Der „Familienbulle“: Botschaften aus dem Innenleben der RAF

Der Insiderbericht von BKA-Sonderermittler Alfred Klaus

© Die Berliner Literaturkritik, 30.10.08

 

Von Wolfgang Janisch

In der Rückschau hat Geschichte oft etwas Zwangsläufiges. So auch die Entwicklung der „Roten Armee Fraktion“ (RAF): Der Tod von Benno Ohnesorg, die Baader-Befreiung, Stammheim, der „Deutsche Herbst“ – fast scheint es, als musste alles so kommen. Gegen diese Wahrnehmung hilft die Lektüre eines Insiderberichts: Alfred Klaus, jahrelang Sonderermittler des Bundeskriminalamts (BKA) gegen die RAF, zeigt, dass manches vielleicht hätte abgewendet werden können – hätten die maßgeblichen Stellen die Botschaften aus dem Innenleben des Terrors zu lesen verstanden.

1972 hatte es zunächst so ausgesehen, als wäre das Schlimmste vorbei, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Jan-Carl Raspe – der Kern der RAF saß im Gefängnis. Doch schon Ende des Jahres werden die Ermittler hellhörig: Ihnen fällt ein Rundschreiben eines RAF-Anwalts in die Hände, wonach die Anwälte „Kontakt mit linken Gruppen“ aufnehmen wollen, „um diese über die Situation der politischen Gefangenen besser zu informieren und Anstöße zu Aktivitäten zu geben“.

Es folgt der Aufbau eines höchst effizienten Info-Systems. Über ihre Anwälte schicken die Gefangenen „Kassiber“ nach draußen und formulieren in den Kassibern Sätze von großer Eindeutigkeit: „Freiheit beraubt heißt nicht Kampf aufgehört“, notiert Gudrun Ensslin. „Ist nur 'ne andere Form von an die Gewehre.“

Und die Anweisungen aus dem Gefängnis werden konkreter. Zwei Aktionen waren im Gespräch: „geiselnahme zur gefangenen befreiung“, heißt es in einem der Kassiber. Das Ziel sind „typen, (...) auf deren loyalität die regierung angewiesen ist“ – etwa Richter. Und zweitens: Anschläge, „angreifen: soweit oben wie möglich“. Zum Beispiel „baw“.

Alfred Klaus, dem Meinhof wegen seiner Besuche bei RAF-Angehörigen den Spitznamen „Familienbulle“ verpasst hatte, macht sich an die Auswertung. Er schreibt Bericht um Bericht über das florierende Info-System. Doch die Bundesanwaltschaft – unter dem Kürzel „baw“ selbst im Visier der Terroristen – vermag das Treiben der Anwälte nicht zu unterbinden: Die Bundesanwälte hätten auch den leisesten Anschein von Eingriffen in die Verteidigerrechte vermeiden wollen, vermutet Klaus.

Zwar erleichtert der Gesetzgeber Ende 1974 den Ausschluss von Verteidigern aus dem Prozess. Doch der Kommunikationsapparat funktioniert weiter – gut genug, um vom Gefängnis aus den bis heute nachhallenden Mythos von der Isolationsfolter zu schmieden. Dabei genossen die Terrorführer im 7. Stock von Stammheim Privilegien, von denen der normale Untersuchungshäftling zur träumen konnte: Nicht nur Radio, gemeinsame Unterbringung von Männern und Frauen und stundenlanger „Umschluss“ gehörten dazu, sondern auch der Bezug einschlägiger Literatur. Zum Beispiel „Der bewaffnete Aufstand“, „Deutsches Waffenjournal“ und „Lehrmeister des Kleinen Krieges“.

Alfred Klaus, der im Frühjahr 88-jährig gestorben ist, war den führenden Figuren der ersten RAF-Generation so nah wie kaum jemand sonst. Aufgrund vieler Gespräche versuchte er, was damals viele Ermittler empört ablehnten: sich in ihre Gedankengänge einzufühlen, um ihre Handlungen vorherzusehen.

Als die Schleyer-Entführung immer deutlicher auf ein Desaster hinsteuerte, machte Klaus einen unkonventionellen Vorschlag. Die Gefangenen sollten in die Verhandlungen einbezogen werden und die Entführer zur Aufgabe bewegen. Denn dem Ermittler war klar geworden, dass die Häftlinge zum ultimativen Schritt – zum Suizid – bereit waren, was Schleyers Todesurteil wäre. Würden sie – mit dem Rücken zur Wand – nach dem Strohhalm greifen? Doch das psychologisch durchdachte Konzept des „Familienbullen“ wurde abgelehnt: Der Staat blieb hart. Hanns-Martin Schleyer musste sterben.

Literaturangaben:
KLAUS, ALFRED (mit Gabriele Droste): Sie nannten mich Familienbulle. Meine Jahre als Sonderermittler gegen die RAF. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008. 301 S., 19,95 €.

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