MÜNCHEN (BLK) – 2008 erschien Brian Herberts Si-Fi-Roman „Die Erlöser des Wüstenplaneten“ bei Heyne. Das Buch ist die Fortsetzung der, von seinem 1986 verstorbenen Vater Frank Herbert geschaffenen Saga des Wüstenplaneten.
Klappentext: Mit dem Wüstenplanet-Zyklus hat Frank Herbert eine Zukunftssaga geschaffen, die den größten Teil unserer Galaxis und einen Zeitraum von Tausenden von Jahren umfasst und in ihrer epischen Wucht und ihrem außerordentlichen Detailreichtum nur mit J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ zu vergleichen ist. Nach dem Tod des Autors 1986 schien diese Saga – zum Bedauern von Millionen von Leserinnen und Lesern rund um die Welt – zu einem Abschluss gekommen zu sein. Doch nun geht das Abenteuer weiter: Gestützt auf den umfangreichen Nachlass seines Vaters und gemeinsam mit dem bekannten Star-Wars-Autor Kevin J. Anderson setzt Frank Herberts Sohn Brian Herbert das atemberaubende Epos fort.
Die Menschheit steht vor ihrer endgültigen Auslöschung. Eine jegliches Leben vernichtende Maschinenarmee rückt an allen Fronten vor, erobert einen Planeten nach dem anderen, löscht mit tödlichen Seuchen die Bewohner aus, verwandelt ganze Planeten mit dem Feuer ihrer riesigen Schlachtschiffe in Ödland. Billionen Menschen haben bereits den Tod gefunden, denn die Streitkräfte der Menschheit sind hoffnungslos unterlegen. Die Mannschaften ihrer Schiffe sind von Gestaltwandlern unterwandert, die im Dienst des Allgeistes Omnius stehen, des galaktischen Universalcomputers. Sie sabotieren die Antriebe und machen die Waffen unbrauchbar. Die Vereinigte Schwesternschaft und die Geehrten Matres haben ihre letzte Hoffnung auf den Ghola von Paul Atreides gesetzt, den legendären Paul Muad’dib von Arrakis, doch die Pläne schlagen fehl: Er ist nicht der erhoffte Kwisatz Haderach, der nach den alten Überlieferungen die Menschheit in den Kralicek, die „Letzte Schlacht“, führen soll. Doch wer ist der verheißene Erlöser? Wer kann den grausamen Krieg zwischen Mensch und Maschine beenden?
Brian Herbert, der Sohn des 1986 verstorbenen Wüstenplanet-Schöpfers Frank Herbert, hat selbst SF-Romane verfasst, darunter den in Zusammenarbeit mit seinem Vater entstandenen „Mann zweier Welten“.
Kevin J. Anderson ist einer der meistgelesenen SF-Autoren unserer Zeit. Zuletzt ist von ihm die gefeierte „Saga der Sieben Sonnen“ erschienen.
Die beiden Autoren haben mit „Die Chroniken des Wüstenplaneten“ und „Die Legenden des Wüstenplaneten“ bereits die große Vorgeschichte von Frank Herberts Epos erzählt. Eine Liste aller im WILHELM HEYNE VERLAG erschienenen Wüstenplanet-Bücher finden Sie am Ende des Bandes. (vol)
Leseprobe:
© Heyne ©
Auch dieses Buch ist für Frank Herbert, einen Mann mit großartigen und wunderbaren Ideen. Dem Genie, das diese unglaubliche Serie geschaffen hat, sind wir auf ewig zu Dank verpflichtet. Er war unser Mentor, seit wir neue Geschichten in seinem phantastischen Dune-Universum schreiben. Die Erlöser des Wüstenplaneten ist chronologisch das große Finale, wie er es sich vorgestellt hatte, und wir sind besonders glücklich darüber, es endlich seinen Millionen Fans zugänglich machen zu können.
Kurz nach der Rückkehr der Geehrten Matres in das Alte Imperium lernte die Schwesternschaft der Bene Gesserit, sie zu hassen und zu fürchten. Die Eindringlinge setzten ihre schrecklichen Auslöscher ein, um Planeten der Bene Gesserit und der Tleilaxu zu vernichten. Auch die Industriewelt Richese mit ihren gewaltigen Waffenfabriken und selbst Rakis fiel ihnen zum Opfer. Doch die Geehrten Matres benötigten verzweifelt das Wissen, das nur die Schwesternschaft besaß, um gegen den noch größeren Feind zu bestehen, der sie verfolgte. Um dieses Wissen zu erlangen, griffen sie wie gereizte Schlangen mit grausamer Gewalt an.
Nach der Schlacht auf Junction wurden die zwei verfeindeten Gruppen gezwungen, sich zur Neuen Schwesternschaft zu vereinigen. Dennoch setzten die Fraktionen ihren Kampf um die Vorherrschaft fort. Welche Verschwendung von Zeit, Begabung und Blut! Die wahre Bedrohung kam von außen, aber wir kämpften weiterhin gegen den falschen Feind.
Mutter Befehlshaberin Murbella
Ansprache an die Neue Schwesternschaft
Zwei Menschen treiben in einem Rettungsboot über das offene Meer. Der eine sagt: „Da! Ich sehe eine Insel. Wir sollten die Chance nutzen, an Land zu gehen, uns eine Unterkunft zu bauen und auf Rettung zu warten.“ Der andere sagt: „Nein, wir müssen weiter über das Meer treiben und hoffen, dass wir auf eine Schifffahrtsroute stoßen. Das ist unsere beste Chance.“ Weil sie sich nicht einigen können, kämpfen die beiden gegeneinander, das Rettungsboot kentert, und sie ertrinken.
Das ist die Wesensart des Menschen. Selbst wenn es im gesamten Universum nur noch zwei von ihnen gäbe, würden sie unweigerlich gegensätzliche Standpunkte einnehmen.
Akoluthen-Handbuch der Bene Gesserit
Durch die Wiedererschaffung bestimmter Gholas verändern wir das Gewebe der Geschichte. Nun lebt Paul Muad’dib wieder unter uns, zusammen mit seiner geliebten Chani, seiner Mutter Lady Jessica und seinem Sohn Leto II., dem Gottkaiser des Wüstenplaneten. Die Präsenz des Suk-Arztes Wellington Yueh, dessen Verrat ein großes Haus in die Knie zwang, ist zugleich verstörend und tröstlich. Auch der Krieger-Mentat Thufir Hawat, der Fremen-Naib Stilgar und der große Planetologe Liet-Kynes existieren wieder. Welche Möglichkeiten sich daraus ergeben!
Sie bilden eine mächtige Armee. Wir werden ihre Genialität nötig haben, denn wir stehen einem Feind gegenüber, der schrecklicher ist, als wir uns vorstellen können.
Duncan Idaho, Bekenntnisse nicht nur eines Mentaten
Ich habe fünfzehntausend Jahre lang gewartet, geplant und mich vorbereitet. Ich habe mich weiterentwickelt und bin stark geworden. Es wird Zeit.
Omnius
ERSTER TEIL
21 Jahre nach der Flucht von Ordensburg
1
So viele Menschen, die ich einst gekannt habe, sind noch nicht wiedergeboren. Sie fehlen mir, obwohl ich mich nicht an sie erinnere. Die Axolotl-Tanks werden bald Abhilfe schaffen.
Lady Jessica, der Ghola
Während der Irrfahrt des Nicht-Schiffes Ithaka erlebte Jessica die Geburt ihrer Tochter, aber nur als Beobachterin. Sie war gerade erst vierzehn geworden, als sie sich gemeinsam mit vielen anderen in der medizinischen Abteilung drängte und zusah, wie sich zwei Suk-Ärzte der Bene Gesserit im Nebenraum bemühten, das winzige Mädchen aus einem Axolotl-Tank zu holen.
»Alia«, sagte eine Ärztin leise.
Dieses Kind war nicht Jessicas leibliche Tochter, sondern ein Ghola, der aus konservierten Zellen herangezüchtet worden war. Bisher war noch keiner der jungen Gholas an Bord des Nicht-Schiffes mit sich selbst identisch. Sie hatten noch keinen Zugang zu ihrer ursprünglichen Persönlichkeit und zu ihren Erinnerungen an die Vergangenheit gefunden.
Im Hintergrund ihres Bewusstseins versuchte etwas, an die Oberfläche zu gelangen, und obwohl es Jessica wie ein lockerer Zahn zu schaffen machte, konnte sie sich nicht an Alias erste Geburt erinnern. Im Archiv hatte sie immer wieder die legendären Berichte gelesen, die von Muad’dibs Biographen verfasst worden waren. Aber sie hatte keine eigene Erinnerung daran.
Sie kannte nur die Bilder in den historischen Aufzeichnungen: Fremen umstanden einen trockenen, staubigen Sietch auf Arrakis. Jessica und ihr Sohn Paul waren auf der Flucht und wurden von den Wüstenmännern aufgenommen. Herzog Leto war tot, von den Harkonnens ermordet. Als Schwangere hatte Jessica das Wasser des Lebens getrunken und den Embryo in ihr nachhaltig verändert. Seit dem Augenblick ihrer Geburt war die ursprüngliche Alia anders als normale Säuglinge gewesen. Sie hatte Zugang zu uraltem Wissen und Wahnsinn, sie konnte die Weitergehenden Erinnerungen anzapfen, ohne sich der Gewürzagonie aussetzen zu müssen. Sie war die Abscheulichkeit.
Das war eine andere Alia gewesen. Zu einer anderen Zeit und unter anderen Voraussetzungen.
Nun stand Jessica neben ihrem „Sohn“ Paul, dem Ghola, der chronologisch ein Jahr älter als sie war. Paul wartete an der Seite seiner geliebten Fremen-Gefährtin Chani und dem neunjährigen Ghola eines Jungen, der wiederum ihr gemeinsames Kind war, Leto II. In ihrer ersten Lebensversion war dies Jessicas Familie gewesen.
Der Orden der Bene Gesserit hatte diese historischen Gestalten wiederbelebt, damit sie den Kampf gegen den schrecklichen Äußeren Feind unterstützten, von dem sie gejagt wurden. Sie hatten Thufir Hawat, den Planetologen Liet-Kynes, den Fremenführer Stilgar und selbst den berüchtigten Dr. Yueh. Und nun, nachdem man sie innerhalb des Ghola-Programms fast ein Jahrzehnt lang zurückgehalten hatte, war auch Alia zur Gruppe gestoßen. Andere würden bald folgen. Die drei noch übrigen Axolotl-Tanks waren bereits mit neuen Kindern schwanger: Gurney Halleck, Serena Butler, Xavier Harkonnen.
Duncan Idaho warf Jessica einen fragenden Blick zu. Der ewige Duncan mit sämtlichen Erinnerungen aus all seinen früheren Leben … Sie fragte sich, was er über das neue Ghola-Baby denken mochte, eine Blase aus der Vergangenheit, die an die Oberfläche der Gegenwart stieg. Vor langer Zeit war der erste Duncan-Ghola Alias Gemahl gewesen …
* * *
Duncan war nicht anzumerken, wie alt er war. Der erwachsene Mann mit dem dunklen, drahtigen Haar sah genauso aus wie der Held aus den vielen historischen Aufzeichnungen, von der Zeit des Muad’dib über die fünfunddreißig Jahrhunderte währende Herrschaft des Gottkaisers bis jetzt, weitere fünfzehn Jahrhunderte später.
Verspätet und gehetzt stürmte der alte Rabbi in die Geburtskammer, begleitet vom zwölfjährigen Wellington Yueh. Die Stirn des jungen Yueh wurde nicht von der karoförmigen Tätowierung der berühmten Suk-Schule geziert. Der bärtige Rabbi schien zu glauben, er könnte den schlaksigen Jungen davor bewahren, die schrecklichen Verbrechen zu wiederholen, die er in seinem früheren Leben begangen hatte.
In diesem Moment blickte der Rabbi mürrisch drein, wie er es unweigerlich tat, wenn er in die Nähe der Axolotl-Tanks kam. Da die Bene-Gesserit-Ärzte ihn ignorierten, ließ der alte Mann sein Missfallen an Sheeana aus. „Nach Jahren der Vernunft haben Sie es wieder getan! Wann werden Sie damit aufhören, Gott herauszufordern?“
Nach einem unheilvollen prophetischen Traum hatte Sheeana einen vorläufigen Aufschub für das Ghola-Projekt verhängt, das sie von Anfang an mit großer Leidenschaft verfolgt hatte. Doch ihr kürzliches Martyrium auf dem Planeten der Bändiger, wo sie beinahe von Jägern des Feindes gefangen genommen worden war, hatte Sheeana gezwungen, diese Entscheidung zu überdenken. Die große historische und strategische Erfahrung der wiedererweckten Gholas mochte sich als stärkste Waffe erweisen, die das Nicht-Schiff aufzubieten hatte. Sheeana hatte sich entschieden, das Risiko einzugehen.
Vielleicht wird Alia eines Tages unsere Rettung sein, dachte Jessica. Oder einer der anderen Gholas …
Sheeana hatte das Schicksal herausgefordert und an diesem ungeborenen Ghola ein Experiment vorgenommen, damit das Kind der ursprünglichen Alia noch ähnlicher wurde. Sie hatte den Zeitpunkt geschätzt, als die ursprüngliche Jessica während ihrer Schwangerschaft das Wasser des Lebens zu sich genommen hatte, und die Suk-Ärzte der Bene Gesserit angewiesen, den Axolotl-Tank mit einer fast tödlichen Überdosis Gewürz zu fluten. Um den Fötus damit zu sättigen. Um zu versuchen, eine zweite Abscheulichkeit zu erschaffen.
Jessica war entsetzt gewesen, als sie davon erfahren hatte – aber zu spät, um noch etwas dagegen unternehmen zu können. Wie würde das Gewürz den Embryo beeinflussen? Eine Überdosis Melange war etwas anderes, als sich der Agonie zu unterziehen.
Eine Suk-Ärztin sagte zum Rabbi, dass er sich aus der Geburtskammer entfernen sollte. Mit finsterer Miene hob der alte Mann zitternd die Hand, als wollte er das blasse Fleisch des Axolotl-Tanks segnen. „Ihr Hexen glaubt, dass diese Tanks keine Frauen mehr sind, dass sie nicht mehr menschlich sind – aber das ist immer noch Rebecca. Sie ist und bleibt ein Kind meiner Herde.“
„Rebecca erfüllt eine überlebenswichtige Aufgabe“, sagte Sheeana. „Alle Freiwilligen wussten genau, was sie taten. Sie hat ihre Verantwortung angenommen. Warum könnenSie es nicht?“
Der Rabbi wandte sich verzweifelt dem jungen Mann an seiner Seite zu. „Sprich du zu ihnen, Yueh. Vielleicht werden sie auf dich hören.“
Jessica hatte den Eindruck, dass der bleiche junge Ghola die Tanks eher mit Faszination als mit Empörung betrachtete. „Als Suk-Arzt“, sagte er, „habe ich schon viele Kinder zur Welt gebracht. Aber noch nie eins wie dieses. Zumindest glaube ich es nicht. Manchmal bin ich verwirrt, weil ich keinen Zugang zu meinen Ghola-Erinnerungen habe.“
„Rebecca ist ein Mensch, nicht nur irgendeine biologische Maschine, die Melange und Gholas ausbrüten soll. Das musst du doch einsehen!“ Die Stimme des Rabbi wurde lauter.
Yueh zuckte die Achseln. „Weil ich auf dieselbe Weise geboren wurde, kann ich das nicht völlig objektiv beurteilen. Wenn meine Erinnerungen wiederhergestellt wären, würde ich Ihnen vielleicht zustimmen.“
„Du brauchst keine Originalerinnerungen, um denken zu können! Du kannst doch denken, oder?“
„Das Baby ist bereit“, unterbrach sie eine Ärztin. „Wir müssen es jetzt dekantieren.“ Sie wandte sich ungeduldig an den Rabbi. „Lassen Sie uns jetzt unsere Arbeit tun – sonst könnte auch der Tank Schaden erleiden.“
Mit angewidertem Schnauben drängte sich der Rabbi durch die Menschen in der Geburtskammer. Yueh blieb und sah weiter zu.
Eine der Suk-Frauen band die Nabelschnur ab, die vom organischen Tank zum Kind führte. Eine kleinere Kollegin durchschnitt die fleischfarbene Verbindung. Dann wusch sie das blutverschmierte Baby und hob die kleine Alia in die Luft. Das Kind stieß sofort einen lauten Schrei aus, als hätte es kaum erwarten können, geboren zu werden. Jessica seufzte erleichtert über die gesunde Stimme, die ihr verriet, dass dieses Mädchen keine Abscheulichkeit war. Die Original-Alia hatte bei ihrer Geburt angeblich mit den Augen und der Intelligenz eines Erwachsenen in die Welt hinausgeblickt. Das Geschrei dieses Babys klang normal. Doch dann verstummte es abrupt.
Während sich eine Ärztin um den erschlafften Axolotl-Tank kümmerte, trocknete die andere das Kind ab und hüllte es in eine Decke. Jessica spürte unwillkürlich ein Zerren an ihrem Herzen und hätte am liebsten nach dem Baby gegriffen, um es zu halten, aber sie konnte diesen Impuls unterdrücken. Würde Alia plötzlich zu sprechen beginnen, mit Stimmen aus den Weitergehenden Erinnerungen? Doch das Baby blickte sich nur in der medizinischen Abteilung um, offenbar ohne den Blick auf etwas Bestimmtes konzentrieren zu können.
Andere würden sich um Alia kümmern, ähnlich wie die Bene-Gesserit-Schwestern neugeborene Mädchen unter ihre Fittiche nahmen. Die erste Jessica, die unter den prüfenden Augen von Zuchtmeisterinnen zur Welt gekommen war, hatte niemals eine Mutter in herkömmlicher Hinsicht gehabt. Genauso wenig wie diese Jessica, diese Alia oder irgendein anderes der Ghola-Babies. Die neue Tochter würde gemeinschaftlich in einer improvisierten Gesellschaft aufgezogen werden, und man würde ihr mehr wissenschaftliche Neugier als Liebe entgegenbringen.
„Was sind wir doch für eine seltsame Familie“, flüsterte Jessica.
© Heyne ©
Literaturangaben:
HERBERT, BRIAN: Die Erlöser des Wüstenplaneten. Roman. Übersetzt von Bernhard Kempen. HEYNE Verlag, München 2008. 656 S., 15 €.
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