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Das Leben, plattgewalzt

Lou Lingyuans Erzählband „Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!“

Von: ALMUT SCHMIDT - © Die Berliner Literaturkritik, 09.06.05

 

Dass in China Affenhirn und Hühnerfüße auf der Speisekarte stehen, kann dem Weltbürger nur noch ein müdes Lächeln abgewinnen. Auch ist uns nicht unbekannt, dass bei einem unserer wichtigsten Wirtschaftspartner die Menschenrechte nicht gerade erster Punkt der Tagesordnung sind und dass in dieser Hinsicht eine gewisse Beratungsresistenz nicht zu übersehen ist. All dies weiß der wohl informierte Bildungsbürger. Und doch ist es in unserer bilder- und informationsüberfluteten Welt, in der jeder scheinbar über alles unterrichtet ist, möglich: mit ganz einfachen Worten Abgründe aufzutun, zu schocken, unserer medialen Parallelwelt eine literarische hinzuzufügen. Eine fiktive Welt, vielleicht und paradoxerweise viel näher an der Wirklichkeit als elektronische Informationsmedien.

Luo Lingyuan, eine seit 15 Jahren in Berlin lebende Chinesin, schafft dies mit ihrem Erzählband „Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!“, indem sie unprätentiös schildert, wie die in China allgegenwärtige Machtpolitik das Streben der Menschen nach persönlichem Glück kaputt macht. Ihre Geschichten zeigen einen Alltag voller Gewalt, ein korruptes politisches System, geschlechterspezifische Unterdrückung. Privatsphäre gibt es nicht, weder geistig noch körperlich.

Tod des Individuums

So wird eine junge Studentin nach einer „Dunkelparty“, die das Bedürfnis der jungen Leute nach dem ungestörten Ausleben ihrer Sexualität zeigt, von der Universitätsärztin an ihrer intimsten Stelle auf ihre Jungfräulichkeit hin untersucht. Drastischer lässt sich der unerlaubte Zugriff auf die Intimsphäre eines Menschen nicht darstellen.

Die Repression des Individuellen, die nichts mehr zu tun hat mit einem gesunden, kulturell bedingten Konfuzianismus, färbt durch bis in die Tiefen menschlichen Zusammenlebens. Zwar gibt es die Sehnsucht nach Liebe. Aber Liebesbeziehungen wie die der chinesischen Studentin und des Deutschen bleiben stets überschattet von Verbot und Zwang. Ehen und ganze Familien leiden unter den Vorgaben der „Familienplanungskommission“ oder werden bei Gehorsamsverweigerung kurzerhand mit dem Bulldozer zertrümmert und plattgewalzt.

Die Entwicklung der Wunschkarriere ist nicht möglich, Menschen, die spuren, werden wie Marionetten in den Bereichen eingesetzt, in denen sie dem System am nützlichsten sind. Dabei sind sie austauschbar wie fabrikgefertigte Passstücke. Am Berliner Bundeskanzleramt prangt derzeit ein berühmtes Einstein-Zitat: „Der Staat ist für die Menschen und nicht die Menschen für den Staat.“ Man hält Luo Lingyuans Buch in der Hand und plötzlich klingt der weise Ausspruch wie weltfremdes Wunschdenken.

Luo Lingyuan lässt keinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens aus: Von der High Society bis zur armen Landbevölkerung schildert sie eine durchweg kranke Gesellschaft, in der die Menschen soweit vom System degeneriert wurden, dass Mütter ihre Kinder zu Tode prügeln und Mafiabosse von Politikern „zum Wohle der Wirtschaft“ freigekauft werden. Hierbei ist vor allem erstaunlich, wie es der Autorin gelingt, die Gewaltspirale immer weiter zu drehen, ohne abgeschmackt zu wirken. Die Brutalität der Szenen erscheint erschreckend normal.

Jenseits des Sozialkitschigen

So gelingt es Luo Lingyuan, mit ihrer einfachen, direkten Sprache die Schicksale der Menschen für sich stehen zu lassen, ohne sich als moralisierende Instanz einzuschalten. Dies wäre ihr bei der schroffen Substanz der Geschichten zum Verhängnis geworden, aber sie lässt jenen sozialkitschigen oder rührigen Tonfall gar nicht erst aufkommen. Dem kommt auch zugute, dass sie nicht in ihrer Muttersprache schreibt, sondern gleich auf Deutsch. Ein Verfahren, welches im Falle eines anderen Berliner Autors, Wladimir Kaminer, für eine gewisse komische Distanziertheit sorgt.

Beim Leser hat diese nüchterne Schilderung der Gewalt hingegen schockierende, lähmende Wirkung. Gerade weil die Geschichten so unprätentiös daherkommen. Bietet die Literatur sonst gerne einen Fluchtweg aus der schnöden Realität an, so fühlt man sich, wenn man das Buch zur Seite legt, im Paradies. Luo Lingyuan, die in China Computerwissenschaften und Journalismus studierte, hat mit ihrer Erzählsammlung ein aufwühlendes, wichtiges Buch veröffentlicht, welches zeigt, dass das Erzählen noch etwas in uns bewegen kann. Dabei ist sie sicher nicht die Erste und wird auch nicht die Letzte sein, die mit der Schilderung des Nichtdarstellbaren voll ins Schwarze trifft, aber es gelingt ihr dafür sehr gut.

Wie man diesen Schock für sich bewerten soll, bleibt die Frage. Soll man sich einfach freuen, dass man trotz Bilderflut der Medien noch nicht vollends gegen Gewalt und menschliches Unglück abgestumpft ist und es dabei belassen? Oder soll man gleich Konsequenzen ziehen und bei einer NGO eintreten? Bei der Autorin findet man keine Antwort: Luo Lingyuan sieht sich nicht als „politische Exilautorin“ und erzählt in einem Bericht der „Berliner Zeitung“, sie wolle „einfach nur Geschichten“ schreiben (was ihr nicht zu verdenken ist). Man bleibt also allein mit seinen schlechten Gefühlen. Und macht den Fernseher an.

Literaturangaben:
LINGYUAN, LUO: Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock! Erzählungen. dtv, München 2005. 219 S., 14,-Euro.

Almut Schmidt schreibt als freie Journalistin für dieses Literatur-Magazin


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