München (BLK) – Im März 2010 ist Orhan Pamuks Buch „Der Koffer meines Vaters“ im Carl Hanser Verlag erschienen.
Klappentext: Orhan Pamuk ist ein Augenmensch. Die Bilder eines Bellini faszinieren den in der Türkei lebenden Autor ebenso wie persische Miniaturen. In dieser Sammlung von Essays staunt der Nobelpreisträger für Literatur über die alltäglichen Wunder in New York, huldigt seinen Vorbildern der Literaturgeschichte und gibt Betrachtungen zu Politik und Zeitgeschichte preis. Vielleicht am schönsten sind seine Schilderungen aus dem Alltagsleben – der Tod einer Möwe oder die kindliche Melancholie der kleinen Tochter. Pamuks Essayband ist ein ganzer Kosmos, witzig, verspielt, manchmal provozierend, eine Fundgrube für alle Leser dieses großen Autors.
Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren, studierte Architektur und Journa-lismus. Für seine Romane erhielt er u.a. 2003 den Impac-Preis, 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2006 den Nobelpreis für Literatur. Auf Deutsch erschienen die Romane „Das schwarze Buch“ (1995), „Das neue Leben“ (1998), „Rot ist mein Name“ (2001), „Schnee“ (2005), „Die weiße Festung“ (Neuausgabe 2005), „Das Museum der Unschuld“ (2008) und „Das stille Haus“ (2009); außerdem die Essaybände „Der Blick aus meinem Fenster“ und „Der Koffer meines Vaters“ (2010)und das Erinnerungsbuch „Istanbul“ (2006). Orhan Pamuk lebt in Istanbul.
Leseprobe:
©Carl Hanser Verlag©
Brände und Abrisse
Das große steinerne Familienhaus, in dem erst meine Großmutter, meine Onkel und meine Eltern gemeinsam wohnten und das man später an eine private Grundschule vermietet hatte, ist noch vor meiner Zeit abgerissen worden. Der Konak, eine große Holzvilla, in dem ich meine ersten Grundschuljahre verbrachte, ist abgebrannt. Und auch die alte Villa, in deren Garten wir während der Mittelschulzeit Fußball spielten, ist, wie auch viele Ladengeschäfte und andere Gebäude, zuerst abgebrannt und wurde danach niedergerissen.
Die Geschichte Istanbuls ist eine Geschichte der Brände und Abrisse. Nachdem sich ab Mitte des 16. Jahrhunderts die Holzbauweise in der Stadt weitgehend durchgesetzt hatte und bis zum ersten Viertel des 20. Jahrhunderts bevorzugt wurde, waren es vor allem die Brände, die, abgesehen von den großen Moscheebauten, mehr als dreihundertfünfzig Jahre lang das Stadtbild gestalteten und für die Öffnung von breiteren Straßenzügen sorgten. „Brandstätten“ waren ein häufiges Gesprächsthema in meinen Kindertagen und ein Wort, an dem böse Erinnerungen hafteten: einige Wandreste, die nicht verbrannt waren, da das Erdgeschoss aus Natur- und Ziegelsteinen bestand, die Treppenstufen, von denen die Marmorauflagen gestohlen worden waren, kleine Feigenbäumchen, die zwischen dem Geröll von Ziegel-, Blumentopf- und Glasscherben sprossen, und mittendrin spielende Kinder …
Dass ganze Viertel abbrannten und abgerissen wurden, habe ich nicht mehr erlebt, nur noch die letzten Brände der hölzernen Villen. In meiner Kinderzeit brachen die meisten Brände dieser großen Holzbauten auf geheimnisvolle Weise mitten in der Nacht aus. Bis zur Ankunft der Feuerwehr trafen sich alle Kinder und Jugendlichen aus dem Viertel im Garten der leeren Villa, in dem sie früher gespielt hatten, und schauten unter lebhaften Kommentaren dem Feuer zu.
„Sie haben die schöne Villa angezündet!“ sagte mein Onkel dann später zu Hause.
Es war damals verboten, die alten Holzvillen abzureißen, um neue Wohnhäuser zu errichten, die als Zeichen für Reichtum und Modernität galten. Doch wenn man das Gebäude räumte und es langsam verfallen ließ, wenn das Holz verfaulte und das Innere unbewohnbar geworden war, dann holte man sich die Erlaubnis zum Abriss. Manche Leute lösten die Ziegel aus den Wänden, damit der Bau schneller zusammenbrach, und warteten darauf, dass Regen und Schnee der Ruine den Rest gaben. Noch schneller und radikaler aber war es, mitten in der Nacht, wenn niemand darauf achtete, das Gebäude einfach anzuzünden. Es hieß dann, es sei der Gärtner gewesen, der früher den Garten der Villa gepflegt hatte. Oder die Villa sei vorher an einen Bauunternehmer verkauft worden, der den Brand dann durch seine Leute legen ließ.
Man sprach voller Verachtung von diesen reichen Leuten, die irgendwann mitten in der Nacht wie Verbrecher ihre eigenen, mit den Erinnerungen von mehreren Generationen angefüllten Häuser anzündeten, in denen sie einst alle gemeinsam gelebt hatten. Doch trotz dieser Verachtung und der Kritik am vermeintlich so beschämenden Verhalten anderer Leute hat Jahre später auch meine Familie das große dreistöckige Haus im Art-déco-Stil, das langjährige Heim meines Vaters, meiner Onkel und meiner Großmutter, einem Bauunternehmer übergeben, mitleidlos abreißen und an seiner Stelle ein hässliches Apartmenthaus errichten lassen. Später versuchte mein Vater immer wieder, mich davon zu überzeugen, dass er mit der ganzen Sache nichts zu tun gehabt und „eigentlich“ das schöne alte Haus nie dem Abriss habe überlassen wollen. Er habe sich geschäftlich in Ankara aufgehalten und bei seiner Rückkehr nach Istanbul von der Gartentür aus unter bitteren Tränen mit ansehen müssen, wie das alte Haus den schweren Hammerschlägen zum Opfer fiel.
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Literaturangabe:
PAMUK, ORHAN: Der Koffer meines Vaters. Aus dem Leben eines Schriftstellers. Hanser Verlag, München 2010. 344 S., 24,90 €.
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