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Der Mann, der die Frauen liebte

Zur Neuausgabe von François Truffauts gleichnamigen Film auf DVD

© Die Berliner Literaturkritik, 02.09.10

Von Behrang Samsami

Es ist Weihnachten 1976. Auf dem Friedhof der südfranzösischen Stadt Montpellier findet eine Beerdigung statt. Verwandte, Freunde und Bekannte nehmen jedoch nicht daran teil. Gekommen sind, wie sich herausstellt, ausschließlich Frauen – junge und ältere, blonde und brünette, kleine und große. Es sind allesamt Frauen, von denen jede ihre ganz besondere Beziehung zu dem im Alter von circa 50 Jahren verstorbenen Bertrand Morane hatte. Eine Frau ist nicht unter ihnen. Die Lektorin Geneviève Bigey (gespielt von Brigitte Fossey), die letzte Geliebte des Toten, beobachtet aus einiger Entfernung, wie die vielen weiblichen Trauergäste ans Grab treten und Abschied nehmen. Bei ihrem Anblick erinnert sich Geneviève in einem Moment an einen früheren Ausspruch von Bertrand: „Die Beine der Frauen sind die Zirkel, die den Erdball in allen Himmelsrichtungen ausmessen und ihm sein Gleichgewicht und seine Harmonie geben.“

Dieser Satz, der anfangs wenig Sinn zu machen scheint, gewinnt in den nächsten 120 Minuten, die „L’homme qui aimait les femmes“, wie der Film im Original heißt, etwa dauert und in denen der Zuschauer einen Einblick in das Leben des Verstorbenen bekommt, an Klarheit. Erzählt wird die Geschichte von Bertrand Morane indes nicht von ihm selbst, sondern von seiner letzten Geliebten. Dabei dient Geneviève die Beerdigung als Prolog. Anschließend zeigt sie in einer Rückblende, wie Bertrand gelebt und die vielen Frauen kennen gelernt hat. Es stellt sich schnell heraus, dass der Protagonist ein Mann ist, der sich die ihm bietenden Gelegenheiten nutzt, um die Bekanntschaft einer ihm interessanten Frau zu machen. Stellen sich ihm Hürden in den Weg, lässt er nichts unversucht, sie zu überwinden und sein Ziel zu erreichen. Er ist zwanghaft und rastlos auf der Suche nach Abenteuern.

Allerdings ist Bertrand, der als Ingenieur an einem Institut für Strömungstechnik arbeitet, kein Schürzenjäger. Er drängt sich den Frauen nicht auf, sondern (re-)agiert stets zurückhaltend und freundlich. Vielleicht ist es eine ihm anzusehende Traurigkeit, aber auch die Art, wie er um eine ihm gefallene Dame wirbt, die ihn für sie einnimmt. Dabei veranlasst ihn einmal eine Zurückweisung einer Gleichaltrigen, sich zurückzuziehen und seine Memoiren zu schreiben. Er lässt sein Leben Revue passieren, berichtet von seinen zahlreichen Amouren, thematisiert aber auch die Beziehung zu seiner Mutter, bei der er vaterlos aufwächst. Diese Sequenzen sind in Schwarz-Weiß gedreht und verweisen auch auf die Mehrschichtigkeit, die François Truffaut (1932-1984) in seinem siebzehnten Film anstrebt, stehen sie doch gewissermaßen für eine „Erzählung in der Erzählung“. Aus der Darstellung des schwierigen Mutter-Sohn-Verhältnisses, die an das Debüt des Regisseurs „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (1959) erinnert, lassen sich in der Folge wichtige Rückschlüsse auf Bertrands Charakter und sein Verhältnis zu Frauen als Erwachsener ziehen.

Was seine Besessenheit angeht, passt Morane gut in die Reihe von Figuren, deren (tragische) Schicksale Truffaut Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre verfilmt. In „Die Geschichte der Adèle H.“ (1975) ist es ein junger Mann, auf den sich die Sehnsucht der von Isabelle Adjani dargestellten Protagonistin konzentriert und – da sie nicht erwidert wird – im Laufe der Zeit zu einer fixen Idee wird. Im „Grünen Zimmer“ (1978) ist die Beziehung ebenfalls eine einseitige, weil die von Truffaut selbst gespielte Hauptfigur Julien Davenne den Tod seiner Ehefrau nicht akzeptiert, im Gegenteil in den Erinnerungen schwelgt und nur in ihnen richtig auflebt. Bertrand Morane wiederum wird zu einem obsessiven „Sammler“ von Frauen. Dabei sind seine Verhältnisse stets rein körperlich. Sobald die „Gefahr“ besteht, dass sich Gefühle in die Beziehung „einschleichen“ könnten, zieht er sich zurück. Vielleicht rührt es aber genau aus dieser Einstellung, um die er weiß, dass er nicht selten unnahbar und anziehend zugleich erscheint.

Geneviève, seine letzte Geliebte, weiß um diese bisher von ihm „tabuisierte“ Seite seines Charakters. Als Lektorin liest sie das eingesandte Manuskript seiner Erinnerungen und verteidigt es im Kreise ihrer ablehnenden Verlagskollegen als einen Rückblick, der instinktiv, aufrichtig und selbstkritisch ist und dabei die Widersprüche des Lebens offen legt. Ihrer Meinung nach dokumentiert es zugleich auch einen Umbruch im Verhältnis der Geschlechter zueinander. Im Gespräch mit Bertrand erläutert sie ihre These einmal mit den Worten: „Wissen Sie, wie ich Ihr Buch sehe, wie ein Rechenschaftsbericht über die Mann-Frau-Beziehung im 20. Jahrhundert. … Sie sind sich wohl sicher im Klaren, dass sich gerade alles ändert?“ „Ja ja, vielleicht, aber ich bin mir nicht sicher, dass … oder besser gesagt, dieser Kumpelaspekt reizt mich nicht besonders… Bisher gab es in der Liebe dieses Spiel. Ich finde es jedenfalls notwendig.“ „Den spielerischen Anteil wird es immer geben, nur die Regeln ändern sich gerade… Und was zuerst verschwinden wird, sind die Machtbeziehungen. Spielen wird man immer, aber gleichgestellt.“

Dass der Regisseur für die Rolle seines Protagonisten übrigens den französischen Schauspieler Charles Denner (1926-1995) ausgewählt hat, ist kein Zufall. Bereits zehn Jahre zuvor hat der im polnischen Tarnów geborene Akteur in François Truffauts Drama „Die Braut trug Schwarz“ (1967) mit dem Maler Fergus schon einmal einen notorischen Frauenverführer gespielt. Für den Filmemacher ist „Der Mann, der die Frauen liebte“ so gesehen auch eine „Ausweitung jener Figur“, wie er in einem Brief vom 4. Mai 1976 an seinen Hauptdarsteller schreibt. Wahrscheinlich spielt Truffaut aber auch auf einen anderen Film an, in dem Denner die Hauptrolle spielt und der ihn bekannt macht. In Claude Chabrols Krimi „Landru“ (1962), der auf wahren Begebenheiten basiert, mimt er den gleichnamigen, äußerst charmanten Antiquitätenhändler, der per Heiratsanzeige und mit Vorliebe allein stehende Frauen mittleren Alters kennenlernt. Im Gegensatz zu Bertrand Morane aber erwirbt Landru in der Folgezeit neben ihrem Vertrauen auch das Vermögen der Damen und nimmt ihnen anschließend das Leben.

Möglich ist auch, dass Truffaut mit „Der Mann, der die Frauen liebte“ an zwei Filme seines Kollegen Éric Rohmer (1920-2010) anspielt. Wünscht sich der zwar erst frisch verheiratete, sich durch die Ehe aber eingezwängt fühlende Bernard in „Liebe am Nachmittag“ (1972) die Frauen in seiner Umgebung kennen und lieben zu lernen, lebt die junge Haydée in „Die Sammlerin“ (1967) offen ihre Promiskuität aus und ähnelt Bertrand Morane darin, dass sie sich in ihren – obschon flüchtigen – Beziehungen schnell langweilt und nach kurzer Zeit eine neue Liaison eingeht. Wiederum ist es seine Geliebte Geneviève, die diesen Sachverhalt mit ihren Worten auf den Punkt bringt: „Bertrand suchte das unmögliche Glück in der Menge, in der Vielfältigkeit… Warum müssen wir bei so vielen Menschen das suchen, wovon unsere gesamte Erziehung behauptet, dass man es in einer Person finden kann… Von all den Frauen, die ihm in seinem Leben begegnet sind, wird dennoch etwas zurückbleiben, eine Spur, ein Selbstzeugnis, ein rechteckiges Objekt, ein Gegenstand von 320 Seiten – das, was man ein Buch nennt.“

Der Verweis auf Bertrand Moranes autobiografischen Roman ist an dieser Stelle nicht unwichtig. Das Buch spielt nämlich für das Verständnis der Hauptfigur eine zentrale Rolle, und zwar weil in „Der Mann, der die Frauen liebte“ die Literatur dem Protagonisten als eine Möglichkeit dient, nicht nur seine zahlreichen amourösen Abenteuer darzustellen. Sie erlaubt ihm auch, sich durch den selbst auferlegten Erinnerungs- und Schreibvorgang die für seine Entwicklung traumatischen Erlebnisse zu vergegenwärtigen. Damit ist auf eine Strategie verwiesen, die Bertrand wiederum mit anderen Filmfiguren von François Truffaut gemeinsam hat. In „Tisch und Bett“ beginnt die von Jean-Pierre Léaud gespielte Hauptfigur Antoine Doinel einen Roman zu schreiben, der in dem letzten Film mit Léaud als Alter Ego des Regisseurs, nämlich in „Liebe auf der Flucht“ (1978), mittlerweile erschienen ist und ein Schlüsselwerk für den Protagonisten darstellt. Und auch in „Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent“ (1971) hält die männliche Hauptfigur Claude Roc ihre Erlebnisse und Gefühlszustände schriftlich fest, um sie später als Material für ein autobiografisches Buch zu verwerten.

Vielleicht klarer und anschaulicher als alle seine anderen Filme verknüpft „Der Mann, der die Frauen liebte“ die zentralen Themen des französischen Regisseurs: Eine unglückliche Kindheit bedingt und fördert die Obsession eines Menschen, dessen Tragik es ist, seinem Schicksal nicht entfliehen zu können. Zeitweise Linderung verschafft ihm allerdings die Kunst und in diesem Zusammenhang vor allem die Literatur. Sie gibt den Individuen nämlich den Raum, persönliche Probleme und Konflikte zu abstrahieren und zu variieren, und so die Möglichkeit, sie durch „spielerischen“ Umgang wenn nicht zu verarbeiten, so doch zumindest zu artikulieren. Und so wie die Literatur den Charakteren als Medium der Reflexion dient, so nutzt Truffaut seinerseits den Film, um mit ihm die Wechselbeziehung von Leben und Kunst zu thematisieren. In „Der Mann, der die Frauen liebte“ macht er auf beispielhafte, weil gewissermaßen dokumentarische Weise deutlich, wie Reales und Fiktionales ineinander wirken bzw. wie sie einander beeinflussen. Die Darstellung von Bertrand Moranes Lebensgeschichte und ihrer anschließenden literarischen Verarbeitung im Medium Film verknüpft und erfüllt zugleich den Anspruch des Regisseurs, das enge Verhältnis von Leben, Literatur und Kino deutlich zu machen – und zwar anhand eines unterhaltsamen wie nachdenklich stimmenden Plots.

Literaturangabe:

TRUFFAUT, FRANÇOIS: Der Mann, der die Frauen liebte. DVD. Süddeutsche Zeitung Cinemathek. Berlinale 7, München 2010. 11,99 €.

Weblink:

Süddeutsche Zeitung

 

 


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