Von Thomas Maier
Als der Journalist Gabriel Santoro die Lebensgeschichte einer nach Kolumbien emigrierten deutsch-jüdischen Familie veröffentlicht, wird er ausgerechnet von seinem Vater öffentlich niedergemacht. Der renommierte Professor lässt am Buch seines Sohnes kein gutes Haar. Juan Gabriel Vásquez hat das seltsame Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn als Einstieg für seinen Roman „Die Informanten“ gewählt. Und der Leser ahnt, dass die eigentliche Ursache für diesen Konflikt viel tiefer liegt. Seite für Seite kommt dann Santoro - der Ich-Erzähler im Buch - dem dunklen Geheimnis des Vaters näher.
Den historischen Hintergrund für den Roman liefert der Zweite Weltkrieg: Kolumbien war zwar viele tausende Kilometer vom Feuersturm entfernt, mit dem die Nazis Europa überzogen. Doch nach dem Eintritt der USA in den Krieg stellte sich Kolumbien auf die Seite der Alliierten. Mit der Folge, dass die in Kolumbien lebenden Deutschen auf eine „Schwarze Liste“ gesetzt wurden. Sie wurden interniert und verloren oft Beruf und Vermögen, egal ob sie mit Hitler sympathisierten oder nicht. Eine davon war die Familie Deresser, die bereits in den 1920er Jahren als Einwanderer nach Kolumbien gekommen war.
Die Lebenswege der Deressers, der 1938 vor den Nazis geflüchtete jüdische Familie Guterman und der dem kolumbianischen Bürgertum angehörenden Familie Santoro kreuzen sich nun in dieser entscheidenden welthistorischen Epoche. Vásquez verknüpft die Einzelschicksale geschickt - mit Rückblenden und auf mehreren Zeitebenen - zu einem großen Panorama. Es geht um Verrat, Schuld und Sühne. Eine wichtige „Informantin“ ist dabei Sara Guterman, die mit ihrer deutsch-jüdischen Familie aus dem Rheinland nach Bogotá flüchtete. Von ihr erfährt der Ich-Erzähler - Gabriel Santoro – über die Schattenseiten seines Vaters.
Es scheint kein Zufall, dass Vásquez' Buch in eine Zeit fällt, in der Ungerechtigkeiten, die im Zweiten Weltkrieg auch der Täternation - also den Deutschen - widerfahren sind, in den Blickpunkt gerückt sind. Stilistisch nimmt sich Vásquez beim Erzählen eher zurück – er bleibt dem eher spröden Stil der Dokumentation verhaftet. Mit dem“magischen Realismus“ seines berühmten Landsmanns Gabriel García Márquez hat Vásquez, der seit längerem in Barcelona lebt, nichts zu tun. Dennoch gilt er zu Recht als wichtige Stimme unter den jüngeren lateinamerikanischen Autoren, die sich einer neuen Erzählweise verpflichtet sehen. So wurden die 2004 auf Spanisch erschienenen „Informanten“ von Mario Vargas Llosa hochgelobt.
Literaturangabe:
VÀSQUEZ, JUAN GABRIEL: Die Informanten. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010. 384 S., 22,90 €.
Weblink: Schöffling & Co.-Verlag