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Der Gültigkeitsverlust der alten Identität

Andrea Bocconis Buch „Reisen und bleiben“

© Die Berliner Literaturkritik, 31.03.09

 

ZÜRICH (BLK) – Im Februar 2007 ist im Dörlemann-Verlag das Buch „Reisen und bleiben“ von Andrea Bocconi erschienen.

Klappentext: REISEN – Neue Gerüche, neue Geschmäcker, andere Spielregeln. Niemand kennt uns, niemand verbindet unser Gesicht mit einem Namen. Unsere alte Identität hat keine Gültigkeit mehr. Wir werden mit neuen Augen gesehen und betrachtet, und wir sehen und betrachten selbst mit neuen Augen. Wir fühlen uns freier, lebendiger, unsere Sinne erwachen, unsere Vorurteile werden abgebaut. Doch das ständige Weggehen lässt sich auch als Wiederholungszwang entlarven, der mit Freiheit nichts zu tun hat, als eine Flucht vor uns selbst. UND BLEIBEN – Der eine geht auf Reisen, doch eingesponnen in seinen eigenen Kokon bewegt er sich nicht von der Stelle. Der andere bewegt sich und legt lange Wege zurück, ohne je sein Zimmer zu verlassen. Ist es am Ende unerheblich, ob man reist oder bleibt?

Andrea Bocconi wurde 1950 in Lucca geboren und lebt heute als Psychotherapeut in Arezzo. Er hat verschiedene Texte zum Theater verfasst, den Roman „Il monaco di vetro“ (Der Mönch aus Glas, nominiert für den Montblanc-Preis) und, zusammen mit Patrizia Lacerna, den Essay „Il matto e il mondo“ (Der Verrückte und die Welt). „Reisen und bleiben“ wurde für den Albatros-Preis für Reiseliteratur nominiert. (mon/dan)

 

Leseprobe:

©Literaturverlag Dörlemann©

 

Caminante no hay camino,

el camino se hace al andar.

Wanderer, da ist kein Weg,

Ein Weg entsteht, wenn man geht.

Antonio Machado

 

„Nur woanders geht es uns gut“, hat mal jemand gesagt – ein Programm, ein Glaubensbekenntnis oder eine Mißfallensäußerung. Schon immer haben die unruhigeren Geister unter uns das Reisen als eine Zeit im Leben betrachtet, in der das Pendel stärker ausschlägt. Das Unerwartete, das Sichverlieren im Augenblick hat zur Folge, dass wir uns lebendiger fühlen, unsere Sinne erwachen, und unsere Vorurteile werden abgebaut.

Das Gefühl des Fremdseins verhindert, dass wir die Welt in Schubladen zwingen wollen. Im neunzehnten Jahrhundert war die Grand Tour durch Europa für junge Männer aus gutem Hause eine der wichtigsten Stationen auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Man trifft auf neue Gerüche, auf neue Geschmäcker, die Spielregeln sind andere. Wir müssen unendlich viel lernen, nichts ist mehr wie erwartet, nicht einmal eine Fahrt im Autobus oder eine Bestellung im Restaurant.

Niemand kennt uns, niemand verbindet unser Gesicht mit einer Geschichte, mit einem Namen. Unsere alte Identität hat keine Gültigkeit, wir werden mit neuen Augen gesehen und betrachtet, wir sehen und betrachten selbst mit neuen Augen.

Manchmal ergibt sich daraus die Möglichkeit, unser wahres, tieferes Ich zu finden, fern von Selbstbetrug und Konventionen.

Oder aber wir probieren neue Formen des Selbstbetrugs aus, andere Masken, und wir nutzen die Freiheit, unabhängig von Karneval oder Fasching alternative Lebensformen zu ergründen.

Gewiss, die größten Philosophen haben uns die Grenzen des Reisens aufgezeigt, haben das ständige Weggehen als Wiederholungszwang entlarvt, als eine innere Notwendigkeit, die mit Freiheit nichts zu tun hat.

Lao-tse sagt im Tao-te-kin:

Nicht aus dem Tore gehend,

Erkennt man die Welt,

Nicht aus dem Fenster spähend,

Erschaut man des Himmels Aufführung.

Je weiter einer schweift,

Um so geringer wird sein Erkennen.

Darum der Berufene:

Nicht hingehend erkennt er doch,

Nicht hinsehend benennt er doch,

Nicht handelnd vollendet er doch.

Da ist etwas Wahres dran, und so will auch das vorliegende Buch – auf seine Art eine Reise innerhalb einer Reise – diese Betrachtungsweise berücksichtigen.

Ansonsten ist klar: Der eine geht auf Reisen und bewegt sich nicht von der Stelle, weil er so sehr in seinen Kokon aus Vorurteilen eingesponnen ist. Der andere bewegt sich und legt lange Wege zurück, ohne dass er überhaupt verreisen muss. Der eine bewegt sich und geht auf Reisen, der andere bewegt sich nicht und geht nicht auf Reisen.

Vielleicht ist es auch gar nicht der Punkt, ob man zu Hause bleibt oder weggeht, dennoch will ich es lieber gleich sagen: Mein Herz schlägt auf Seiten des Reisenden; ich bin weder so weise noch so krank, mich nur dort wohl zu fühlen, wo ich geboren wurde oder wo ich lebe.

Diese Worte schreibe ich übrigens beim Anblick einer exotischen Lagune nieder, jener von Bandaneira, die sich auf den so genannten Gewürzinseln, den Molukken, befindet. Jene Inseln, die Kolumbus suchte, um an die Quellen der wertvollen Muskatnuss zu gelangen, die von arabischen Händlern für teures Geld nach Europa geschafft wurde.

Kolumbus hat sich verfahren und, wie wir wissen, am Ende Amerika „entdeckt“. Ein Schicksal, das Reisenden meines Wissens häufiger widerfährt: Man sucht das eine und findet das andere. Ist das gut? Oder schlecht?

©Literaturverlag Dörlemann©

Literaturangaben:
BOCCONI, ANDREA: Reisen und bleiben. Übersetzt aus dem Italienischen von Susanne van Volxem. Dörlemann Verlag, Zürich 2007. 240 S., 19,80 €.

Verlag


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