dan)

 

Leseprobe:

© Zsolnay ©

Fallingwater

Hängfallende Gärten Fallwasser aber der Stein spielt das Wasser im lichtarmen Wald also hier:

Ist das einzige was hier steigt meine Stimme? Kletterwand der Kaufhausehe aus Pittsburgh.

Mit großer Geste aufgerollte Pläne die bersten wo sich die Natur durchtreibt. Die explodierende Gewalt

teilt sich wie Sprungtürme in du und er wie Springtier in viele Richtungen. Hängfallend war eine Jugend.

Im alten Verjährtsein brichst du noch einmal aus. Löst einen Helikopter von der Wand beim Einsatz.

Gesplittertes Hirnhaus. Gefällte Besitzmenschen die sich eckig bekleideten ein Leben lang. Geht es

hinauf oder hinunter. Stell’s auf den Kopf es ertrinkt in sich selbst. Ich möchte weinen. Oder wohnen

wo mich kein Baum mehr drückt.

 

Steinskulptur,weiblich, 11. Jahrhundert

War ein Weichbild im Schlaf eines Meisters. Ein Anonymus mit Asthma. Tags hat er sie

zur Heiligen gemacht mit ihren weltlichen Schultern und ihr den Staub vom Hals geblasen.

Flachatem sie hält ihre rissigen Lippen halb offen in Erwartung eines Kusses halb-halb. Luft? Stein?

Ein flimmerndes Wüstenszenario: die Frau. Mit dem Schandleib eingegraben bis zur Taille.

Alle werfen den ersten Stein. Das Fleisch gibt nach unter der Gerechtigkeit der Treffer.

Das Jahrhundert ist jetzt.Wir sprechen von dort wo sie Religionen besamen und das Gesetz.

 

In die Ferne

Ich sah dich in dein Handy reden mit kleinen Verbeugungen und sofort fiel mir der Vater eines lieben Freundes ein – Forstverwalter im Dienst des Baron Rothschildschen Urwalds

der von seinem Stuhl aufsprang und im Stehen telefonierte wenn die Herrschaft anrief und an den Stellen die ein Jawoll erforderten sich verbeugte verbeugte verbeugte

die gegenüberliegende Wand des Büros hinab- und hinaufmalend mit seinem Blick. Und immer hingen die Trophäen noch an derselben Stelle.Wurden nicht aus ihren Haken

gehoben die bleichen Tierschädel und ihr Gestäng.
Ich sah dich in dein Handy reden. Du sprachst zum Boden und dann wieder in

den Himmel des glasüberdachten Restaurants hinauf – wo ein unsichtbarer großer Monitor befestigt war von dem du ablesen konntest was du sagtest und was dir die andere Stimme

sagte. Schriften die sich selbst verschlangen und verschwanden.Vielleicht nehmen die Dinge eine gute Wendung dachte ich mir. Du stecktest dir dein cell phone ans Herz.

© Zsolnay ©

Literaturangaben:
PALLA, RUDI: Kurze Lebensläufe der Narren. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2008. 176 S., 14,90 €.

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