Von Iris Auding
Der Roman „Stein der Geduld“ des Schriftstellers Atiq Rahimi ist keine leichte Lektüre. Der 1962 in Kabul geborene und heute in Frankreich lebende Autor beschreibt in beklemmenden Bildern die Geschichte einer afghanischen Frau. Am Bett ihres schwer verletzten und im Koma liegenden Mannes spricht sie unablässig Gebete, hält Rückschau auf ihr Leben und offenbart ihre innersten Gefühle und Gedanken. Das Buch gleicht einem Kammerspiel: Nur selten verlässt die Ehefrau das karge Zimmer, die Form des Monologs unterstreicht ihre Verzweiflung, Angst und Einsamkeit.
Ständig ist das Leben der Frau und ihrer Töchter, die von der Familie ihres Mannes im Stich gelassen wurden, bedroht. Auf den zerstörten Straßen herrschen Krieg und Terror. Schutzlos ist die Frau, die im Buch namenlos bleibt, sexuellen Übergriffen und Gewalt ausgeliefert. Rahimi thematisiert in seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman nicht nur die Situation der Frauen in Afghanistan, sondern auch die Sinnlosigkeit des Krieges. Diesen großen Fragen nähert er sich mit einer schnörkellosen und einfachen Sprache.
Anfang der 1980er Jahre wurden seine Schriften in seinem Heimatland verboten. Rahimi floh 1984 während des Bürgerkriegs zunächst nach Pakistan, wenig später ging er nach Frankreich. In Kabul hatte Rahimi, der aus einem wohlhabenden Elternhaus stammt, die französische Schule besucht. Der Autor ist afghanischer und inzwischen auch französischer Staatsbürger. In seinem Debütroman „Erde und Asche“ (2001) erzählt er die Geschichte eines Großvaters, der mit seinem Enkel durch das verwüstete Land zieht, um vom Tod aller Verwandten zu berichten. „Stein der Geduld“ ist das erste Buch, das Rahimi auf Französisch verfasst hat.
Der Roman beschreibt auch die sozialen Strukturen Afghanistans, eine Gesellschaft, in der die Männer den Ton angeben. Opfer von Krieg und Gewalt sind vor allem die Unbeteiligten, also Frauen und Kinder. Der Autor schafft eine verstörende und beklemmende Atmosphäre. Am Ende des Monologs erwacht der Ehemann aus seinem Dämmerschlaf und es kommt zu einem dramatischen Ende. Rahimi ist ein eindringlicher und intensiver Roman gelungen, der dem Leser einiges abverlangt.
Literaturangabe:
RAHIMI, ATIQ: Stein der Geduld. Ullstein Verlag, Berlin 2009. 176 S., 18 €.
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