FRANKFURT AM MAIN (BLK) – Jacques Cousteaus und Susan Schiefelbeins „Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus. Mein Leben für die Erforschung und Bewahrung unserer Umwelt“ ist im Campus Verlag erschienen.
Klappentext: Eine ganze Generation von Fernsehzuschauern ist mit Jacques Cousteaus Fernsehserie „Geheimnisse des Meeres“ aufgewachsen. In den letzten Jahren seines Lebens schrieb der Meeresforscher sein persönliches und umweltpolitisches Vermächtnis. Nun wird es – endlich! – erscheinen.
Noch einmal nimmt Cousteau uns mit auf Expeditionen mit der „Calypso“ und auf Tauchgänge in unbekannte Tiefen. Wir erleben mit ihm gefährliche Situationen unter Wasser – die nichts gelten angesichts der Faszination, welche die Schönheit der Natur auf Cousteau ausübt. Doch sein Buch ist auch ein umweltpolitisches Plädoyer: Er kämpfte gegen die Versenkung von Atommüll im Mittelmeer und erreichte, dass die Antarktis zu einer Schutzzone erklärt wurde. Noch Mitte der neunziger Jahre kritisierte er Präsident Chirac für die Atomtests im Südpazifik. Cousteaus Buch ist eine wunderbare Feier des bedrohten Lebens auf der Erde und ein eindringlicher Aufruf zu dessen Rettung, ob im Wasser oder an Land, ob Mensch, Oktopus oder Orchidee.
Jacques Cousteau war einer der größten Forscher des letzten Jahrhunderts. Er brachte die faszinierende Welt der Meere über das Fernsehen in alle Wohnzimmer. Cousteau steht für kompromissloses und mutiges Engagement zum Schutz der Meere und der Umwelt.
Susan Schiefelbein ist Journalistin, Buch- und Fernsehautorin. Ihre Zusammenarbeit mit Cousteau begann in den 1970er-Jahren. (tan/wip)
Leseprobe:
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Das Bild eines Mannes, der so damit beschäftigt war, verschiedene Arten von Korallen zu untersuchen, dass er einem wilden Raubtier keinerlei Beachtung schenkte, stimmte mich nachdenklich. Hatte uns der Forscherdrang zu Verrückten gemacht? Doch wie extrem auch die Beispiele unbeirrbarer Entschlossenheit sein mochten, die wir selbst abgaben, so waren sie doch nichts im Vergleich zu David Lewis, der die Pole umrundet hat. Wir kreuzten mit der Calypso vor der Nordwestspitze der Antarktis im Südpolarmeer und suchten eine sichere Zuflucht vor den rauesten Gewässern der Welt in der Gegend um die Hope Bay. Um vier Uhr morgens weckte mich ein dröhnendes Geräusch. Ich sprang aus meiner Koje und lugte durch ein Bullauge. Eine fremde, fast völlig zerstörte kleine Yacht mit gebrochenem Mast schaukelte im eisigen Wasser und stieß gegen den Rumpf unseres Schiffes. Ich riskierte einen Gang nach draußen. Zu meinem Erstaunen tauchte aus dem Wrack eine äußerst absonderliche Gestalt auf, die einer alten Abenteuergeschichte entsprungen zu sein schien.
Ihr Bart war verfilzt und tropfte, ihr Haar hing bis auf die Schultern herab. Ich spähte durch die Dunkelheit und holte tief Luft. Der Mann war in schlechter Verfassung. Seine Hände waren angeschwollen. Seine Fingernägel waren schwarz. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, und nur mit Mühe gelang es ihm zu sprechen. Wir vertäuten sein Wrack an der Calypso und halfen ihm an Bord. Auf mich gestützt stolperte er in die Messe. Dort setzte ich ihn bequem an den Tisch und stellte ein warmes Essen vor ihn hin. Alle Schiffe in der Gegend – auch die Calypso – waren alarmiert worden, nach einem einzelnen Seefahrer Ausschau zu halten, der seit zwei Monaten vermisst wurde. Ich schickte ein Fax an die NASA und teilte ihnen mit, wir hätten den Mann an Bord. In seinem kleinen Boot mit Namen Ice Bird war Dr. Lewis von Australien aus gestartet. Nach 2 500 Meilen waren sein Schiff gekentert und der Mast aus Aluminium gebrochen. Aus einem kurzen Ersatzbaum hatte er einen provisorischen Mast gebastelt und acht Wochen lang in dem eiskalten Meerwasser überlebt – in derselben nassen Kleidung und mit Schuhen voller Eiswasser.
Sobald er sich ein wenig aufgewärmt hatte, bot ich ihm an, via Satellit eine handgeschriebene Botschaft zu übermitteln, die er seinen beiden zehn und elf Jahre alten Töchtern schicken wollte. Nachdem er den Mädchen versichert hatte, dass es ihm gut gehe und dass er sie liebe, schrieb Dr. Lewis – der gerade einem grauenhaften Martyrium inmitten tobender Wellen und wogender Eisberge lebend entkommen war – über seine Pläne: „Also, das Boot ist ein bisschen kaputt, aber ich komme schon klar.“ Er reparierte die Ice Bird und brach zum Kap der Guten Hoffnung auf.
Oft schüttele ich noch den Kopf über Dr. Lewis’ Entschlossenheit, weiterzusegeln. Gleichzeitig habe ich nie die Fassungslosigkeit der Leute gegenüber meiner eigenen Leidenschaft verstanden, immer tiefer zu tauchen. Die Widrigkeiten, denen wir seit unseren Anfängen begegnet waren – die Krämpfe, die das Atmen von reinem Sauerstoff in mehr als elf Meter Tiefe verursacht; die Gefahr von Embolien und Haiangriffen; der Tod meines Tauchpartners Maurice Fargues, der in über 130 Meter Tiefe an einer Stickstoffnarkose starb – sie behinderten und betrübten uns zwar, bezwangen uns jedoch nicht. Kein Triumph, eine neue Tiefe erreicht zu haben, brachte die Sirenenstimmen aus noch tieferen Tiefen jemals zum Schweigen.
Und so nutzte ich im Jahre 1953 die Gelegenheit. Während ich als technischer Berater an einer Testreihe beteiligt war, die die französische Marine mit ihrem FNRS-3, dem „Tiefboot“, durchführte, tauchte ich in ein Reich hinab, das dem Aqualungentaucher verschlossen war. Als ich in das Bathyscaph kletterte, zeigte dessen Kommandant, Korvettenkapitän Georges S. Houot, auf die entfernten Gipfel des Mt. Coudon, der sich mit seiner Höhe von mehr als 700 Metern majestätisch über dem Hafen von Toulon erhob. Wir würden, so sagte er, mehr als doppelt so tief ins Meer hinuntertauchen, wie sich die Spitze des Berges dem Himmel entgegenreckte. Ich nahm in dem Gerät Platz und sah aus dem Bullauge, wo wir einen von Doc Edgertons elektronischen Blitzapparaten angebracht hatten. Falls er dem Druck in solcher Tiefe nicht gewachsen sein würde und implodierte, könnte er unsere Hülle aufsprengen, und das 1 500 Meter unter Wasser. Als das Schiff jedoch den Meeresspiegel durchbrach und in die Dunkelheit hinabsank, verblassten alle tödlichen Möglichkeiten vor der verwirrenden Wirklichkeit. Hier, bei 120 Metern: Milliarden kleinster Organismen, aus denen die geheimnisvolle Tiefenstreuschicht besteht, die Doc Edgerton so oft für uns fotografiert hatte. Dort, bei 300 Metern: bizarre Fische mit vorstehenden, zwiebelförmigen Augen und Kalmare, die die ewige Dunkelheit der Tiefsee mit Wolken leuchtender Tinte erhellten.
Die Sirene, die mich gerufen hatte, enttäuschte mich zwar nicht, aber sie entließ mich auch nicht aus ihrem Bann. Meine Augen konnten sich nicht sattsehen, sie verlangten nach mehr. Und so hinkte ich am 24. Juli 1954, ungeachtet des Gipsverbandes an meinem gebrochenen Fuß – hätte Dr. Lewis, der entschlossene Antarktisfahrer, gelacht? –, erneut in ein Bathyscaph. Das Spektakel ging weiter. Etwas, das wie unirdischer Schnee aussah, fiel nach oben – Kleinstlebewesen, im Wasser hängend, ihr scheinbarer Aufstieg eine Illusion, erzeugt durch unser Abwärtssinken. Endlich, am Rande unseres Scheinwerferlichts kaum wahrnehmbar, machte ich ein formloses, schlammfarbenes Gebilde aus. War das schon der Meeresboden? Ich bat Houot, die Geschwindigkeit zu drosseln, um aufzusetzen. Unsere baumelnde Steuerkette versank im Schlamm, und was ich durch das Bullauge sah, ließ mich staunen. Wir hatten geankert, aber nicht auf dem Meeresboden, sondern auf einem instabilen Riff aus rutschendem Schlamm, das sich aus dem senkrecht abfallenden Kontinentalhang hervorwölbte. Obwohl unser Tiefenmesser anzeigte, dass wir tatsächlich bis auf 1 640 Meter gesunken waren, fiel der Hang weiter und stürzte in eine noch tiefere Schlucht unter uns.
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Literaturangaben:
COUSTEAU, JACQUES / SCHIEFELBEIN, SUSAN: Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus. Mein Leben für die Erforschung und Bewahrung unserer Umwelt. Übersetzt aus dem Englischen von Katrin Harlaß. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2008. 371 S., 24,90 €.
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