MÜNCHEN (BLK) – Kristina Maidt-Zinke rezensiert in der „Süddeutschen Zeitung“ den Roman „Das Familientreffen“ von Anne Enright. Mit irischen Klischees und Kitschereien – Alkohohl, Gewalt, unglücklicher Sex und repressiver Katholizismus – wird darin nicht gespart.
Veranlasst durch den Selbstmord ihres Lieblingsbruders Liam, taucht die 39-jährige Irin Veronica Hegarty in ihre Kindheitserinnerungen und Familiengeschichte ab, wo sie auf ein dunkles Geheimnis stößt und erkennt, wie sich die familiäre Prägung auf ihr eigenes Leben sowie die Beziehung zu ihrem Mann und den beiden kleinen Töchtern ausgewirkt hat. Beim Begräbnis des Bruders, der sich mit Steinen in den Hosentaschen ins Meer gestürzt hat und bei welchem sich zehn von zwölf überlebende Geschwister bei der verwitweten Mutter versammeln, werden erneut alte Wunden aufgerissen. Doch wie „typisch“ für eine irische Familie, haben auch die Hegartys ihre hochprozentige Methode, um mit solchen Irritationen umzugehen.
Laut Rezensentin schreibe die Autorin lakonisch und wirke dadurch sympathisch, indem sie sich selbst über das Tragische lustig macht. Einen sexuellen Missbrauch, bei dem sich der Hauswirt der Großmutter unsittlich dem Enkel nährt, lässt die Autorin die Erzählerin Veronica wie folgt notieren: „Vor dreißig Jahren hat ein Toter einem noch Toteren die Hand in den Hosenstall gesteckt. Bestimmt gibt’s noch andere Dinge, über die man reden müsste. Bestimmt gibt’s noch andere Dinge, die enthüllt werden müssten.“ Zwar rede die Erzählerin Veronica Hagerty viel, jedoch meistens konzentriert und intelligent. Mit Anne Enright habe Irland eine „neue, vitale Stimme gefunden“, urteilt die Rezensentin. (nic)
Literaturangaben:
ENRIGHT, ANNE: Das Familientreffen. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. 346 S., 19,95 €.
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