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Der Buddenbrooks-Effekt und andere Krisen

Michael Schäfers Studie „Familienunternehmen und Unternehmerfamilien“

© Die Berliner Literaturkritik, 10.03.08

 

In Thomas Manns Roman „Die Buddenbrooks“ geht es unaufhörlich bergab. Selbst die Spazierwege, auf denen die Familie Buddenbrook wandelt, sind abschüssig angelegt. Auf Schritt und Tritt begegnen dem Leser Zeichen des Verfalls und Abstiegs einer Familie, die Vermögen und Ansehen ihrem Unternehmen verdankt: Die Generationenfolge der Buddenbrooks degeneriert vom selbstbewussten und kreativen Gründer in der ersten Generation über den schon etwas fantasielosen und religiösen Adepten und Bewahrer in der zweiten Generation bis hin zu den lebensunfähigen und eher künstlerisch begabten Kindern der dritten Generation, die vom Erbe nur zehren und es damit in seiner Substanz aufbrauchen.

Der Roman von Thomas Mann legt die Krise der Familie als ein Gesetz der Serie nahe. Die Wissenschaft hat diese Entwicklung als Versuchsanordnung begriffen. Es ist vom „Buddenbrooks-Effekt“ die Rede, um eine spezifische Instabilität von Familienunternehmen zu unterstellen.

Tatsächlich liegt der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Diskussion über Familienunternehmen auf der Unternehmensnachfolge. Die Übergabe des Staffelstabes ist zwar für jedes Unternehmen kritisch, aber bei Familienunternehmen beargwöhnt man die ineffiziente Nachfolge von fähigen und willigen Führungskräften aus nur einer Familie – und damit außerhalb des Marktes. Das wirtschaftliche Überleben von Familienunternehmen ist zudem über die Kapitalbeschaffung gefährdet, denn eine Familie kann das für bestimmte Branchen sehr hohe Investitionskapital nur bedingt aufbringen und halten. Somit galten Familienunternehmen in der historischen Forschung oft als Relikte der Industrialisierung, die sich über kurz oder lang in effizientere Gesellschaftsformen wie der Aktiengesellschaft auflösen würden. Diesen Einschätzungen steht allerdings die Tatsache gegenüber, dass sich traditionsbewusste Familienunternehmen bis heute am Markt halten und dabei ausgesprochen erfolgreich agieren. Wie ist das zu erklären?

Michael Schäfer hat mit seiner Dissertation über Familienunternehmen und Unternehmerfamilien. Zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der sächsischen Unternehmer 1859 bis 1940 eine umfassende Bestandsaufnahme sowohl von Legenden als auch nachweisbaren Befunden um historische Familienunternehmen vorgelegt. Es ist erklärtes Ziel seiner Studie mit einigen Mythen aufzuräumen und für die historische Forschung ein neues Themenfeld zu eröffnen.

Die Arbeit ist thematisch aufgebaut. Neben einer Einführung in die skizzierte Forschungsdiskussion und einer Einführung in die Geschichte der Unternehmenslandschaft Sachsens beschäftigt sich Schäfer im zweiten Kapitel mit den Unternehmensgründern und der Entwicklung ihrer Unternehmen vom Gründer- zum Familienunternehmen. Im dritten Kapitel beschreibt er die sehr unterschiedlichen und variablen Weitergabeprozesse innerhalb der Familien und befasst sich schließlich in Kapitel vier mit den Wechselbeziehungen und möglichen Konflikten zwischen den Ansprüchen der Familien an ihr Unternehmen und den Ansprüchen unternehmerischer Nutzenkalküle.

Genau diese Spannung zwischen Familiensinn und Unternehmerratio macht Schäfer zu seinem vorrangigen Gegenstand. Deren wechselseitige Bezugnahme ist für ihn auch der Ausgangspunkt, was ein Familienunternehmen ist und anderen Unternehmensformen voraus hat: die sinnstiftende und zeitübergreifende Gemeinschaft ihrer Mitglieder. Diese befassen sich intensiver und lernen spezifischer mit „ihrem“ Unternehmen. Zudem verbindet sich mit Familienunternehmen ein hohes soziales Kapital, das in Krisenzeiten dann mobilisiert werden kann, wenn familienfremde Manager schon hätten aufgeben müssen. Schäfer will zeigen, ob und inwiefern die Familie ein Handicap für ein Unternehmen darstellt, wie sie mit den möglichen Einschränkungen umgegangen ist, und welche Vorteile sich daraus wiederum abgeleitet haben könnten.

Grundsätzlich zeigt seine Studie, dass die genannten Nachteile zwar nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, sich allerdings unter spezifischen Bedingungen auch als Standortvorteil erweisen konnten. Nicht zuletzt – und das ist eine wesentliche Erkenntnis aus dem Buch – wissen die Unternehmer sehr genau um die problematischen Interessensgegensätze und versuchen, die Risiken möglichst schon im Voraus anhand von Verträgen bzw. detaillierten Nachfolgeregelungen zu minimieren.

Wie Michael Schäfer anhand von Beispielen diese Strategien auswertet, ihre Argumentationen diskutiert und mögliche Alternativen vorhält, ist ungemein überzeugend. Die Legenden werden so auf ihren Gehalt abgeklopft, einige bestätigt, andere zurückgewiesen.

Allerdings hat Schäfer, um seine Thesen zu untermauern, eine Datenbasis mit Einschränkungen anzubieten. Er entwickelt seine im Anspruch qualitativ und quantitativ angelegte Analyse aus einem Personensample von 630 Unternehmern bzw. Managern sowie aus einem Unternehmenssample aus knapp 400 Unternehmen aus der Region Sachsen zwischen 1850 und 1940. Die Eingrenzung auf die Industrieregion Sachsen ist aufgrund ihrer spezialisierten und hoch entwickelten Industriezweige sinnvoll und lässt sich schon aus forschungspraktischer Perspektive nachvollziehen. Die Kriterien allerdings, warum ein Unternehmen in das Sample aufgenommen wurde, hätten erklärt werden sollen.

Diese Einschränkung ist jedoch weniger gravierend als die Tatsache, dass Schäfer seine Informationen über Personen und ihre Tätigkeit sowie über die Eigentumsverhältnisse systematisch aus Festschriften erarbeitet hat. Festschriften sind nun aber die am wenigsten vertrauenswürdige Quelle in Unternehmensgeschichten, da sie zumeist in der – gänzlich unverschleierten – Absicht entstehen, das Unternehmen, seine Leistung und die Personen in ihm zu überhöhen. Die qualitative Untersuchung steht damit unter einem erheblichen Vorbehalt, den Schäfer mit einer gründlicheren Quellenkritik hätte leicht ausräumen können.

Einige Beispiele, die er anbringt, um seine Thesen zu untermauern, scheinen somit tatsächlich aus dem Bereich der Fiktion zu entstammen: Selbstverständlich hat der Gründer des Unternehmens immer alles „von unten“ und „aus eigener Kraft“ aufgebaut – die mitarbeitende Familie im Hintergrund wird nur sehr selten gewürdigt, war aber in den ersten Jahren nach der Gründung überlebenswichtig.

Ein weiteres Beispiel: Schäfer kommt zu der interessanten Erkenntnis, dass in dem Moment, in dem der Seniorchef der Familie ausfiel (Tod, Krankheit) und keine geeigneten Nachfolger (keine Kinder, Kinder zu jung, Kinder nicht willig oder nur weiblich) zur Verfügung standen, sehr häufig die Ehefrauen/Witwen als Nachfolgerinnen eingesetzt wurden. Diese fungierten dann allerdings nur als Platzhalterinnen, bis die „Kontinuität im Mannesstamm“ wieder gesichert werden konnte – laut Festschriften und Vertragswerken. Im selben Kapitel allerdings beschreibt der Autor einige Karrieren dieser Frauen so beeindruckend und ausführlich, dass sich dem Leser ebenso gut eine erfolgreiche Karriere als Managerin zur Interpretation aufgedrängt hätte.

Die beschriebenen Einschränkungen sind ärgerlich, denn gezielte Hinweise auf die Leerstellen, eine ausführlichere Diskussion der Schwierigkeiten mit der Quellenrecherche insgesamt, hätten mit großem Verständnis rechnen können. Tatsächlich sind für Historiker/innen gesicherte Dokumente über die Vorgänge hinter den Kulissen, die Konfliktkonstellationen oder interne Absprachen nur selten ungefiltert zu finden. Die Nähe zu den Romantopoi ist zwar auch aus diesem Grunde nicht zufällig, sie erfordert aber sorgfältigere Abgrenzung.

Von Ulrike Schulz

Literaturangaben:
SCHÄFER, MICHAEL: Familienunternehmen und Unternehmerfamilien. Zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der sächsischen Unternehmer 1859 bis 1940. C.H. Beck, München 2007. 261 S., 39,90 €.

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