Stefan George - „Hohepriester“ der deutschen Dichtung?

Thomas Karlaufs Stefan-George-Biografie

Von: KLAUS HAMMER - © Die Berliner Literaturkritik, 30.06.09

Stefan George stellte ab 1927 die Gesamtausgabe seiner Werke in einer auch typografisch-buchtechnisch „endgültigen Fassung“ in eine nicht gerade lyrikempfängliche Zeit hinein – ein seinem selbstherrlichen Wesen gemäßer Akt bewusster Provokation. Sein Werk sollte beweisen, dass es daneben und danach keine Lyrik mehr geben kann. Schon früh hatte das Denken in Zyklen den Willen Georges zum Gesamtwerk, zum Werk als gegliedertem Ganzen, erkennen lassen. Jetzt aber war er schon als Lyriker so gut wie verstummt. Doch seine Wirkung – auch durch den auf Gedeih und Verderb auf ihn eingeschworenen George-Kreis – war noch nicht geschwunden. Nachdem seine damals wichtigsten Bindungen mit Friedrich Gundolf und Max Kommerell zerbrochen waren, zog sich George in sein schweizerisches Refugium in der Nähe von Locarno zurück. Auf das Drängen der Nationalsozialisten, sich zu ihrer Sache zu bekennen, reagierte George mit konsequentem Schweigen. Die Ideen Georges waren auch viel zu elitär, um mit den Zielen der NS-Gewaltpolitik in Einklang gebracht zu werden.

Kein Universitäts-Germanist, sondern ein freier Autor hat jetzt eine Biografie über Stefan George und seinen „Kreis“ geschrieben, die sich sofort als Standardwerk ausweist. Sie folgt wissenschaftlichen Prinzipien, hat gründlich die George-Forschung ausgewertet und ist doch zugleich eine aufregende Lektüre. Ein „Lehrstück über den folgenschweren Irrweg der literarischen Intelligenz in Deutschland“, so hat ein Kritiker, Friedmar Apel, diese Biografie treffend bezeichnet. Thomas Karlauf, der zehn Jahre für die George - Zeitschrift „Castrum Peregrini“ in Amsterdam, dann als Lektor bei Siedler und Rowohlt gearbeitet hat, untersucht Leben und Werk, die Gefolgschaft des „Meisters“ und die Zeitumstände, die sie hervorbrachten, in einer wohltuenden historischen Distanz, souverän, objektiv, genau, fast emotionslos – jede Spur einer George-Begeisterung fehlt -, so dass der Leser hier ein Material vorgelegt bekommt, das zu überzeugen weiß und dennoch Spielraum für eigene Überlegungen – auch gegenteilige Auffassungen – lässt.

Die Biografie Georges, die Karlauf in die Abschnitte „Der Aufstieg 1868-1898“, „Die Sendung 1899-1914“ und „Der Rückzug 1918-1933“ unterteilt, macht deutlich: Bei George - wie übrigens auch bei Rilke - ist die Lyrik das Resultat einer außerordentlichen Willensleistung. Dieser Wille, die „Tat“, zielt auf das Gedicht als vollkommenes Kunstgebilde, war aber nur durchsetzbar, wenn die gesamte private Existenz rücksichtslos in den Vollzug dieses Willens gestellt wurde. Die private Existenz geht restlos in eine rein dichterische Seinsweise von höchster, fast außermenschlicher Intensität auf. Die Gründung der „Blätter für die Kunst“ im Jahre 1892, gemeinsam mit dem ergebenen Jugendfreund Carl August Klein, die Bindung ehrgeiziger junger Lyriker an dieses Organ, der bewusst ins unauffällig Private zurückstilisierte Vertrieb des Blattes, der gerade dadurch von eminenter öffentlicher Wirkung war, die allmähliche Verfestigung der freien Mitarbeiterschaft in einen auf die Zentralgestalt George eingeschworenen „Kreis“, der sich in jedem Lebensabschnitt Georges wieder aus anderen Personen zusammensetzt, die Institutionalisierung der Freundschaften in einen „Bund“ von Gleichgesinnten – all das spricht für Georges strategische, (selbst)inszenatorische Begabung.

Es war Karl Wolfskehl, die überragende Persönlichkeit unter den Freunden der frühen Jahre, der das Bild des Dichters um das des Priesters – „Priester vom Geiste“ – erweiterte, der George zu einem Wesen ohne Biografie, zum Schöpfer seiner selbst, zur Kunstfigur erklärte. So nahm jene „Theologisierung der Dichtung“ ihren Anfang, die dann 1904 in der „Apotheosis Maximini“ gipfelte. Wolfskehl ernannte George sogar zum „Führer des Neuen Menschen“. Weit über die wilhelminische Zeit hinaus, bis in die 20er und 30er Jahre hinein, obwohl er als Lyriker schon so gut wie verstummt war, reichte Georges Wirkung, nun direkt ins Politische zielend. Dass sein „diffuser Wille zur Tat“ der nachfolgenden Hitler - Begeisterung den Weg geebnet hat, ist die eine Seite. Andererseits kann das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, durch Georges späten Lieblingsjünger Claus Schenk Graf von Stauffenberg verübt, als der Kulminationspunkt der Wirkung dieses großen Einzelnen bezeichnet werden.

Der junge George versagte sich den Einstieg in die Literatur im gesicherten Bezirk von Angebot und Nachfrage. Er zielte von Anfang an auf ästhetische Innovation. Nur durch den Willen, dem die Bewunderer Georges eine geradezu heilsgeschichtliche Dimension zusprachen, konnte dieses „Wunder“ vollbracht werden. Denn Georges früheste lyrische Versuche sind trocken, spröde, unbeholfen und verraten eine fast erschreckende Fremdheit der Sprache gegenüber. Von Begabung, wie sie gleichzeitig der junge Hofmannsthal besaß, konnte da nicht die Rede sein. Die Angst vor allem Geschlechtlichen in Verbindung mit destruktiven Gewalt- und Todesfantasien, so stellt Karlauf fest, ist das Motiv der Jugendgedichte zwischen 1886 und 1889.

Am reinsten hat dann der frühe George sein Kunstideal im Zyklus „Algabal“ (1892) verwirklicht, in dem die Gestalt des dekadenten römischen Kaisers Heliogabal gleichzeitig einem Schönheits- und Todeskult huldigt. Nicht liebliche Natur erzeugt hier Schönheit, sondern die leblosen, vom Künstler arrangierten Gegenstände, in denen alles Natürliche erstorben ist. Dieser artifizielle Bereich, von Algabal selbst erschaffen, wird nun als „heiligtum“ verehrt, abgeschirmt gegen das äußere Leben. Krönung und Ziel dieser Kunst ist die Erzeugung der „schwarzen blume“. In dieser Welt gelten ethische Werte nichts, der Isolation der Kunst, dem Kult der Schönheit und des Todes wird das Wort gesprochen. Diese Kunstreligion lässt sich mit dem „L’art pour l’art“-Prinzip der französischen Symbolisten vergleichen. George übernimmt von ihnen die konsequente Verwirklichung eines Synästhetismus: Das Dichtwerk zeigt Entsprechungen innerhalb der verschiedenen Bereiche der Sinnenwelt und verknüpft verschiedenartige Empfindungen. Dadurch unterscheidet sich George deutlich von der um Eindeutigkeit des Sinns bemühten traditionellen Lyrik und nähert sich der für die moderne Lyrik typischen Chiffrensprache.

Man mag bedauern, dass Karlauf die Texte Georges nur als biografische Belege nimmt und sie nicht einer ausführlicheren Interpretation unterzieht, aber das ist im Sinne einer straff organisierten Biografie nur konsequent. Der Biograf Karlauf will sich als Chronist und nicht als Exeget literarischer Texte verstanden wissen.

Am George-Kreis hatte der Soziologe und Volkswirtschaftler Max Weber sein Modell der „charismatischen Herrschaft“ entwickelt, und nach den Kriterien dieser Definition beschäftigt sich Karlauf intensiv mit der Entstehung, dem wechselnden Verlauf und den Krisensituationen dieses Männerbundes. Bei diesem - nach Weber - charismatischen Herrschaftsverband hatte der Biograf die Innen- und Außensicht gleichermaßen zu berücksichtigen, den historischen Abstand zu wahren und dennoch etwas von der damaligen Faszination, dem „Wechselspiel von Verführung und Gewalt“ – so Karlauf -, begreifbar zu machen. Dass dann die unheilvolle Kreuzung von Charisma und Bürokratie, wie sie das NS-Regime verkörperte, in eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes führte, kann man dem Sektengründer George und seiner Sekte nicht anlasten. Es bleibt ihm die Ehre, dass Claus von Stauffenberg seiner Entschlossenheit zur Tat Ausdruck verlieh und gegen dieses Regime zu einem Zeitpunkt aufgestanden ist, als die meisten schon resigniert hatten.

Wenn man Karlauf etwas vorhalten will, dann die undifferenzierte Art und Weise, wie diese Männerfreundschaften mal als „Verherrlichung der Knabenliebe“, mal als homosexuell bzw. homoerotisch oder homophil bezeichnet werden. Das mag zwar nicht von primärer Bedeutung sein, aber wenn sich der Verfasser nun schon einmal darauf eingelassen hat, muss er es auch wissenschaftlich exakt vorführen. Auch wenn er angesichts des vorletzten Gedichtbuches „Der Stern des Bundes“ (1914), der der Gemeinschaft ihre Verfassung gab, Georges Dichtung als „ungeheuerlichen Versuch“ bezeichnet, „die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform“ zu erklären, bedarf das doch einer notwendigen Differenzierung.

Als der Gymnasiast Maximilian Kronberger, den George zwei Jahre zuvor kennengelernt hatte, 1904, einen Tag nach seinem 16. Geburtstag, starb, war der „Meister“ dem völligen Zusammenbruch nahe. In einem Gedenkbuch „Maximin“ bezeichnete er den Toten als „darsteller einer allmächtigen Jugend wie wir sie erträumt hatten“, als „einer der von den einfachen geschehnissen ergriffen wurde und uns die Dinge zeigte wie die augen der götter sie sehen“. Das „Sonnenkind“ wurde ihm zu Maximin, er erhob es zum Gott, im Sinne eines kosmischen Mystizismus, und vergöttlichte sich gleichzeitig selbst. In der Kritik an seiner Zeit hatte er seine letzte Hoffnung auf den Jüngling und die Jugend gerichtet, von der alles Heil kommen sollte. In „Der Stern des Bundes“ – der Titel meint wohl den verstirnten Maximin -, steht der Schlüsselsatz: „ich bin ein end und ein beginn“. Das Maximin-Erlebnis wurde für George Ausdruck der Entzweiung mit der eigenen Zeit. Mit der Verkündigung des Maximin-Mythos, so hatte der französische George-Forscher Claude David geschrieben, sei George der „Prophet eines Glaubens“ geworden, ein Künder der Wahrheit, der die Grenzen der Dichtung überschreite.

Das Neue bei George, schon im „Siebenten Ring“ (1907), war das schroffe, urteilende und richtende Wort über die eigene Zeit, waren die Zeitgedichte gewesen, die einen neuen lyrischen Stil Georges einleiteten. Sie behandeln das Thema vom Bruch der Kunst mit der Gesellschaft. Aus jeder zeitgebundenen Kunst wollte George zurück zu einer ewigen, großen, zeitlosen Kunst führen. Selbst die Zeitgedichte, die sich der näheren Gegenwart zuwandten, wurden zu Denkmälern alter und nun verlorener Größe. Ein neuartiger Typus, der zugleich Preis- und Schmähgedicht sein kann, bildete sich aus. Wie könnte die Entzweiung des Dichters mit der Gesellschaft überwunden werden? Anstelle des Liedes benutzte George die Gebärde und die Formel, das Spruchgedicht. Die ganze künstliche Distanzierung der Gedichte aus „Der Teppich des Lebens“ (1900) und das richterliche Pathos der Zeitgedichte wurden aufgegeben.

In „Der Stern des Bundes“ wurde nun die Magie des um George gescharten Bundes verschlüsselt entwickelt (George hat es selbst ein „Geheimbuch“ genannt). Die Gedichte sind Sprüche, die Lehre vom neuen Bund der Erwählten soll zugleich fasslich und dennoch verschlüsselt dargeboten werden. Das erste Buch spricht von der Sendung des Dichters George, wie sie sich ihm im Zeichen Maximins darstellt. Die bildhafte Gebärde ist zu Formeln verkürzt, für die es so gut wie keine Auflösung gibt. Was sollte der Bund der Menschheit bringen? Fülle, Hingabe, Genuss, Sehen. George erteilte der modernen Zivilisations- und Massengesellschaft eine vernichtende Absage. Von dem Fluch des zornigen Himmels sind nur diejenigen ausgenommen, „Nur sie die nach dem heiligen bezirk / Geflüchtet sind … und im tempel / Die opfer tun … und die den weg noch suchend / Brünstig die arme in den abend strecken“. Die beiden anderen Bücher handeln von der Erziehung und vom Leben im Bund sowie vom Gesetz des Bundes. Einzelne Sprüche sind dem Meister in den Mund gelegt, andere einzelnen Jüngern, und wieder andere stellen eine Wechselrede zwischen Jünger und Meister dar.

Das, was George als Wirkung seiner Dichtung erhoffte, nämlich die geistige Wiedergeburt des Menschen aus dem Geist seiner Dichtung, wurde immer wieder durch den Umschlag ins Prophetisch-Symbolische, aus dem Maximin-Mythos zu erklären, ästhetisch gebrochen. Immer ging es George um Verwandlung des Erlebens im Medium der Kunst, um indirekten Ausdruck durch spezifisch künstlerische Mittel, durch Symbolik. Er trennte Wirklichkeit und Kunst streng voneinander und wollte die Wirklichkeit nur im Durchgang durch einen Prozess künstlerischer Verwandlung in der Dichtung gelten lassen. Die virtuose formale Durchgestaltung ist nach wie vor zu bewundern, aber der Aufbruch der George’schen „Wirklichkeit“ ist heute kaum noch nachvollziehbar. Die Loslösung vom George-Kreis, das Verblassen des Lichtes, das Zerbröckeln der menschlichen Bindungen, der Zustand der Entfremdung hatten schon zu Lebzeiten Georges seine Schüler ereilt. Es waren Dichter, für die die Zeit einen Augenblick lang stillstand, die an einer höheren Wirklichkeit teilnahmen, die ihnen die Ewigkeit schien, die aber nicht einmal ein Menschenleben dauerte.

Im letzten Gedichtband „Das neue Reich“ (1928) zeigen Gefolgschaftsdenken und Prophetentum, in welch gefährliche Nähe zum Faschismus George sich begeben hatte. Er selbst warnte jedoch vor dem Geist des Nationalsozialismus und lehnte ein Angebot ab, Präsident der Deutschen Akademie für Dichtung zu werden. 1933 verließ er mit seinem ältesten jüdischen Freund, Karl Wolfskehl, spontan und provokativ, von Ekel erfüllt, das „neue“ Deutschland. Seine selbstgewählte Flucht in die Schweiz war in der Tat eine politische Protesterklärung. Denn George hat unverrückbar daran geglaubt, dass der Geist, genauer der Geist der Literatur, nie ein Fürsprecher der Gewalt sein kann, dass, anders gesagt, die Gewalt immer auf Eliminierung des Geistes zielen muss. Karlaufs Fazit: „Am Ende des Wegs stand ein Täter, der damit rechnen musste, dass seine Tat nur noch symbolischen Charakter haben würde.“

Bei George hat die „hohe“ Lyrik als Dokument einer erschütternden Lebenserfahrung jenen gesteigerten menschlichen Rang zurückgewonnen, den sie schon verloren zu haben schien. Es handelt sich deshalb auch in der George-Rezeption vornehmlich um Dichter, die vom dichterischen Wort ausgehen, von der formalen Strenge und sprachlichen Zucht seiner Gedichte. Zwar wird man der euphorischen Formulierung Gottfried Benns von George als dem „großartigsten Durchkreuzungs- und Ausstrahlungsphänomen, das die deutsche Geistesgeschichte je gesehen hat“, kaum noch zustimmen können, aber es bleibt dennoch die weit gestreute Wirkung eines solchen Dichters wie George erstaunlich, der sich vom literarischen Leben seiner Zeit zwar so fern hielt und dennoch in den literarischen Strömungen seines Jahrhunderts ein so umfassendes Echo auslöste.

Es ist die Faszination durch das gestaltete Wort, die uns heute immer noch bei George ergreift, und weniger die Faszination durch die Haltung, die hinter diesem Wort steht. Das Charisma Georges ist längst verblasst, es uns aber als ein mahnendes Lehrbeispiel der deutschen Geistes- und Literaturgeschichte zwischen Kaiserreich und Hitler-Diktatur eindringlich vorgeführt und in seinen Konsequenzen erläutert zu haben, ist die große Leistung dieser respektheischenden Biografie.

Literaturangaben:
KARLAUF, THOMAS: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. Biographie. Pantheon Verlag, München 2008. 816 S, 16,95 €.

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Klaus Hammer, Literatur- und Kunstwissenschaftler, schreibt als freier Buchkritiker für dieses Literaturmagazin. Er ist als Gastprofessor in Polen tätig


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