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Chronist unserer Zeit

Der siebte Fall des Kommissar Laurenti

© Die Berliner Literaturkritik, 06.06.11

WIEN (BLK) – Im Wiener Zsolnay Verlag ist im März 2011 der Kriminalroman „Keine Frage des Geschmacks“ von Veit Heinichen erschienen. Es ist bereits der siebte Kommissar Laurenti-Krimi.

Klappentext: Ein deutscher Filmproduzent wird in Italien bei Triest tot aus der Adria gefischt. Mord? Der Verdacht fällt auf Lele Raccaro, den politisch einflussreichen Geschäftsmann, und seine unehelichen Söhne - vierschrötige Kerle, die sich ihr Taschengeld mit der Erpressung der britischen Politikerin Jeanette McGyver aufbessern wollen. Gemeinsam mit der Journalistin Miriam Natisone begibt sich Kommissar Laurenti auf die Spur der Drahtzieher eines folgenschweren Machtspiels. Veit Heinichen richtet in seinem neuen Kriminalroman den Blick auf Korruption, Manipulation und Ausbeutung und schreibt damit wieder einen packenden Proteo-Laurenti-Krimi.

Veit Heinichen wurde 1957 geboren. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft arbeitete er als Buchhändler und anschließend für namhafte Verlage in der Schweiz und in Deutschland. 1994 war er Mitbegründer des Berlin Verlags und dessen Geschäftsführer bis 1999. Seit 2001 hat Heinichen bereits den fünften Kommissar Proteo Laurenti-Krimi vorgelegt.

Leseprobe:

 © Zsolnay ©

„Wie in unserem Rathaus“, kommentierte Zadar unbewegt. „Das Geld der anderen. Doch bei denen dort unten müssen wir nicht nach den Dieben suchen. Seit vier Tagen drehen sie vor meiner Tür und sind restlos auf sich konzentriert. Manchmal muss ich warten, bis sie eine Szene abgedreht haben, um mein Haus betreten zu dürfen. Aber eigentlich sind sie okay. Gut, wenn unsere Stadt mal in Szene gesetzt wird, und zwar nicht durch negative Schlagzeilen.“

  Gerade wieder hatte Triest es zweimal auf die ersten Seiten der überregionalen Presse geschafft: Zuletzt wegen des kompromisslosen Vorgehens der neuen Polizeipräsidentin, was die illegalen Einwanderer betraf, vorwiegend Afrikaner, die umgehend abgeschoben wurden, weil ihre Papiere nicht in Ordnung waren. Die Gesetzeslage hatte sich durch ein Dekret des Innenministers verschärft und machte sie wie Zuhälter und Drogendealer zu Straftätern. Man trieb sie, selbst wenn sie über einen legalen Arbeitsplatz verfügten, so sie das Land nicht umgehend verließen, in die Fänge der Organisierten Kriminalität, die sie gnadenlos ausbeutete. Zuvor hatte der Fall „Kalì“ für Aufsehen gesorgt, der nach sechsmonatigen Ermittlungen von Laurenti und seinen Leuten in Zusammenarbeit mit den Kollegen in Padua aufgedeckt wurde: Ein dreizehnjähriges Roma-Mädchen, das von klein an auf Wohnungseinbrüche abgerichtet worden war und dabei eine besondere Wendigkeit bewiesen hatte, wurde von der eigenen Mutter für zweihunderttausend Euro an andere Roma in der Nähe von Padua verkauft und von dort weiter nach Frankreich verschachert.

  Doch jetzt diente die Hafenstadt als einprägsame Kulisse für die deutsch-italienische Koproduktion eines Fernsehkrimis, der laut Zeitungsberichten von Schmuggel, internationaler Korruption, bösen Balkan-Gangstern, eleganten sizilianischen Geschäftsleuten sowie geradlinigen deutschen Ermittlern handelte. Und wie Livia entrüstet erzählt hatte, förderte die grenzüberschreitende, völkerverbindende Liebesgeschichte zwischen der Kommissarin und einem Staatsanwalt die reibungslose Ermittlungsarbeit und bescherte dem Zuschauer das obligatorische Happy End, das ihn beruhigt schlafen ließ. Die Grenzlage und die Nähe zu vielen osteuropäischen Ländern sollte das Stück ebenso wie der große Hafen spannend machen – und idyllische Sonnenuntergänge über dem Meer gab es öfter, als es das Drehbuch verlangte.

  Laurenti löste seinen Blick von der Schauspielerin, die ganz offensichtlich mit dem Regisseur stritt. Ein einprägsamer Typ. Sie fuchtelte wild und blickte an der Fassade des Palazzo hinauf, wo Proteo Laurenti und Nicola Zadar am Fenster standen, unter dem ein Relief der Athene prangte, der Göttin der Weisheit und des Kampfes, mit dem in griechischen Lettern gefassten Satz: „Es lebe die Freiheit“.

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  Nicola Zadar war ein schlanker, stets in feines Tuch gekleideter Händler von Rohkaffee und führte den erfolgreichen Familienbetrieb in zweiter Generation. Er importierte die Ware aus über vierzig Ländern und exportierte sie nach hochkomplexen Laboranalysen, Proberöstungen und Zusammenstellung der Mischungen nach Kundenwünschen und Marktanforderungen wieder in etwa genau so viele Staaten. Zadar hatte den Commissario auf dem Mobiltelefon angerufen. Sie waren gleich alt und seit Jahren befreundet, und Laurenti hörte dem kultivierten Mann, der im Gegensatz zu ihm nur selten die Ruhe verlor, während der gelegentlichen gemeinsamen Abendessen gern zu, wenn dieser von seinen unzähligen Reisen in die exotischsten Gebiete erzählte, aus denen er die rohen Bohnen bezog. Kaffee, betonte Zadar oft, war nach Erdöl der am häufigsten gehandelte Rohstoff und wies unendliche unterschiedliche Varianten und Qualitätsspektren auf. Doch im Gegensatz zum Rohöl verband er Kulturen und Künste mit der Welt der Wirtschaft, der Technik und dem Verbrechen.

  „Für den direkten Geldwert wird die Versicherung einstehen müssen“, erklärte Zadar gelassen, während ein Mitarbeiter aus dem Labor zwei Tassen servierte. „Nur diesen kleinen Teil haben sie nicht gefunden, es ist eine Probe, die wir erst gestern Nachmittag geröstet haben. Du wirst gleich besser verstehen, um was es sich dreht. Es ist das seltenste Getränk der Welt.“

  Laurenti führte die Tasse unter seine Nase und hob erstaunt die Augenbrauen. „Erdig und mild zugleich. Was ist das?“ Er nahm einen kleinen Schluck, schmatzte leise und wunderte sich über den nachhaltigen, leicht modrigen Geschmack und die sirupähnliche Konsistenz auf der Zunge. „Es schmeckt nach Komposthaufen und auch nach Schokolade.“

  „›Kopi Luwak‹ heißt er. Du hast einen guten Geschmackssinn, Proteo“, sagte Nicola Zadar. „Aber statt Komposthaufen würde ich Regenwald sagen.“

  „Da war ich noch nie, entschuldige.“ Laurenti roch erneut an seiner Tasse.

  „Von dieser Sorte gibt es weltweit nur etwa fünfhundert Pfund im Jahr. Geröstet kostet sie weit über tausend Euro das Kilo. Wenn man sie überhaupt findet. Es gibt lange Wartelisten. Unser Betrieb ist weltweit einer der ganz wenigen, der seit Jahrzehnten damit handelt und sich deshalb eine relativ konstante Quote sichern kann. Samt der beglaubigten Herkunftszertifikate natürlich. Fünfundachtzig Kilo bekommen wir jährlich, kein anderer Abnehmer erreicht diese Menge. Aber jetzt kann ich dir leider nur noch Fotografien vom Rohprodukt zeigen.“ Er blätterte in seinen Unterlagen und zeigte Laurenti die Aufnahme eines kleinen, haarigen Tierchens, dessen buschiger Schwanz in etwa der Länge seines Körpers entsprach. „›Kopi‹ ist indonesisch und bedeutet Kaffee, und ›Luwak‹ steht für den Paradoxurus hermaphroditus, eine in Südostasien verbreitete Schleichkatzenart, auch Fleckenmusang genannt. Hermaphroditus wegen der hodenähnlichen Duftdrüse, die beide Geschlechter unterhalb des Schwanzes haben. Nachtaktiv sind sie und ganz verliebt in die überreifen Kaffeekirschen, die sie wegen des süßen roten Fruchtfleischs von den Bäumen stehlen und dann die unverdauten Steine ausscheiden, in denen sich die Kaffeebohnen befinden. Die werden durch die Verdauungsenzyme der Tiere veredelt, die Fermentation gibt ihnen dieses einzigartige Aroma. Und wenn sie ausgeschieden werden, dann kleben diese Steine schön zusammen und sehen beinahe aus wie ein Vollkorn-Knusperriegel. Die Hauptproduktion kommt aus Java, Sumatra und Sulawesi.“

©Zsolnay©

HEINICHEN, VEIT: Keine Frage des Geschmacks. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2011. 368 S., 19,90 €.

Weblink:

Zsolnay


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