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Das Coming - Out eines Konservativen

Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde

© Die Berliner Literaturkritik, 09.06.09

Von Johannes Wagemann

Linke haben ihn geprägt und gequält. Und zwar so heftig, dass Jan Fleischhauer „aus Versehen“ konservativ wurde. Das behauptet der „Spiegel“ - Redakteur jedenfalls in seinem kürzlich erschienenen Buch „Unter Linken“. Vom Elternhaus über Schule und Universität bis in die Kultur - und Medienszene: Überall fühlte sich der 1962 geborene Journalist umzingelt von einer linken Meinungsmacht. „Ich gehöre zu einer Generation, die gar nichts anderes kennt als die Dominanz der Linken“, schreibt er. Moment mal—galt sein Arbeitgeber nicht auch mal als links? Ist Fleischhauer also ein Nestbeschmutzer?

Sein Buch ist eine sehr persönliche, manchmal erschreckende, manchmal aber auch sehr amüsante Polemik. Daher sollte nicht jede von Fleischhauers Thesen auf die Goldwaage gelegt werden. Historiker und Politologen würden allein schon die begriffliche Unschärfe angreifen: Was bedeutet für Fleischhauer überhaupt „links“? In seiner Coming – Out - Schrift als Konservativer gehört dazu das Erbe des zusammengebrochenen Staatssozialismus sowjetischer Prägung ebenso wie ein—aus seiner Sicht—aufgeblähter Sozialstaat. Also mehr oder weniger all das, was von der gegnerischen politischen Seite als „links“ beschrieben wird. Fleischhauer sagt, er beschreibe ein Milieu und: „Ohne Verallgemeinerung kommt man zu keiner Erkenntnis“.

An einigen Stellen schießt er freilich über das Ziel hinaus: Coca - Cola verbinde er immer noch mit Krankheit, weil es sie nur bei Erbrechen oder zu Kindergeburtstagen gab, lässt uns Fleischhauer wissen. Stand da wirklich die Abneigung seiner sozialdemokratischen Mutter gegen den „US-Imperialismus“ Pate? Bei vielen anderen Menschen (fragen Sie mal in ihrem Bekanntenkreis!), auch in CDU-Haushalten, war es genauso. Solche Stellen ärgern, weil gerade Konsumsymbole zu vieldeutig sind, als dass sie sich in ein links – versus – konservativ - Schema einbinden ließen.

Dann wieder macht es Spaß, wenn der „Spiegel“ - Autor mit frischem Furor die Geschichte linker Bewegungen von Rousseau bis zu den 1968ern durchpflügt oder von seiner Begegnung mit Wolf Schneider erzählt. Der Sprachkritiker und Journalismuslehrer habe den Studenten der Literatur und Philosophie aus Theorieträumen runter auf den Boden der Tatsachen geholt.

Treffsicher ist Fleischhauer auch bei der eigenen Zunft und dem „politisch - journalistischen Komplex“. Demnach helfen sich beide Seiten gegenseitig beim Wichtig - Fühlen, möglichst ohne Einmischung durch den Normalbürger. Leider verfällt er dann wiederum in ein Genre von Schriften zur „Lage der Nation“ in der Krise und rechnet vor, wie teuer der Sozialstaat ist und wie verfehlt die Bildungspolitik. Das meint man dann so ähnlich schon gelesen zu haben. Dennoch erfrischen seine Scharfzüngigkeit und sein unbedingter Wille, sein Coming - Out so deutlich wie möglich rauszuschreien.

Fleischhauer hat für „Unter Linken“ schon jetzt ziemlich viel Schelte einstecken müssen—SPD - Vize Andrea Nahles etwa beschwerte sich, er würdige Hartz IV - Empfänger pauschal herab. Der „Welt“ - Kolumnist Alan Posener warnte, „Renegaten“ seien unter Konservativen eher schlecht gelitten. Arnulf Baring hatte sich in der Zeitung hingegen wenig überraschend über das „überfällige“ Werk gefreut.

Was macht Fleischhauer? Er reagiert in einem eigenen Internet - Blog und dem Kurzmitteilungsdienst twitter auf Lob und Kritik an seinem Text und schreibt das weiter, was vielleicht den bereits eingetretenen Erfolg des Buches ausmacht: Dass einerseits der Journalist eines bis heute für „eher“ links gehaltenen Magazins aus seiner Welt ausbricht und andererseits an vielen Stellen wieder genau die alten ideologischen Gräben vertieft. Denn was wäre die politische Auseinandersetzung in einem Wahljahr, wenn es die Gräben nicht mehr gäbe?

Literaturangabe:

FLEISCHHAUER, JAN: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009, 351 S., 16,90 €.

Weblink:

Rowohlt Verlag


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