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Debütroman

Julia Zange schreibt über Kindfrauen und Realitätsflucht

© Die Berliner Literaturkritik, 08.02.10

BERLIN (BLK) – Der Roman „Anstalt der besseren Mädchen“ von den Jungautorin Julia Zange ist am 25.01.2010 im Suhrkamp Verlag erschienen.

Klappentext: Loretta ist Mitte Zwanzig und kein bißchen erwachsen. Sie lebt in ihrer eigenen Blasenwelt aus Mode und Lifestyle. Nachts treibt sie sich in Künstlerkreisen herum, tagsüber bekommt sie ohne die To-do-Zettel ihres Freundes nichts geregelt. Loretta wird schwanger und bringt ein selten hübsches Kind zur Welt. Völlig überfordert mit der Situation, haut sie eines Tages mit ihrer Tochter ab und landet in einem abgelegenen Hof: einem vom Arbeitsamt finanzierten, püppchenhaft-utopischen Mädchencamp mit eigenen Regeln. Tappt Loretta in die nächste liebliche Falle?

Julia Zange, 1983 in Darmstadt geboren, ist eine deutsche Autorin. 2005 gewann sie den Prosanova-Literaturwettbewerb, 2006 den renommierten „open mike“ der Berliner Literaturwerkstatt. „Die Anstalt der besseren Mädchen“ ist ihr erster Roman. Julia Zange studiert und lebt in Berlin. (wer)

Leseprobe:

                                                          ©Suhrkamp Verlag©

Das Doppelkindchen tritt nur äußerst selten in dieser Welt zutage. Wenn nämlich die Mutter ein absolutes Kind im Gesicht und im Geist ist, so passiert bei der passenden Paarung die Zeugung eines Babys, dessen äußeres und inneres ideales kindliches Wesen nochmals potenziert wird. (Das Wortbild »Doppelkindchen« ist also eigentlich falsch, aber der Begriff hat sich aufgrund seiner Griffigkeit in die wissenschaftliche Praxis eingeschlichen, obwohl es sich vielmehr um eine Potenz handelt.) Die Kindermütter bringen meistens Mädchen zur Welt, Knaben sind unwahrscheinlich. Doktor O. sagt, es hänge mit dem stärkeren Maiglöckchengeruch der Eizellen zusammen. Diese Mädchen sind die potentiellen Verführerinnen, werden oft nicht älter als 25 Jahre, weil sie an Selbstverführung zugrunde gehen.

Mein junger Bauch

Malte und Loretta sitzen im Regionalzug Richtung W. Diesen Sommer ist die Natur für die hessischen Mittelgebirge ungewöhnlich grün und verwildert. Aufdringlich wölben sich die Weiden über den Fluss, der sich tiefbraun durch die zerschnittenen Wiesen trägt. Er hatte noch nie diese Farbe, sonst war er grau oder grün. „Sieht aus wie der Nil“, meint Malte. „Passt nicht mehr zu deinen Augen. Dabei ist es der Fluss deiner Heimat.“ Rousseaus Bilder werden doch noch Wirklichkeit. Wenn man die Natur heute als eine mit wohlriechendem Desinfektionsmittel, in Fachzeitschriften stöbern nach den neuesten sauberen Lösungen.

Sie fragt Malte aus dem Katalog ab: „Müssen mit MRSA kolonisierte Bewohner eines Altenheims antiseptisch saniert werden? Ha.“ Sie dreht in seinen Locken, wie sie es bei Mama immer gemacht hat, mit dem Zeigefinger eine Strähne umschlingen und sie immer wieder wegspringen lassen, bis die Locke nicht mehr zerfedert aussieht, sondern ganz glatt gespannt. Und sie schweigt, schiebt ihren Arm unbemerkt über die Buchseiten in sein Sichtfeld und zeigt stumm auf verschiedene Male und Flecken.

„Ist nichts Lebensgefährliches. Lass das, Loretta.“ Sie wühlt in den Reisetaschen herum, um etwas Unordnung zu stiften, sie schmeißt Maltes Seidenschal über die Vorderlehne, um etwas zu finden.

Sie hat Löcher in den Ohrläppchen, findet sie, als ihre Finger von den Lymphknoten zu den Ohrläppchen gleiten. Malte wollte, dass sie Ohrringe trägt. Jetzt ist das Ohr zerstört. Lore legt ihren Kopf an seinen Brustkorb und hört ein Summen. Sie fragt sich, ob Malte immer anfängt zu summen, sobald sie den Kopf dort hinlegt, oder ob es ständig leise vorhanden ist. Es ist nicht zu überprüfen. Malte sitzt aufrecht da, sie ist wie eine flirrende Unruhe um ihn herum.

„Was ist los, Loretta?“ Malte drückt, ohne sie anzusehen, seine feinen Hände gegen ihren Bauch nach hinten in den Sitz. Am Bahnhof von W. werden sie von den Eltern abgeholt, Malte von seinen, Lore von ihren. Sie verschwinden schnell in den Wagen und werden nach Hause gebracht. Lore umrundet mehrmals das Haus auf der Suche nach Bekanntem und Veränderung. Die Katze folgt ihr, verbleibt hinter jeder Ecke, um sie angreifen zu können. Die Himbeeren hätten schon vor Wochen geerntet werden müssen. Die Gemüsebeete sind mit Unkraut überwachsen. Papa steht bei den Brombeerranken, und Lore ist auf einmal, als würde dieses Bild zweidimensional werden, nur noch eine Folie vor ihrem Auge. Ihr Vater sagt etwas, aber die Folie ist ohne Ton. Lore ruft Malte an: „Wir müssen wieder fahren. Es ist nicht so, wie ich es mir. Die Mutter ist extrem schön und trägt Brillanten. „Abends tue ich sie immer in die Rohre der Lederschwinger. Einfach die Plastikkappe vom Stahlrohr abziehen. Daran denken die Einbrecher nicht. Mein Mann weiß es nicht, und wenn jemand abends die Stühle verschiebt, klirrt es wie Eiswürfel aneinander.“ Sie streichelt Maltes Rücken. Der Hund rollt vorbei Richtung Pavillon. Der Hund von Maltes Familie hat einen Hüftschaden. Es ist ein alter Cockerspaniel mit zu kurzen Beinen, der seit Jahren eine Prothese um das Hinterteil geschnallt hat mit zwei Rädern dran, die unnützen Beine werden an der Apparatur festgegurtet. Maltes Mama tut das jeden Morgen.

Lore hätte auch gerne einen Cocker, wie Flush von Virginia Woolf, aber Malte sagt, aus moralischen Gründen könne er sich keinen gesunden, jungen Cocker ins Haus holen, solange er weiß, dass der Hund zu Hause nicht laufen kann. Lore träumt von einem Leben mit Flush in einem großen englischen Haus. Maltes Mutter riecht nach Iris Nobile und drückt ihr ein kleines Paket in die Hand. In dem schwarzen, harten Samt liegt ein Ring mit einer goldenen gothischen Kathedrale aufgesetzt. Lore bedankt sich höflich. Sie dürfen aufstehen und gehen hoch in Maltes Zimmer, feuchter Hund in der Luft, wo sie sich sofort ausziehen und ohne Scham anfassen im Tageslicht. Malte dringt aggressiv von hinten in sie ein, weil sie nicht genug Freude am Geschenk gezeigt hat. Das Kästchen wackelt weich zwischen der Bettwäsche. Lore wird es erst einmal weglegen. Sie nehmen den nächsten Zug zurück nach B.

                                                          ©Suhrkamp Verlag©

Literaturverzeichnis:

ZANGE, JULIA: Die Anstalt der besseren Mädchen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 160 S., 7,50 €.

Weblink:

Suhrkamp Verlag


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