Werbung

Werbung

Werbung

Des Teufels Generäle – Abhörprotokolle deutscher Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft

Sönke Neitzels „Abgehört“ in der Taschenbuchausgabe

© Die Berliner Literaturkritik, 11.02.08

 

Zu den Vorzügen unserer Zeit gehört das Web 2.0. Es erlaubt seinen Nutzern, sich über die unzähligen Kanäle des Übermediums Internet der Welt mitzuteilen – etwa als Online-Literaturkritiker. Damit bereichern sie die Welt, und sei es nur dadurch, dass sie zum globalen Kuriositätenkabinett beitragen.

Ein solcher Beitrag ist auf der britischen Seite des Internetkaufhauses Amazon zu finden. Dort kommentiert ein Kunde, der sich „General’s grandson“ nennt, die kürzlich erschienene Übersetzung von „Abgehört“. Er behauptet, sein Großvater mütterlicherseits sei einer der Generäle, die zwischen 1942 und 1945 in britischer Kriegsgefangenschaft abgehört worden seien, und dessen Worte sich im Buch wiederfänden. Das Urteil des Enkels fällt positiv aus: General Großvater sei gut weggekommen, und das Buch selbst biete Stoff für ein Theaterstück.

So kurios der britische Kritiker auch sein mag, mit seinem Gespür für die dramatische Qualität der Abhörprotokolle steht er nicht allein da. In der neulich vom ZDF ausgestrahlten Dokumentationsserie „Die Wehrmacht – Eine Bilanz“ bildeten die vom Historiker Sönke Neitzel schon 2005 herausgebrachten Quellen den Mittelpunkt jeder Sendung. Wie bei den Edutainment-Sendungen aus der Knoppschen Geschichtswerkstatt (zu der auch Neitzel gehört) üblich, enthält sie allerlei von Schauspielern nachgespielte „historische Szenen“. In diesem Fall waren es vor allem geschniegelte Generäle, die im gediegenen Ambiente eines englischen Landsitzes gepflegt über Massenmord parlierten.

Dass die Wehrmacht alles andere als „sauber“, sondern ganz im Gegenteil in Holocaust und Kriegsverbrechen verstrickt war, ist spätestens seit der Wehrmachtsausstellung in das historische Bewusstsein der Deutschen eingesickert. Neitzels Quellenedition hat bei ihrem Erscheinen dennoch für einiges Aufsehen gesorgt. Das lag vor allem an der Offenheit, mit der die inhaftierten Generäle über ihr Wissen, ihre politischen und militärischen Fehler sowie ihre Beteiligung an Kriegsverbrechen und Völkermord sprachen. Ahnungslos, dass alle Gespräche mitgeschnitten wurden, gaben sie unter ihresgleichen zu, was sie nach dem Krieg in zahllosen Apologien verschwiegen oder bestritten.

Abgesehen von den vielen Belegen, die erneut und hoffentlich endgültig die „saubere Wehrmacht“ in das Reich der Legenden verbannen, besticht „Abgehört“ als ein Dokument absurder Geschichte. Während Krieg und Völkermord noch tobten, jeden Tag tausende Menschen verreckten, lebte eine kleine Gruppe deutscher Generäle in einer Zeitblase. In dem bei London gelegenen, idyllischem Landsitz Trent Park logierten die uniformierten Gäste samt Burschen, lasen zur Teezeit die „Times“ oder Exemplare aus der hervorragenden Bibliothek des deutschen Botschafters, spielten Schach und suchten immer wieder das Gespräch mit den anderen Gefangenen.

Schon die Gespräche über den Krieg wirken seltsam fehl an diesem unwirklich friedlichen Ort. Regelrecht absurd aber sind die Beichten über das, was an und hinter der Front noch geschah. Die Edition enthält zwar Protokolle zu vier Themenbereichen – Allgemeines zu Politik und militärischer Lage, Kriegsverbrechen und Völkermord, 20. Juli, Gründung einer antinationalsozialistischen Widerstandsgruppe –, diejenigen über Kriegsverbrechen stehen aber im krassesten Widerspruch zur Landhausidylle und hinterlassen den stärksten Eindruck beim Leser.

Die Unverblümtheit der entsprechenden Protokolle ist bemerkenswert. In einem Gespräch zweier nicht identifizierter Offiziere, die vermeintliche Verbrechen an Deutschen gegen deutsche Verbrechen aufwogen, hieß es zum Beispiel: „Sicher. Aber das ist immer ganz anders, wie wenn man ganze Völkerschaften auszurotten versucht. – Na, diese Absicht haben wir, glaube ich, nicht gehabt. – Ja, wir haben sie vielleicht nicht gehabt, aber wir haben es getan.“ Selbst das Ausmaß des Völkermords war einigen Generalstabsoffizieren schon in der Gefangenschaft erschreckend genau bewusst. Generalleutnant Georg Neuffer erwähnte gegenüber seinen Kameraden am 20. Dezember 1943: „Wir haben das vorgestern Abend mal zusammengestellt und haben überschätzt, dass nach den ganzen Meldungen bis jetzt fünf Millionen Juden erschossen sein müssen, von uns umgebracht worden sind.“

Allein schon wegen dieser einzigartigen Schuldgeständnisse deutscher Eliten im Krieg lohnt die Lektüre von „Abgehört“, das nebst einer umsichtigen Einführung und einem umfangreichen Anmerkungsapparat Kurzbiographien aller abgehörten Offiziere enthält. Eine außerordentliche Quelle zu Krieg und Völkermord!

Von Thomas Hajduk

Literaturangaben:
NEITZEL, SÖNKE: Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945. Mit einem Geleitwort von Ian Kershaw. List Taschenbuch Verlag, Berlin 2007. 656 S., 10,95 €.

Verlag


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: