Das Leben mit Max Frisch

Keine Enthüllungen bei Ursula Priess: Der „Sturz durch alle Spiegel“

© Die Berliner Literaturkritik, 22.06.09

Von Thomas Strünkelnberg

Es ist ein Eingeständnis, das erstaunlich schwer zu fallen scheint: „Ich bin die Tochter von Max Frisch.“ Spätestens von den Kindern Thomas Manns weiß man schließlich, dass es hart sein kann, das Leben mit einem Schriftsteller. Von der Kälte des Blicks des Schriftstellers und der Angst vor Verletzung erzählt auch die Tochter von Max Frisch, Ursula Priess, in ihrem Buch „Sturz durch alle Spiegel“. 18 Jahre nach dem Tod des Vaters stellt sich heraus, dass die Tochter noch immer auf der Suche nach dem Vater ist. Es ist ein Buch des Protests, der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins, aber eine Anklage ist es nicht.

Und vor allem ist es kein Enthüllungsbuch. Das ist es, was es trotz aller Anleihen beim Werk des Vaters von eben diesem unterscheidet. Denn Max Frisch war manchmal gnadenlos offen, vor allem in seinem 1975 erschienen Buch „Montauk“, seinem wohl privatesten Buch. Hier erzählte er alles — über seine Ehen, die Beziehung zu Ingeborg Bachmann und über seine Kinder. Dass seine damalige Frau ihm verbot, über sie zu schreiben — Max Frisch enthüllte es vor aller Welt. Nach dem Erscheinen dieses Buchs brach seine erste Tochter Ursula die Beziehung zum Vater ab: „Was hatte ich mit dem Mann zu tun — nur weil er zufällig mein Erzeuger ist, muss ich noch lange nicht?“

Doch schon von Beginn an scheint die Beziehung eine schwierige gewesen zu sein. 1954 verließ Frisch seine erste Frau und die drei Kinder. Zurückblickend schrieb er: „Als jüngerer Mann habe ich mir Kinder nicht eigentlich gewünscht; die schlichte Nachricht, dass ein Kind gezeugt worden ist, hat mich gefreut: der Frau zuliebe.“ Ein ungeheuerlicher Satz, den man von einem Vater eigentlich nicht erwartet. Wie er es gemeint haben könnte, weiß auch die Tochter nicht: „Ich musste gestehen, dass ich es nicht weiß, Max aber auch nie danach gefragt habe, wie er es gemeint habe — die Wirkung hingegen, das weiß ich, war verheerend.“

Das zeigt die Distanz zwischen Vater und Tochter, die noch wuchs durch die Rolle des Vaters, der eben nicht nur Vater, sondern auch Schriftsteller ist und weitergibt, wie er Menschen sieht: „Die Ohnmacht, dann die Angst vor dieser Ohnmacht — denn wo du verhandelt wirst, hast du keinen Zutritt, und das Bild, das von dir entworfen oder eben festgeschrieben wird — du kannst es nicht mitbestimmen und nicht korrigieren.“

Erst gegen Ende des Lebens des an Krebs erkrankten Schriftstellers (1911-1991) stellt die Tochter fest, ihren Vater zu lieben. Doch sagen kann sie es ihm nicht. Immerhin wird ihr klar, dass sich ihr ganzes Leben um den Vater gedreht haben muss — obwohl sie eigentlich nie wieder etwas mit ihm zu tun haben wollte.

Den Grund für die Beschäftigung mit dem Vater erklärt die Autorin in der Rahmenhandlung: Die Erzählerin hat mit einem ihr fast unbekannten Mann telefoniert, immer öfter und immer vertrauter. Schließlich treffen sie sich in Venedig, erzählen einander von früher — bis er erschrocken ausruft: „Der Frisch also, der ist ihr Vater!?“ Dieser Mann stellt sich schließlich als derjenige heraus, der Jahrzehnte zuvor eng mit Ingeborg Bachmann verbunden war — der Geliebte der Geliebten des Vaters.

Ein eigentlich kaum glaubhafter Zufall. Doch das Buch von Ursula Priess ist voll davon: Ein junger Mann, ihre erste Liebe, ist der Sohn von Max Frischs erster Liebe. Auch der Arzt, der seine Krankheit diagnostiziert, scheint ein früher Geliebter Ursulas zu sein. Dies sind Verstrickungen, wie sie sich der Schriftsteller selbst ausgedacht haben würde — und auch die Form des Buchs zeigt Anleihen beim Vater: Zitate, Zeitsprünge, kurze, tagebuchhafte Abschnitte, Wechsel des Erzählers, Spiel mit Wahrheit und Literatur. Allerdings bleibt vieles vage, vieles lässt die Erzählerin offen — dies ist der Unterschied zu „Montauk“. Und dieser Unterschied ist ihr wichtig. So schreibt sie im Postskriptum: „Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material.“

Literaturangabe:

PRIESS, URSULA: Sturz durch alle Spiegel. Ammann Verlag, Zürich 2009. 176 S., 18,95 €.

Weblink:

Ammann Verlag


Bookmark and Share

Copyright © 2002-2009 Die Berliner Literaturkritik. Alle Rechte vorbehalten. Realisierung: <script-o-flex/>