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Claude Lanzmann blickt zurück

Autobiografie des Regisseurs von „Shoa“

© Die Berliner Literaturkritik, 03.01.11

Lanzmann, Claude: Der patagonische Hase. Erinnerungen. Übersetzung: Skwara, Erich W.; Steinitz, Claudia; Heber-Schärer, Barbara. (Originaltitel: Le Lièvre de Patagonie). Rowohlt Verlag, Hamburg 2010, 682 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-498-03939-4

Von Roland H. Wiegenstein

Wer je Claude Lanzmanns Film „Shoa“ gesehen hat, dies Dokument dessen, „was nie hätte geschehen dürfen“, das einen ganzen Arbeitstag dauert, der wird sich an den Blick des Lokomotivführers erinnern, der aus der  Führerkabine der Lok versteinert zurück blickt, als er die Waggons an die Rampe schiebt (nicht zieht); oder an den Friseur, der einem Mann die Haare schneidet und dabei erzählt von seiner Arbeit im Vernichtungslager Treblinka, er musste dort den todgeweihten Jüdinnen die Haare abschneiden, bevor man sie in die Gaskammer zwang.

Wer „Shoa“ gesehen hat, der weiß auch, dass es sich bei diesem Film um das womöglich wichtigste Zeugnis über die Massenvernichtung der Juden handelt, das es gibt. Lanzmann fragt, bekommt Antworten und das Ungeheuerliche nimmt Gestalt an. „Ich habe Israel nie für die Wiedergutmachung der Shoa gehalten, die Vorstellung, dass sechs Millionen Juden ihr Leben gaben, damit Israel existiert, dieser offen oder unterschwellig teleologische Diskurs ist absurd oder obszön … Aber man muss nicht an irgendeine Sühne oder einen heilbringenden höheren Zweck glauben, damit einen die Aussicht auf einen zweiten Aderlass“, der fünfundzwanzig Jahre später an demselben Volk begangen würde, mit Entsetzen erfüllte.“ (Hier spielt Lanzmann auf die arabisch-israelischen Kriege an.) „Denn es ist auch wahr, dass der Staat Israel aus der Shoa geboren ist, dass es eine komplexe, tiefe Kausalverbindung zwischen diesen beiden Schlüsselereignissen der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts gibt und dass der Kern der israelischen Bevölkerung aus Flüchtlingen und Überlebenden unendlichen Leids besteht.“ Da sind wir schon auf Seite 502  des Buches (von 679) „Der patagonische Hase“, wie Claude Lanzmann seine „Erinnerungen“ nennt.

Der Film war eigentlich im Leben dieses weltläufigen Mannes nicht vorgesehen, oder doch nur so, wie jener Hase, der ihm auf einer einsamen Piste bei Nacht vor den Wagen gelaufen war, und der, wie eine blitzartige Einsicht, das bislang leere Land kenntlich machte oder wie das Ortsschild „Treblinka“, das ihn erschrecken machte: es gab diesen Ort wirklich, es war ein verfluchter Ort. Die auf dem Gelände des früheren Lagers verteilten Monolithen waren  für ihn stumm geblieben. Es war das alte Ortsschild, das den Prozess des Entdeckens, des Entsetzens in Gang setzte. Da war er schon tief in den Versuch vergraben, die Wahrheit dieses Ortes zu suchen – und darzustellen. Nicht wie so viele vor ihm, etwa Alain Resnais in „Nacht und Nebel“, der die Bilder des Schreckens „von damals“ zeigte, die ausgemergelten Befreiten und die Leichenberge, sondern als mündliches Zeugnis der Überlebenden, der Opfer und der Täter.

Zwölf Jahre hat Lanzmann insgesamt an diesem Film gearbeitet, drei Jahre gedreht, fünf Jahre geschnitten und zwischendurch immer wieder nach neuen Geldgebern gesucht, die ihm weiterhalfen. Er hat das alles erst lernen müssen: wie man Menschen fragt, wie man sie dazu bringt, sich zu öffnen, wie man mit Widerspenstigen umgeht (etwa den Nazis, die vorkommen, den „bürgerlichen“ Ungeheuern), wie man sie überlistet. Zwar hatte er schon einen Israel-Film gemacht, „Warum Israel“, doch hatte ihm danach in Jerusalem jemand sozusagen den moralischen Auftrag gegeben, „Shoa“ zu machen, aber dieser Film war in jeder Weise Neuland. Er musste erfunden werden – als Dokument und als Kunstwerk. Ein Film ohne Kommentar und ohne Tote. Ein Film, der spricht. Lanzmann erzählt von den Schwierigkeiten, den Umwegen, seinem eigenen Lernprozess freimütig und stolz. Manche der wieder erinnerten Szenen treiben dem Leser auch heute noch die Tränen in die Augen.

Aber vorher? Was hat diesen abenteuerlustigen, zu sportlichen Höchstleistungen fähigen Journalisten, der schon als Halbwüchsiger in der „Résistance“ gewesen war (ebenso wie sein Vater) und der die Jahre der Besetzung Frankreichs kämpfend dort überlebt hatte, der später mit einem Diplom über Leibniz seine philosophischen Studien abgeschlossen und als Lektor an der Freien Universität in Berlin gearbeitet hatte (ehe er in der „Berliner Zeitung“ im Osten der Stadt NS-Verbindungen an der FU aufdeckte und von der französischen Regierung, die ihn geschickt hatte, alsbald zurückberufen wurde), der als Gesellschaftsreporter für „Elle“ Stars und Sternchen interviewt, der von 1952 bis 1959 mit Simone de Beauvoir zusammengelebt (und gearbeitet) hatte, Redakteur von Sartres „Temps modernes“ war, sich in literarischen Dschungel von Paris auskannte, Nordkorea und China bereiste, mit Simone de Beauvoir durch die Sahara fuhr oder auf hohe Alpenberge stieg, immer auf der Suche nach dem Kick, nach der Gefahr, ein homme-à-femme und glänzender Gesellschafter, der tout Paris damals kannte und alles ohne Rancune oder „Gesellschaftskritik“ schildert (das Kapitel über seine Geliebte „Castor“ – so wurde Simone de Beauvoir genannt – ist zärtlich und wunderschön) – was hat diesen löwenhaften Bonvivant, eben abenteuerlustigen, zu sportlichen Höchstleistungen fähigen Journalisten nun dazu gebracht, so lange Jahre in die entsagungsvolle Arbeit an einem Film zu stecken?

Das erste Kapitel des Buches, das nur von Guillotinen und Hinrichtungen handelt, gibt mindesten einen Hinweis. Er suchte das Unmögliche. Er will Gerechtigkeit und das heißt: das Schreckliche soll Namen und Gesicht bekommen. „Neben der Todesstrafe wird die Vergegenwärtigung – aber ist da ein Widerspruch? – die wichtigste Angelegenheit meines Lebens gewesen sein.“

Auf der Suche nach Zeugen ist er, belehrt von Raoul Hilbergs peniblen Recherchen über den Holocaust, durch Europa, Israel und Amerika gereist, hat Überlebende und Henker aus den Vernichtungslagern zum Sprechen gebracht wie jenen Friseur, wie jenen Lokführer, wie die Exekutoren, die nichts begriffen hatten, und dann in mühsamster Arbeit die vielen einzelnen Aussagen zusammengesetzt zu einem Panorama, das Kunst ist, ohne doch je den Charakter des Zeugnisses zu verlieren. Er hat Anfeindungen überstanden von denen, die das Entsetzliche nicht präsentiert bekommen wollten: vom amerikanischen Rabbi bis zum katholischen Kardinal. Er hat schnöde und dumme Einwände überstanden und sich nie irre machen lassen in seiner Überzeugung, das Richtige zu tun. Einmal, in New York, hat er einen jungen Rabbiner nach dem Ende einer Vorführung „Kaddish“ im Kinosaal beten gesehen.

„Ich habe zwölf Jahre lang versucht, ohne Ausflüchte in die schwarze Sonne der Shoa zu schauen und mich bemüht, ihr so nahe wie möglich zu kommen.“ Es ist ihm gelungen: den Film gibt es! Es hat weit über ein Jahrzehnt gedauert, ehe er in Polen gezeigt werden konnte. „Adam Michnik“, Chef der Warschauer Zeitung „Gazeta Wiborcza“ und selbst Zeuge im Film, „zufolge hatte die jüdische Gemeinde Polens beim Fernsehen um die Absetzung von ,Shoa' gebeten. Sie fürchtete ein erneutes Aufflammen des Antisemitismus, zeigte also jämmerlich wenig Mut. Ich glaube, Michnik hat nicht gelogen. Da Shoa sich nie an der Wahrheit vergeht, ist vielleicht der Film an sich das Vergehen.“ Auch das ist Geschichte. Inzwischen gibt es den Film sogar auf DVD – ob die Kopien jemand kauft, oder genauer: sich auch ansieht?

Lanzmann hat sein Werk getan, er war schon ein alter Mann, (er ist 1925 geboren), als er damit begann, seine „Erinnerungen“ zu diktieren und sich ihnen zu stellen – den wilden, mondänen seiner frühen, glanzvollen Jahre und den langen, asketischen, nur noch Shoa gewidmeten später. Sie haben ihn viel gekostet, selbst die Ehe mit Angelika Schrobsdorff, die ihn verstand, aber dennoch verließ. Sartre und Beauvoir haben den Film gesehen und Jean Daniel, der Chefredakteur des Nouvel Observateur hat ihm am Ende der Vorführung gesagt: „Das rechtfertigt ein ganzes Leben.“

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„Die Frage, welchen Titel ich dem Film geben sollte, stellte sich erst im April 1985, ein paar Wochen vor der Premiere. Die Wahrheit ist, das es keinen Namen für das gab, was ich damals nicht einmal ,das Geschehen' zu nennen wagte. Für mich nannte ich es insgeheim ,die Sache', das war eine Art, das Unnennbare zu benennen. Hätte ich meinen Film ohne Titel lassen können, ich hätte es gemacht. Das Wort ,Shoa' stand mir eines Nachts ganz selbstverständlich vor Augen, denn ich verstand, da ich kein Hebräisch konnte, seine Bedeutung nicht, was auch eine Art war, nicht zu benennen. Aber für die, die Hebräisch sprechen, ist ,Shoa' genauso unangemessen. Der Begriff taucht in der Bibel mehrfach auf. Er bedeutet ,Katastrophe', .Zerstörung', ,Vernichtung' und kann ein Erdbeben, eine Überschwemmung oder einen Orkan bezeichnen. Nach dem Krieg haben Rabbiner willkürlich dekretiert, er solle auch ,die Sache' bezeichnen. Für mich war ,Shoa' ein Signifikant ohne Signifikat, ein kurzer, undurchsichtiger Laut, ein undurchdringliches, nicht aufzubrechendes Wort.... Ich habe gekämpft, um ,Shoa' durchzusetzen, ohne zu wissen, dass ich damit einen grundlegenden Akt der Benennung vollzog… Überall fing man an, von der ,Shoa' zu reden, das Wort trat an die Stelle von ,Holocaust', ,Völkermord', ,Endlösung' usw. Das sind alles Gattungsbegriffe. ,Shoa' ist heute ein Eigenname, der einzige, und als solcher unübersetzbar.“

Es sei denn, man erzählt davon, wie es Lanzmann in seinem Buch tut, das sich mehrere hundert Seiten anschleicht an „die Sache“, die die seine geworden ist, der Umwege gegangen ist, sogar leichtsinnige, ehe er sich stellte und tat, was er – und nur er – tun musste: den Film zu machen. So etwas hat man in früheren Zeiten eine Berufung genannt. Ihn haben die Toten berufen, er ist ihrem Ruf treulich gefolgt. Wie er dem Symbol des patagonischen Hasen, des Ortsschilds „Treblinka“ gefolgt ist. Ohne Verrat.


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